1. Startseite
  2. Lokales (Mindelheim)
  3. Eine Kiesbank als Zankapfel

Türkheim

19.07.2016

Eine Kiesbank als Zankapfel

Wird es diese Idylle an der Wertach bei der Waltermühle nach dem Wasserkraftwerkbau weiter geben. Besorgte Bürger und Interessensvertreter vieler Natur- und Tierschutzorganisationen bezweifelten dies.
Bild: Wertachfreunde

Bürger und Interessensvertreter fordern, dass weiter Wasser über das Wehr bei der Waltermühle fließen soll. Warum sich alle gegen die vorgestellten Planungen aussprechen.

Eine klare Absage erteilten Vertreter aller örtlichen Natur- und Tierschutzorganisationen sowie die Fischereivereine dem vorgestellten Plan eines Wasserkraftwerkes an der Waltermühle. „Wenn das Wasser oben an der Wertach weggenommen wird, schauen wir die meisten Tage im Jahr auf eine trockene Betonruine. Was ist ein Wasserfall ohne Wasser?“, fragte eine Anwohnerin die Planer bewusst ironisch. Mehr als deutlich wurde auf der Informationsveranstaltung der Bayerischen Landeskraftwerke im Restaurant Olympia das generell große Misstrauen gegenüber der Branche. Zu viele schlechte Beispiele (Ruf-Wehr im Norden Türkheims sowie das Salamander-Wehr bei Irsingen) mit trostlosen, trockenen Wehrkörpern an der Wertach gebe es bereits. Zudem sprachen die interessierten Bürger dem Wehr seine Wirtschaftlichkeit ab.

Neue Informationen gab es an dem Abend keine. Der Planungsstand hatte sich gegenüber der Marktratssitzung Mitte April, als das Projekt erstmals öffentlich vorgestellt wurde, nicht geändert. Josef Keckl, Geschäftsführer der Bayerischen Landeskraftwerke, entschuldigte dies mit der möglichst frühzeitigen Bürgerinformation. „Wir stehen ganz am Anfang der Planungen und können Wünsche und Anregungen jetzt noch gut einbinden“, versprach Keckl.

Projektleiter Jochen Zehender präsentierte eine Skizze, wie die seiner Meinung nach „ökologische Wasserkraftanlage“ aussehen sollte. Die staatseigenen Landeskraftwerke (Gesellschafter sind das Finanz- und Umweltministerium) seien von der Regierung mit einem 10-Punkte-Fahrplan zur ökologischen Wasserkraftnutzung beauftragt worden, um an bestehenden Querbauten Vorzeigeanlagen mit besonders fischverträglicher Technik zu realisieren.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

„Und da eigne sich das Türkheimer Wehr mit seiner Fallhöhe von sieben Metern“, stellte Zehender fest. Die geplante Anlage ersetze die veraltete Technik und werde Strom für bis zu 1000 Haushalte erzeugen, könne also durchaus wirtschaftlich geführt werden. Zehender versprach keine zusätzliche Aufstauung des Wassers und die in Flussrichtung rechte Uferseite werde nicht angetastet. Gleich unterhalb des bestehenden Wehrs werde das Wasser wieder in die Wertach geleitet. Lediglich die linke Uferseite sehe nach dem Bau der geplanten Anlage etwas anders aus, aber alle Wanderwege stelle die BLK wieder her.

Die große Kiesbank unterhalb des Wehrs sorgte dann für den Hauptdiskussionsstoff. „Die Wertach im Bereich der Waltermühle ist für Türkheim der einzige Ort, an dem Familien noch Zugang zur Wertach haben und dies nutzen sie auch stark“, so Leo Rasch im Namen der Wertachfreunde. Dieses Naherholungsgebiet werde mit dem vorgestellten Wasserkraftwerk „stark gefährdet“.

Vertreter der Fischereivereine Ettringen, Türkheim und Bad Wörishofen wiesen zudem auf die Bedeutung der Kiesinsel unterhalb des Wehrs als Laichgrund hin. Auch dürfe diese Insel nicht weiter verlanden. Sowohl die Wertachfreunde als auch die Fischereivereine und der Bund Naturschutz forderten weiter eine Mindestmenge Wasser über das Wehr. Auch die vorgestellte Fischaufstiegshilfe gefiel niemanden. „Diese technische Fischaufstiegsanlage ist für uns nicht hinnehmbar und muss möglichst naturnah gestaltet werden. Weil sich die eingeschleppte Dreikantmuschel massenhaft an Betonflächen festsetzt, wäre das auch im eigenen Interesse der Betreiber“, so Stefan Gaschler, Vorsitzender des Fischereivereins Türkheim und die Wertachfreunde unisono. Gaschlers Fazit: „Das direkte Naturerlebnis, an dieser für Türkheim besonderen Stelle, darf durch die geplante Kraftwerksanlage nicht zerstört werden!“

„Wir brauchen keine neue Verschandelung des Wehrs und ihre Zahlen für die Stromversorgung sind schlichtweg falsch“, so Roland Seitz, Kassier des örtlichen Fischereivereins, erzürnt auf der Informationsveranstaltung. Er bezeichnete die Planungen als äußerst fragwürdig und bat Landrat Hans-Joachim Weirather in seiner Funktion als Präsident des Fischereiverbandes Schwaben um Unterstützung.

