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Bad Wörishofen

30.11.2018

Tourismus: Trendwende oder Schönfärberei?

Wie erfolgreich ist Bad Wörishofen im Werben um Gäste? Darüber gab es eine engagierte Debatte im Kurausschuss.

Wie geht es Bad Wörishofen wirklich? Kurdirektorin und Hoteliers sehen einen Aufschwung, SPD und Grüne üben Kritik.

Läuft es in Bad Wörishofen nun touristisch besser als zuletzt – oder ist das nur Augenwischerei? Über diese Frage ist im Kurausschuss des Stadtrates eine Debatte entbrannt. SPD-Fraktionsvorsitzender Stefan Ibel warf der Kurdirektorin Petra Nocker vor, die Lage zu beschönigen. Auch Stadtentwicklungsreferent Daniel Pflügl von den Grünen äußerte mehrfach Zweifel an Nockers Sicht der Dinge.

Die Kurdirektorin hatte zuvor die Ergebnisse für die ersten drei Quartale des laufenden Jahres präsentiert und von „schönen Zahlen“ gesprochen, die man da erreicht habe. „Jedes Jahr das gleiche Spiel“, sagte dazu Ibel. „Sie erklären die Zahlen und berechnen sie so, das was Positives rauskommt.“ Allerdings sei es „nüchtern betrachtet“ auch 2018 nicht gelungen, eine Trendwende zu schaffen, stellte Ibel fest. „Wir müssen Klartext reden, den Dingen ins Auge schauen und sie nicht schönreden“, forderte Ibel. Als Folge daraus müsse sich das Gremium über Maßnahmen einig werden.

Bad Wörishofen sei „bis aufs Skelett abgemagert“, findet SPD-Fraktionssprecher Stefan Ibel

„Ihre Aussage, dass wir jährlich um die 10000 Übernachtungen verlieren, war wichtig“, sagte Wirtschaftsreferent Alwin Götzfried (FW) an die Adresse Nockers. Er bat deshalb um Statistiken, die mehr abbilden als die letzten zwei Jahre. Seit 2001 ist die Zahl der getätigten Übernachtungen in Bad Wörishofen von 921000 auf zuletzt 687000 gesunken. Zu den Hochzeiten der Kneippkur waren es sogar um die 1,4 Millionen Übernachtungen. „Wir sind bis aufs Skelett abgemagert“, stellte Ibel dazu fest.

Bürgermeister Paul Gruschka (FW) wiederum stellte fest, Bad Wörishofen stehe in der Rangliste der Kneippkurorte Bayerns bei den Ergebnissen auf dem zweiten Platz nach Füssen. Acht Kneippkurorte gibt es derzeit nach dem Bericht des Bayerischen Heilbäderverbandes, zitierte Gruschka. Innerhalb aller bayerischen Kurorte stehe Bad Wörishofen auf Rang neun oder zehn, berichtete zudem Christian Förch ( CSU), der selbst ein Hotel betreibt. „2017 hat keiner der Kneippkurorte große Sprünge gemacht“, sagte Gruschka. Dass man zuletzt im Mai und Juli so gute Zahlen gehabt habe, wie seit zehn Jahren nicht mehr, setzte Kurdirektorin Nocker Ibels Kritik entgegen. Während der SPD-Frontmann die Schließung des Kneippianums als Erklärung für die vorliegenden Zahlen nicht gelten lassen will („schloss erst Ende November, wir haben die Zahlen bis September vorliegen“), wies Nocker darauf hin, dass allein das Kneippianum ein Defizit von 1500 Übernachtungen gemacht habe. Über das Aus für das Kneippianum haben wir bereits berichtet: Kneippianum: Wie geht es nun weiter?

Bad Wörishofen beschreiten nun einen anderen Weg, betont Kurdirektorin Petra Nocker

Daniel Pflügl sagte an Nockers Adresse, dass es sicher nicht gut sei, alles schlecht zu reden. Es bringe aber auch nichts, alles gut zu reden. Er brauche nur auf den August zu blicken und sehe dort ein Defizit von 6,8 Prozent bei den Übernachtungen. „Die Tendenz geht seit zehn Jahren nach unten“, sagte Pflügl. „Wir müssen uns Gedanken machen, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind.“

