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Festival der Nationen

11.09.2014

Blick hinter die Kulissen

Intendant Winfried Roch (rechts) ist der Motor hinter dem Festival der Nationen. Das Bild zeigt ihn zusammen mit Bürgermeister Paul Gruschka.

Intendant Winfried Roch erzählt von ungewöhnlichen Wünschen und Problemen

Weltstars der Klassik werden beim 20. Festival der Nationen in Bad Wörishofen gastieren: Diana Damrau, Julia Fischer oder Sol Gabetta, um nur einige zu nennen. Intendant Winfried Roch aus Türkheim gewährt einen Blick hinter die Kulissen und berichtet von zwei Jahrzehnten Festival-Trubel mit ungewöhnlichen Ereignissen.

Herr Roch, man sagt Stars ja gewisse Eigenheiten nach und hört immer wieder von Sonderwünschen. Sie haben eine Menge Stars nach Bad Wörishofen gebracht. Wie ist es Ihnen da in den vergangenen 20 Jahren so ergangen?

Natürlich haben diese weltbekannten Künstler bestimmte Anforderungen für ein Engagement. Aber Maxim Vengerov, ein Weltklasse-Geiger, war bislang einzigartig. Er hat eine Bühnenanweisung – so nennt man das – geschickt, die ich so noch nie gesehen habe. Vengerov wollte eine ganze Menge extrem teurer Rotweine, exklusive Champagner, sehr besondere Südfrüchte und noch viele andere Dinge, die zusammen ein Vermögen gekostet hätten. Vermutlich hätten wir Teile davon überhaupt nicht beschaffen können. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Nach einer schlaflosen Nacht habe ich ihn dann schließlich angerufen – und erfahren, dass Vengerov mir nur einen kleinen Schrecken einjagen wollte. Das ist geglückt. Bestellt hat er schließlich Wasser und einen kleinen Salat.

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Das war also die ungewöhnlichste Bitte. Verraten Sie jetzt bitte noch das ungewöhnlichste Problem der vergangenen 20 Jahre ...

Das war ganz klar der Auftritt von Nicolai Tokarev, der Rachmaninov präsentieren sollte. Allerdings hatte Dirigent Justus Frantz die falsche Partitur dabei: Tschaikowsky. Ich musste Tokarev diese Nachricht kurz vor dem Konzert überbringen – ich wusste, dass er sich wochenlang auf diesen Auftritt vorbereitet hatte. Tokarev bekam einen – nun ja – emotionalen Ausbruch. Nach einer Stunde hat er sich allerdings gemeldet und gesagt, dass er nun eben Tschaikowsky spielen werde. Das war eine bravouröse Meisterleistung. Auch deswegen ist Tokarev heute eines der Gesichter dieses Festivals.

Untrennbar mit dem Festival verbunden ist seit 2010 auch der Name Nigel Kennedy. Die Polizei hatte nach dem Konzert in der Suite des Stargeigers nach Drogen gesucht. Die Ermittlungen wurden zwischenzeitlich eingestellt, für ein paar Tage galt die volle Aufmerksamkeit der Boulevard-Presse aber dem Festival. Hat Sie das insgeheim eigentlich ein bisschen gefreut?

Uns ist es natürlich wichtig, das Festival mit positiven Schlagzeilen bekannt zu machen. Aber wenn das Ereignis um Kennedy geholfen hat, es noch bekannter zu machen, soll es mir recht sein. Kennedy präsentierte damals übrigens ein herausragendes Konzert. Er hat eingesehen, dass das Anschließende ein Fehler war. Nun kommt er 2015 wieder nach Bad Wörishofen und will nur die Kunst sprechen lassen.

Vor Kurzem feierte Justus Frantz seinen 70. Geburtstag. Waren Sie eingeladen?

Ja, er hatte mich eingeladen. Leider konnte ich nicht dabei sein, weil ich auf Tournee in Asien war. Aber wir haben lange telefoniert und Justus Frantz freut sich sehr, dass das Festival so erfolgreich läuft. Immerhin war er 15 Jahre lang das Gesicht des Festivals der Nationen und von Beginn an dabei.

Wie kam es damals zu der Zusammenarbeit?

