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08.12.2009

Als Napoleons Armee die Mindelheimer Häuser plünderte

Mindelheim Samstag, 12. Oktober 1805. Durch das Obere Tor dringen 40 000 Mann einer napoleonischen Armee in das kleine Mindelheim ein, das zu diesem Zeitpunkt nur rund 1 000 Einwohner zählt. In den kommenden 24 Stunden erleben die Einwohner die vollkommene Ausplünderung ihrer Stadt, erfahren Angst und Schrecken, sodass die 1821 erschienene Stadtchronik vollkommen richtig von "einer Art Verheerung" berichtet.

Was aber hatte die Armee Napoleons überhaupt in Mindelheim verloren? England, das zu diesem Zeitpunkt Weltmacht war, hatte im Sommer 1805 mit millionenfachen Goldzahlungen Russland, Schweden und Österreich zu einem Angriffskrieg gegen Frankreich zusammengeschlossen. Dem auf der Wiener Hofburg ausgearbeiteten Kriegsplan folgend, war am 9. September 1805 eine 70 000 Mann starke österreichische Armee in Bayern einmarschiert, wobei das Hauptquartier der "österreichischen Deutschlandarmee" am 17. September nach Mindelheim, mit hoher Wahrscheinlichkeit in das Gasthaus Hecht (heute Alte Post) kam.

Österreicher hofften auf den russischen Zaren

Wie durch zahlreiche Korrespondenzen belegt, hielten sich die Oberbefehlshaber, Erzherzog Ferdinand und Feldmarschall-Leutnant Mack, mehrere Male dort auf, um die Bewegungen der Armee zu koordinieren. Während des nur wenige Wochen dauernden Aufenthaltes der ungebetenen Gäste musste Mindelheim die für damalige Verhältnisse sagenhafte Summe von 69 959 Gulden bezahlen. Plan der Österreicher war es, in dem Raum südlich der Donau und östlich der Iller mit Ulm als Hauptstützpunkt (wohin das Hauptquartier am 1. Oktober verlegt wurde) das Eintreffen einer aus den Tiefen Russlands im Anmarsch befindlichen zaristischen Armee abzuwarten, um vereinigt mit dieser den Krieg nach Frankreich zu tragen.

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Die Gegenseite jedoch schlief keineswegs. "Der Kriegsgott selbst" wie Clausewitz Napoleon später nannte, warf, um dem geplanten Angriff auf Frankreich zu begegnen, seine Grande Armée in ungeheuren Gewaltmärschen vom Atlantik in das verbündete Bayern. Bereits vom 7. bis zum 9. Oktober überschritten seine Armeen zwischen Donauwörth und Ingolstadt die Donau und schwenkten nach Westen ein, um die in Ulm sitzenden Österreicher weiträumig einzukreisen. Seine stärkste Armee, das 40 000 Mann starke Armeekorps unter Marschall Soult, marschierte von Augsburg Lech aufwärts nach Süden, um einen eventuellen Ausbruchsversuch der Österreicher von Ulm nach Tirol zu verhindern.

Am 11. Oktober kam es vor den Toren Landsbergs zu einem kurzen, aber heftigen Gefecht, bei dem die zahlenmäßig überlegenen Franzosen ein österreichisches Kürassierregiment in die Flucht schlugen. In den Abendstunden erreichte Marschall Soult ein Befehl Napoleons, dem zufolge er unverzüglich nach Memmingen zu marschieren hatte. Soult folgte der Anweisung seines obersten Kriegsherrn umgehend.

Der an dem Marsch beteiligte Husarenleutnant Petiet berichtete in seinen Memoiren: "Ich begleitete ihn [Soult]. Das Hauptquartier des IV. Korps wurde aufgegeben und in eine kleine Stadt namens Mindelheim verlegt, was für mein Pferd eine Strecke von 21 Meilen bedeutete und es das Leben kostete."

Was geraubt wurde, ist genau verzeichnet

Wie ein im Mindelheimer Stadtarchiv verwahrter, 101 Seiten dicker Aktenordner mit der Aufschrift "Beschrieb der Beschädigungen von Kaiserlich französischen Truppen a. 1805" nachhaltig belegt, hatten die Eindringlinge in den überwiegend blauweißen Uniformen die Freigabe zum Plündern. Haushalt für Haushalt ist darin aufgelistet, was die Franzosen in den kommenden 24 Stunden (sowie in den darauf folgenden Monaten) raubten und beschädigten.