Hier betonte Nocker, dass Bad Wörishofen eben nicht mehr den Weg der vergangenen zehn Jahre weitergehe. „Ich hoffe, dass das auch deutlich wird.“ Bad Wörishofen könne eben „nicht so weitermachen, wie in den vergangenen zehn Jahren“, bekräftigte sie. „Wir wollen ein neues Bild von Bad Wörishofen entwickeln.“ Man habe zudem eine „wunderbare Zusammenarbeit mit den Vermietern entwickelt“, die es so „auch nicht gegeben“ habe, berichtete die Kurdirektorin. Dass sich der „Erfolg in den Übernachtungszahlen“ widerspiegele, beschied wiederum Pflügl. Und hier liegt Bad Wörishofen – wenngleich minimal – derzeit hinter der Vorjahreszahl. Bis Ende September wurden 527566 Übernachtungen gezählt. Christian Förch sagte dazu, Bad Wörishofen habe bisher ein gutes Jahr erlebt. „Ich höre erstmals wieder von Kollegen: es geht aufwärts“, berichtete er. Klar sei aber auch, dass es nicht gelingen werde, die Schließung des Kneippianums aufzufangen. Das werde sich dann auch in den künftigen Zahlen niederschlagen, kündigte Förch an. Zu Ibel sagte er, dass jene Orte, die Zuwächse verzeichnen, auch Hotelneubauten haben. „In Bad Wörishofen hatten wir sowas seit 20 Jahren nicht mehr“, stellte er fest. Ibel hatte angeführt, dass im Allgäu und in Bayern insgesamt wesentlich bessere Ergebnisse erzielt werden, als in Bad Wörishofen. Dieser Trend gehe an Bad Wörishofen vorbei.

Der Geist von Bad Wörishofen und der Umgang mit der Therme

Hubertus Holzbock, ebenfalls Hotelier und zudem Kreisvorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes, lobte den Kur- und Tourismusbetrieb für die Arbeit der vergangenen eineinhalb bis zwei Jahre. „Auch in meinem Haus war ein Aufwind spürbar.“ Das Problem sei aber: „Der Geist im Ort stimmt nicht mehr.“ Kneipp werde „von uns nicht mehr so gelebt wie früher“, beklagte Holzbock. „Wer trägt beispielsweise heute noch Kneippsandalen“, fragte er. Zudem übte er Kritik an der, seiner Meinung nach, zu großen Fokussierung auf die Therme. Er sprach von „Traumtänzern, die immer noch glauben, die Therme hat uns Übernachtungen gebracht.“ Bad Wörishofen habe damit „völlig aufs falsche Pferd gesetzt“. Zwischenzeitlich sei durch die massive Werbung der Therme der Eindruck entstanden, Bad Wörishofen sei ein Thermalkurort, sagte Holzbock.

Gegen diesen Eindruck wehrte sich wiederum Götzfried. Er stellte stattdessen die Frage: „Was tun die Vermieter?“ Die Gesellschaft, in die Stadt und Vermieter einst gemeinsam Geld für Werbung eingebracht haben, wurde aufgelöst. Nur mit eigenen Mitteln aber könne die Stadt nicht mit der Werbung der Therme mithalten, stellte Götzfried fest.

Bad Wörishofen hat jetzt einen touristischen Beirat

Kurdirektorin Nocker sagte dazu, es sei nicht richtig, dass sich die Vermieter nicht beteiligten. Man stemme gemeinsam ausgesuchte Werbe-Projekte, die sich die Stadt ohne Hilfe der Hoteliers nicht leisten könne. Diese intensive Zusammenarbeit habe sogar zur Gründung eines touristischen Beirates geführt, dem Stefanie Scholz, Katja Seemüller, Martin Steinle und Heidi Krumm-Hebinger angehören. Vertreter sind Anna Cebulj und Harald Eichinger. Nocker sagte außerdem, dass es in Bad Wörishofen zahlreiche Hotels gebe, die gute Ergebnisse erzielen. „Auslastungen von 80 oder 90 Prozent sind keine Seltenheit mehr“, berichtete sie. Eine große Gruppe von Häusern haben über 70 Prozent Auslastung. Alle Häuser der Stadt zusammen kommen auf eine Auslastung von über 48 Prozent. „Das ist keine schlechte Zahl“, sagten unisono Nocker und Holzbock. Es komme eben darauf an, wie man den Betrieb umtreibt, machte Nocker klar. „Manche werden nur noch geführt wie eine Feierabendlandwirtschaft“, hat sie festgestellt. Diese Betreiber würden nur noch Gäste aufnehmen, die sie oft seit vielen Jahren kennen. Solche Häuser kämen dann entsprechend auf Auslastungsquoten von 20 Prozent.

Nocker lieferte noch eine weitere Zahl: 2001 lag die Auslastung pro Bett bei 15,7 Übernachtungen. Damals gab es in Bad Wörishofen noch 6452 Gästebetten. Heute liegt durchschnittliche Belegung bei 17,7, dem besten Wert seither. Die Zahl der Betten beträgt derzeit noch 4019. Lesen Sie hierzu auch: „Das stille Sterben der Traditionshotels“.

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