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Unterallgäu

14.07.2019

Tierschutz: Woran die Landwirtschaft krankt

Schockierende Bilder machten Mitglieder des Vereins „Soko Tierschutz“ in einem Stall in Bad Grönenbach. Das Foto zeigt die Abholstelle neben den Stallungen des Landwirts, wo verendete Tiere zur Tierkörperbeseitigung abgeholt werden.
Bild: obs/Soko Tierschutz

Plus Der Fall der offenbar misshandelten Kühe in einem Großbetrieb bewegt auch viele Bauern. Einige machen sich grundlegende Gedanken.

Die Bilder, die diese Woche in der ARD über misshandelte Milchkühe in einem Bad Grönenbacher Großviehbetrieb gezeigt wurden, haben die Menschen aufgewühlt, darunter auch viele Landwirte. Gezeigt wurden Tiere, die so geschwächt waren, dass sie von alleine nicht mehr aufstehen konnten. Kranke Kühe wurden mit einem Traktor durch den Stall geschleift. Einer, der im Raum Mindelheim seit vielen Jahren Rinder hält, sagt: „Mir stellen sich die Nackenhaare, wenn ich das sehe.“ Für ihn ist das ein Beleg dafür, wohin es führe, wenn die Betriebe immer größer werden.

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Bei 1800 Kühen sei es kaum noch möglich, kranke Tiere per Hand zu wenden. Damit sie sich nicht wund liegen, müssten sie spätestens am zweiten Tag aufstehen. Auf den Fernsehbildern, die der Organisation „Soko Tierschutz“ zugespielt worden waren, ist zu sehen, wie eine Hüftklammer zweckentfremdet wurde und das kranke Tier an die Frontgabel eines Traktors angehängt wurde. Dass so ein Umgang mit dem Tierschutz nicht vereinbar ist, liegt auf der Hand.

Es geht um ein grundsätzliches Problem

Unabhängig von den im Mai und Juni aufgenommenen Misshandlungen in Bad Grönenbach lenkt der Fall auf ein grundsätzliches Problem der intensiv betriebenen Milchproduktion. Der Grund, warum bereits relativ junge Rinder im Alter von vier, fünf Jahren gesundheitlich so ausgelaugt sind, dass sie den letzten Gang in den Schlachthof antreten, ist ein bizarres System der Ausbeutung. Gab eine Kuh noch vor zehn Jahren in den EU-Ländern durchschnittlich 6700 Kilogramm Milch im Jahr, gibt es heute Kühe, die 11.000 oder 12.000 geben. Diese Tiere bekommen als Wiederkäuer immer weniger Grünfutter. Ein Landwirt sagt dazu: „Wir machen die Kühe zur Sau“. Kraftfutter wird in großem Stil von außen dazugekauft, etwa aus Osteuropa oder Südamerika oder den USA. Ein regionaler Kreislauf sieht anders aus.

Hinzu kommt: Der Organismus der Kühe ist auf die Menge von acht Litern am Tag ausgelegt. Das ist die Menge Milch, die ein Kalb benötigt. Tatsächlich gibt eine Hochleistungskuh heute bis zu 50 Kilogramm Milch am Tag. Das kann dramatische Folgen für die Gesundheit der Tiere haben. Diese gewaltigen Milchmengen entziehen der Kuh große Mengen an Kalzium. Ein Fachmann sprach gegenüber der MZ von „Knochenmelken“. Gemeint ist, dass Klauen der Tiere abgehen, wenn zu viel Kalzium entzogen wird. Eine solche Kuh bricht zusammen, kann nicht mehr stehen. Die Bilder aus Bad Grönenbach haben solcherart erkrankte Rinder gezeigt. Viel wäre schon für den Tierschutz erreicht, gäbe es eine Vorgabe für jeden Hof, dass deren Kühe im Schnitt mindestens vier Kälber bekommen müssten. Dann müsste anders gefüttert werden. Die Milchleistung würde zwar zurückgehen, die Tiere wären aber gesünder.

Das sind die Folgen einer immensen Milchleistung

Die immense Leistungssteigerung in der Milchwirtschaft ist Folge einer immer effizienter arbeitenden Landwirtschaft. Die Betriebsgrößen wurden durch gezielte Förderung mit Steuergeldern immer größer. Schon Ende der 80er Jahre gab es bei einer Betriebserweiterung nur Geld, wenn eine bestimmte Größe der Kuhzahl überschritten wurde. Das hatte Folgen auch für viele Landwirte, die an die Grenzen ihrer physischen und psychischen Belastbarkeit kamen. Betriebsleiter nahmen Kredite auf, die sie teilweise erst nach Jahrzehnten abzahlen konnten. Ein Landwirt aus der Nähe von Mindelheim war mit 64 Jahren gestorben. Am Tag seiner Beerdigung war die letzte Rate überwiesen worden.

Will ein Landwirt erweitern, kommt das Amt für Landwirtschaft ins Spiel. Dort wird dann von einem Sachbearbeiter ein Betriebsentwicklungsplan für die nächsten 25 Jahre erstellt. Weil niemand weiß, wie sich die Preise für landwirtschaftliche Produkte entwickeln, ist so ein Plan mit entsprechend hohen Risiken behaftet.

Der Insider schlägt hier vor, statt die Zahlen allein durch einen Fachmann prüfen zu lassen, einen Ethikrat einzurichten. Dieser könnte sich auch einen Eindruck von den familiären Verhältnissen machen. Die Gefahr wäre damit zu verringern, dass sich junge Bauern übernehmen. Lange Zeit geht es gut, wenn die Eltern noch auf dem Hof mithelfen können. Wenn sie aber alt und krank werden, sieht die nächste Generation oft nur noch eines: Arbeit von Früh bis Spät.

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