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07.01.2011

Wenn eine Gemeinde ihren Jobmotor verliert

Wenn eine Gemeinde ihren Jobmotor verliert
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Wenn eine Gemeinde ihren Jobmotor verliert

Eppishausen Die Entscheidung ist längst gefallen. Gegen Eppishausen. Der mit großem Abstand wichtigste Arbeitgeber der Gemeinde, die Tricor AG, will im dritten Quartal 2012 seinen Firmensitz nach Bad Wörishofen verlegen. 80 Millionen Euro investiert Firmenchef Martin Müller neben der A96. Was den Bürgermeisterkollegen Klaus Holetschek freut, sorgt in Eppishausen für Enttäuschung. Bürgermeister Josef Kerler, seit 2008 im Amt, sagt: "Wir bedauern zutiefst den Weggang der Firma Müller."

Bauland kostet unter 60 Euro pro Quadratmeter

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Was bedeutet so ein Aderlass für eine Gemeinde mit knapp 1800 Einwohnern? 280 Mitarbeiter zählt die Stammbelegschaft von Tricor. 120 weitere Mitarbeiter sind bei Transcor, dem Logistikunternehmen der Müller-Gruppe beschäftigt. Macht zusammen 400 Jobs, die aus Eppishausen abwandern werden. Wie viele der Mitarbeiter mit ihren Familien in Eppishausen und seinen Ortsteilen leben, vermag Kerler nicht zu sagen. Dass es nicht wenige sind, ist unstrittig.

Zwar rechnet der Bürgermeister nicht damit, dass sofort eine Umzugswelle in Richtung Bad Wörishofen einsetzt. Auf einige Verluste an Einwohnern stellt er sich mittelfristig aber ein. Der Bürgermeister weist allerdings auf die weichen Standortfaktoren hin, die sehr wohl für Eppishausen als Wohnort sprechen. Erschlossenes Bauland kostet unter 60 Euro den Quadratmeter, sagt der 60-Jährige. Von 23 Bauplätzen, die die Gemeinde ausgewiesen hat, sind acht vergeben.

Wenn eine Gemeinde ihren Jobmotor verliert

Hinzu kommt: Die Gemeinde bemüht sich sehr um Familienfreundlichkeit. Die Planung für eine Kinderkrippe ist abgeschlossen. Zwölf Kleinkinder ab einem Jahr sollen kommendes Jahr Platz finden. Die Gemeinde investiert hier 300 000 Euro, wobei 78 Prozent der Summe vom Staat gefördert werden.

Gut in Schuss ist der Kindergarten. Das ursprünglich für 75 Kinder gebaute Gebäude beherbergt derzeit 55 Kinder in zwei Gruppen.

Zum Wohlfühlen tragen auch die 34 Vereine bei, die Kerler als sehr aktiv beschreibt. Ob Schützen, Sportler, Faschingsfreunde, Musiker, Feuerwehrmänner bis hin zu Tennisfreunden - Eppishausen und seine Ortsteile haben von allem was zu bieten. Nicht zu vergessen die Wirtschaften in Haselbach und Eppishausen.

Hervorgegangen waren Tricor und Transcor aus der Firma Müller, die eng mit Eppishausen verbunden war. Wo heute das Raiffeisengebäude mit Gemeindekanzlei steht, war ursprünglich der Firmensitz, weiß Bürgermeister Kerler. Das Gebäude war Ende der 60er Jahre von Raffeisen gekauft worden. Viele gerade auch in der Führungsebene des Unternehmens kommen aus der Gemeinde. Müller und Eppishausen mit seinen fleißigen Leuten haben viele gemeinsame Schnittmengen. "Es ist bewundernswert, was hier aus kleinsten Anfängen geleistet wurde", sagt Kerler, der vor der unternehmerischen Leistung von Martin Müller und dessen Eltern beeindruckt ist.

Auf der anderen Seite kann der Gemeindechef die Entscheidung des Firmenchefs nachvollziehen. Bei den harten Standortfaktoren konnte Eppishausen nicht mithalten. Ein ausreichend großes Grundstück wäre vielleicht noch zu machen gewesen. Mit der Verkehrsanbindung an eine Autobahn wie die A96 kann Eppishausen nicht aufwarten. Und auch die Nähe zu den Kunden spricht für den Kneippkurort. Das Unternehmen ist mit Abstand größter Gewerbesteuerzahler der Gemeinde. Genaue Zahlen öffentlich zu nennen verbietet das Steuergeheimnis. Von den 600 000 bis 700 000 Euro pro Jahr geht der größte Teil auf die Firmengruppe Müller zurück. Eppishausen bekommt deshalb keine Ausgleichszahlungen vom Land (Schlüsselzuweisungen), weil die Steuerkraft zu gut ist. Das wird sich nach dem Umzug ändern. "Wir werden zwei harte Jahre erleben, weil die Schlüsselzuweisungen erst mit zeitlicher Verzögerung fließen werden", sagt Kerler. Die Gemeinde wird wohl die eine oder andere Entscheidung auch mal verschieben müssen. Der Schuldenstand sei mit 170 Euro je Einwohner moderat. 300 000 Euro sind es insgesamt. Die Sanierung der Kläranlage Eppishausen und der vierte Bauabschnitt der Kanalisation Haselbach sind die nächsten großen Brocken für die Gemeinde.

Bleibt die Frage, was mit dem frei werdenden Firmengelände im Norden Eppishausen geschehen wird. Hier sei noch nichts entschieden. Die Gebäude gehören Müller. "Wir gehen davon aus, dass es eine Nutzung geben wird." Nicht weit davon entfernt ist das nur teilweise gelungen. Ein Teil des Produktionsgebäudes der Firma Schneider steht auch Jahrzehnte nach dem Umzug nach Türkheim leer.

Inzwischen ist Schneider mit seinen Fernsehern, Computern und Stereoanlagen auch in Türkheim bereits Geschichte. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Bei uns im Internet

Ein virtueller Rundflug um das künftige Tricor-Gebäude vermittelt weitere Eindrücke von dem Projekt.

mindelheimer-zeitung.de/lokales

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