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Mindelheim

26.06.2020

Architektur in Mindelheim: Schmales Haus, breite Zustimmung

Die Geschichte des historischen Altstadthauses geht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Die Sanierung wurde nun von einer Jury ausgewählt.
Bild: Oliver Wolff

Plus Die Sanierung eines drei Meter breiten Altstadthauses wird im jährlichen Katalog der Bayerischen Architektenkammer erwähnt. Architekten und Eigentümer erzählen.

Die Architektouren sind jährlich stattfindende Präsentationen von herausragender Architektur in Bayern, bei der immer am letzten Juni-Wochenende die Projekte aus den Bereichen Architektur, Landschafts-, Innenarchitektur sowie Stadtplanung besichtigt werden können. Dieses Jahr müssen die Architektouren wegen der Corona-Pandemie ausfallen – aber nicht ganz. Die Projektsammlung ist als Booklet erschienen. Zwei Projekte des Mindelheimer Architekturbüros Kern sind aufgenommen. Eines davon steht ziemlich unscheinbar in der Mindelheimer Altstadt. Das Haus ist nicht einmal drei Meter breit. Dafür geht seine Geschichte bis ins 17. Jahrhundert zurück.

Historisches Gebäude in der Mindelheimer Altstadt generalsaniert

Es handelt sich um die Hausnummer 48 in der Maximilianstraße. Das Architekturbüro Kern hat im Jahr 2016 das historische Gebäude zusammen mit den Eigentümern umfassend saniert. Das Ergebnis: Außen Historie, innen Modernität. „Bei solchen Baudenkmälern achten wir besonders auf Authentizität“, sagt Peter Kern. Der Architekt gilt in der Branche als Spezialist für Sanierungen dieser Art.

Eigentlich hört sich die Sache ganz einfach an: Mauern und intakte Bausubstanz sollen erhalten bleiben, alles andere, was nicht mehr brauchbar ist, wird neu gemacht – wie im Grunde bei jeder Sanierung. Aber beim Thema „neu machen“ hat Kern eine besondere Auffassung: „Es geht um den kulturellen, gesellschaftlichen Wert solcher Gebäude.“ Jede historische Substanz sei ein Geschenk für die Nachwelt, die es zu erhalten und pflegen gelte. Auch wenn das mehr Arbeit und eine höhere Investitionssumme bedeutet.

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Moderne Architektur versus Denkmalschutz

Blickt man auf Kerns Projektliste, sind keineswegs nur historische Gebäude dabei. Die großflächige Verarbeitung von Materialien des 21. Jahrhunderts wie Beton, Stahl und Glas sind ebenso vertreten – auch häufig der Werkstoff Holz. „Bauen ist der Ausdruck der jeweiligen Zeit“, erklärt der 65-jährige seine Zunft. Die moderne Bauweise, etwa die gern verwendeten kubischen Formen, sei den neuen Wohn- und Nutzungsformen der Menschen geschuldet. „Das ist auch gut so“, sagt der Architekt, der auch Kreisheimatpfleger im Unterallgäu ist.

Die Architektin Anna Kern und ihr Vater Peter stehen vor dem sanierten Altstadthaus in der Mindelheimer Maximilianstraße. Ihre Arbeit wird bei den diesjährigen Architektouren gewürdigt.

Ein abgerissenes altes Haus als Neubau einfach nachbilden, würde dem Mindelheimer Architekten jedoch nie in den Sinn kommen. „Etwas Neues bauen wir modern, etwas Altes erhalten wir historisch.“ Ein Denkmal könne man nur erhalten, aber nicht neu erschaffen.

Damit das gelingt, sei ein enges Zusammenspiel zwischen Bauherr und Architekt notwendig, sagt Kerns Tochter Anna. Die 35-jährige Architektin hat die Modernisierung des Altstadthauses als Projektleiterin betreut. Beim sogenannten Bauen im Bestand kann nicht jeder Wunsch ohne Weiteres umgesetzt werden.

Viel Kreativität bei der Planung

Die Grundrisse sind vorgegeben, tragende Wände stehen dort, wo sie stehen und der Untergrund sowie die generelle Statik des gesamten Gebäudes sind kaum veränderbar. Das Besondere an dem schmalen Haus in der Maximilianstraße: Es ist von zwei größeren Stadthäusern umschlossen. Die Außenwände der Häuser sind nicht klar definiert – typisch für historische Häuserzeilen.

Doch man müsse sich den Gegebenheiten einfach anpassen, sagt Anna Kern. „Ich habe dabei sogar eine große Kreativität verspürt.“ Ihr Arbeitsmotto: Der Weg ist das Ziel. Und dieses war vor allem, die bisherige Nutzung zu erhalten. In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts hatte ein Friseur im Erdgeschoss seinen Laden. Der Friseur war zugleich der Hauseigentümer. Bis ins Jahr 2015 wurde der Laden an einen Goldschmied vermietet, dann ging er in Rente.

Für den jetzigen Eigentümer Josef Doll war sofort klar, das sanierungsbedürftige Haus auf Vordermann zu bringen. Etwa 300.000 Euro hat er dafür in die Hand genommen. „Wir haben es nicht übers Herz gebracht, das Haus abzureißen“, sagt er. Zwei Jahre lang haben die Arbeiten gedauert.

Weg frei für das schmalste Café in Mindelheim

Dolls Ehefrau Angela hat sich nach der Bauphase einen Lebenstraum erfüllt und in dem kleinen Laden das Café „Do(l)ce“ eröffnet. Sie schwärmt über das Objekt: „Es hat den Charme des Alten, aber den Luxus unserer Zeit.“ In Mindelheim gibt es kein schmaleres Café. Innen sind die längsseitigen Wände nicht einmal zweieinhalb Meter voneinander entfernt. Eine lange Sitzbank schafft trotzdem Platz für zahlreiche Gäste. Wegen Corona gibt es nur noch eine Außenbewirtung. Die Nennung des Projekts bei den diesjährigen Architektouren sieht das Mindelheimer Ehepaar wie eine Auszeichnung: „Das zeigt, dass wir alles richtig gemacht haben.“

Café-Betreiberin Angela und Eigentümer Josef Doll sind stolz über das Ergebnis.

Die beiden oberen Stockwerke werden als privater Wohnraum genutzt. Im ersten Stockwerk kam bei den Sanierungsarbeiten hinter einer Tapete eine Jugendstil-Deckenmalerei zum Vorschein, die Passanten von der Straße aus erkennen können. Sie wurde im Zuge dessen restauriert. Eine hölzerne Wendeltreppe, wohl aus dem späten 17. Jahrhundert wurde abgebaut, ebenfalls restauriert und wieder eingebaut.

Auch die Fassade des Altstadthauses ist erneuert und in einem für den Barock typischen hellen Grünton gestrichen. Die Fensterrahmen sind wie einst aus weiß gestrichenem Holz.

Das Booklet gibt es im Internet unter der Adresse www.byak.de.

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