Die Emotionen kochten weiter hoch, auch wenn Keckl immer wieder um ein konstruktives Miteinander bat. Er wies darauf hin, dass Wasserrahmenrichtlinien eingehalten werden müssen und von Anfang an in die Planung fachkundige Ingenieurbüros eingebunden werden. Verschiedene Fachgutachten müssten zudem erstellt werden und Keckl versprach weiter intensive Abstimmungen mit den jeweiligen Fachbehörden. Doch Fragen wie „Was spricht dagegen, wenn nur die alten Turbinen erneuert und eine naturnahe Fischaufstiegshilfe gebaut wird?“ oder „Haben Sie die Wasserrechte denn schon gekauft?“ blieben auch nach mehrmaligen Nachfragen unbeantwortet.

„Als Gemeinde müssen wir uns überlegen, wie wir uns einbringen können“, forderte Markträtin Gudrun Kissinger-Schneider, die sich ebenfalls sehr enttäuscht zeigte bezüglich der vorgestellten Planungen. Keinesfalls sei sie mit einer weiteren Betonruine einverstanden. „Machen Sie einfach weniger Strom!“, riet die Marktgemeinderätin. Nicht jeder Tropfen Wasser müsse in Energie umgewandelt werden.

Marktgemeinderat Peter Ostler sprach sich klar gegen die vorgestellten Planungen aus: „Mein Hobby ist Bootsfahren und ich bin viel auf der Wertach unterwegs. Der Fluss nimmt über das Wehr auch dringend benötigten Sauerstoff auf. Kann er das nicht mehr, werden wir unter dem Wehr nur noch Brackwasser vorfinden. Auch die Kiesbank wird es so nicht mehr geben. Wenn sie von ökologischen Verbesserungen sprechen, kann ich diese nicht nachvollziehen. Wir haben überhaupt keinen Grund, den Fluss an dieser Stelle zu kastrieren.“

Wenn das Wasser unterhalb des Wehrs wieder in die Wertach geleitet wird, werden sich laut eines weiteren Bürgers dort Vertiefungen bilden. Ein problemloser Übergang vom Ufer zur Kiesinsel sei dann nicht mehr gewährleistet.

Gaschler erinnerte daran, dass in Bayern 15 Prozent des Stromes aus der Wasserkraft kommen. Insgesamt gebe es in Bayern 4250 Wasserkraftanlagen. Die 200 größten Anlagen davon produzierten allein rund 90 Prozent des erzeugten Stromes. Die restlichen Anlagen seien aus ökologischer und wirtschaftlicher Sicht fehl am Platz. Der Fischereiverein Türkheim forderte daher die Gemeinde auf, sich gegen den Neubau eines Wasserkraftwerkes an der Waltermühle und für den Erhalt und gegebenenfalls Ausbau des Naherholungsbereiches auszusprechen. „Der Marktgemeinderat sowie der Bürgermeister sollten sich ernsthaft Gedanken darüber machen, ob ein absolut fragwürdiges Projekt zur Energiegewinnung, das an mehr als 100 Tagen im Jahr aus Gründen des Wassermangels keinen Strom liefern kann, an diesem Standort ein Stück Tradition zur Erholung und Freizeitgestaltung zerstören muss“, so Gaschler.

Bei einem Ortstermin nach der Informationsveranstaltung versprachen die Vertreter der BLK mehreren Varianten erstellen zu lassen und dann wieder mit den Bürgern zu diskutieren. „Dann liegt es aber an allen, auch den jeweiligen Interessensvertretern, nicht nur dagegen zu sein, sondern sich einzubringen“.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
IMG_4395.JPG
Fasching

Minigardetreffen in Bad Wörishofen

ad__web-mobil-starterpaket-099@940x235.jpg

Webseite und App freischalten!

Die schnellsten Lokalnachrichten - live,aktuell und multimedial.
Alle Online-Inhalte auf allen Endgeräten zu jeder Zeit, mtl. kündbar.
Damit sind Sie daheim und im Büro immer auf dem Laufenden.

Zum Web & Mobil Starterpaket