Den akribischen Aufzeichnungen zufolge wurden hierbei in den Tagen zwischen dem 12. und 13. Oktober manche Häuser vollkommen ausgeplündert, wobei den Mindel-heimern wirklich alles genommen wurde, was nicht niet- und nagelfest war. Dass die Soldaten in die an der Hauptstraße (der heutigen Maximilianstraße) gelegenen Wirtshäuser drangen und sich auf alle dort vorfindlichen Alkoholvorräte an Weiß- und Schwarzbier, Branntwein, Kirschgeist und so weiter stürzten, versteht sich fast von selbst.

Das Schauerlichste für die Bürger jedoch war, dass die Franzosen mit Gewalt in ihre Häuser eindrangen und eine Orgie des Plünderns begannen. Neben Lebensmitteln und Tierfutter wurden Strümpfe und Schuhschnallen, Blechlöffel, Zinnteller, eine Kaffeemühle, eine Mistgabel, eine Goldwaage, Tabakpfeifen, eine Schlafhaube, ein Schraubenzieher, ein Nachttopf, mehrere paar Handschuhe, eine Nachthaube, Schnupftücher, Halstücher, Tischdecken, Kinderhemden, zwei Bienenkörbe samt Bienen, Seife, Schürzen, Schuhe, Hosen, Vorhänge, Rupfensäcke, Mehlsäcke, Kopfkissen, Kochtöpfe und vieles mehr rücksichtslos geraubt. Einer armen Magd wurde wortwörtlich "das letzte Hemd" gestohlen. Ob Vergewaltigungen stattfanden, ist nicht bekannt; die bislang aufgetauchten Quellen schweigen hierüber.

3 650 Pferde fielen in die Hände der Soldaten

Die Nacht hindurch biwakierten die Franzosen in zwei größeren Lagern vor den beiden mittelalterlichen Stadttoren. Das erste Lager befand sich unweit des Unteren Tores neben dem St. Johannes-Friedhof, das zweite Lager vor dem Oberen Tor im Hof der Malteser-Kommende. Ein drittes Lager befand sich bei einer südwestlich außerhalb der Stadt gelegenen Sägmühle. Nach ihrem kurzen, den Einwohnern aber kaum vergesslichen Auftritt als Räuberhorde, zogen die Kolonnen Soults unter sintflutartigen Regenfällen weiter auf der Landstraße in Richtung Westen ihrem Marschziel entgegen. Unter anderem nahmen sie dabei auch 3 650 (!) Pferde mit, die sie den Mindelheimern aus den Ställen herausgeführt und gestohlen hatten. Bereits einen Tag später tauchte die französische Armee am östlichen Höhenrand von Memmingen auf, wo eine Panik ausbrach.

Ein Kunsthändler berichtete über die Ereignisse in der Nachbarstadt: "Mittags gegen 1 und 2 Uhr entstand plötzlich ein unbeschreiblicher Lärm! - Die Schanzers-Leute, mehr als 3 000 an der Zahl, stürzten mit dem fürchterlichsten Geschrei - "Die Franzosen kommen..." zu den Toren herein."

Kurze Zeit darauf donnerten die Kanonen. Die verängstigten Bewohner flüchteten in die Keller, zahlreiche Dächer wurden von Kanonenkugeln durchschlagen und Haubitzgranaten explodierten in den Straßen. Wie durch ein Wunder wurden dabei weder Einwohner noch österreichische Soldaten verletzt.

Mehrere Aufforderungen zur Übergabe wurden abgewiesen, wobei die im Goldenen Hirschen am Memminger Marktplatz geführten Kapitulationsverhandlungen einen äußerst dramatischen Verlauf nahmen. Erst am Abend des 14. Oktobers willigte der österreichische Platzkommandant General von Spangen schließlich ein, die Waffen niederzulegen und die 4 000 Mann starke Garnison geriet in französische Kriegsgefangenschaft.

Napoleon ließ nur wenige Monate später eine Gedenkmedaille auf den Sieg von Memmingen prägen und heute findet sich der Name der schwäbischen Stadt aufgrund der dramatischen Ereignisse in keinem geringeren Bauwerk als dem großen Arc de Triomphe in Paris.

Info Der Autor dieses Beitrags, Thomas Schuler, ist Historiker und Autor des Buches "Napoleon in Bayern". Am Samstag, 12. Dezember, berichtet er um 19.30 Uhr im Hotel Alte Post, wo die Österreicher 1805 ihr Hauptquartier hatten, über die dramatischen Ereignisse. Der Vortrag ist reich bebildert. Und noch ein Tipp: Exklusiv gibt es an diesem Abend eine mediterrane Spezialität - Napoleons Leibgericht "Hühnchen a la Marengo."

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