Der damalige Bürgermeister von Bad Wörishofen, Ullrich Möckel, fragte mich, ob man in Bad Wörishofen eine hochkarätige kulturelle Veranstaltung etablieren könnte. Wir waren mit dem Ensemble Classique damals so etwas wie die musikalischen Botschafter der Stadt. Wir wollten auf den Nachwuchs setzen, doch Möckel hatte Zweifel, ob ohne große Namen auch genügend Gäste kommen. Justus Frantz stand damals hoch im Kurs und wir haben es einfach probiert. Monsignore Ortwin Gebauer hatte entscheidenden Anteil daran, dass es zu einem Treffen kam. Frantz war von der Idee sofort begeistert und so entstand das Festival der Nationen. Wir hatten damals den Slogan „Klassik-Stars von morgen“. Das war bundesweit einmalig. Einige Jungstars haben von Bad Wörishofen aus Weltkarrieren gestartet.

Welcher dieser Nachwuchsstars hat Sie am meisten beeindruckt?

Bei den Mädchen war das auf jeden Fall Julia Fischer, die wir heuer auch wieder begrüßen dürfen. Sie war in Bad Wörishofen damals zwölf und hat Beethovens Violinkonzert trotzdem ihre Handschrift aufgedrückt; ein Jahrhunderttalent. Bei den Buben ist es Gábor Boldoczki, denn es ist schwierig, sich als Trompeter weltweit einen Namen zu machen.

Es ist nun das fünfte Jahr nach der Trennung von Festival-Übervater Justus Frantz. Wie ist Ihr Verhältnis heute zu ihm?

Justus Frantz hat mit Haut und Haaren für das Festival gelebt. Ich bin dankbar für diese Zeit, es waren 15 herrliche Jahre. Dass es nicht mehr weiterging, lag nicht an seiner Arbeit, sondern an persönlichen Problemen finanzieller Art, die auch öffentlich diskutiert wurden. Die Stadt war sich dann nicht mehr sicher, ob Frantz noch der ideale Botschafter für Bad Wörishofen ist. Positiv ist, dass sich das Festival seither nicht mehr nur auf eine Person konzentriert. Die jungen Stars der Klassikszene stehen im Vordergrund. Unser Konzept ruht ja auf drei Säulen: renommierte Nachwuchskünstler, Weltstars und Bildung, also Förderprojekte für Kinder und Jugendliche.

Wie wichtig ist Ihnen der Bildungsaspekt?

Sehr wichtig. Wir schöpfen in Deutschland aus vollem Kulurgut und haben deshalb die Pflicht, dieses zu pflegen. Wie das geht, kann man in China beobachten. Bei uns dagegen kann das Schulsystem etwa Hochbegabte in Musik und Sport nicht mehr adäquat betreuen und unterstützen. Musik spielt in den Schulen eine immer untergeordnetere Rolle. Dabei leben wir in einer Zeit, die oftmals durch eine musikalische Umweltverschmutzung geprägt ist. Es wäre wichtig, mehr in Musik zu investieren, schon in Kindergärten und Grundschulen. Klassische Musik ist nicht langweilig, sie ist lebendig und spannend.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich das Festival entwickelt, auch hin zu einem wirtschaftlich anspruchsvollen Unternehmen. Wie hoch ist mittlerweile der Etat dieser Veranstaltung?

Er variiert von Jahr zu Jahr. Man kann aber sagen, dass mittlerweile mehrere hunderttausend Euro nötig sind, um das Festival zu ermöglichen. Die Stars kommen zwar gerne zu uns, gerade wegen des Bildungsanspruchs. Allerdings bekommen wir keine Sonderpreise bei den Gagen. Die Stadt schafft mit ihrem Zuschuss die Basis, dafür sind wir sehr dankbar. Aber ohne die Sponsoren würde es nicht gehen.

Bürgermeister Paul Gruschka hat angekündigt, die städtischen Ausgaben auf den Prüfstand zu stellen. Die gut 120000 Euro Zuschuss der Stadt sorgen immer wieder für Kritik. Könnte das Festival auch ohne städtisches Geld weiter bestehen?

Es ist grundsätzlich richtig, öffentliche Ausgaben zu prüfen. Doch gerade Kultur braucht Unterstützung. Das Beispiel Schleswig-Holstein-Festival zeigt, dass sich das wirtschaftlich auszahlen kann. Zudem wird das Festival der Nationen mittlerweile intensiv medial begleitet. Das ist Werbung, die die Stadt sonst teuer einkaufen müsste.

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