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Bad Wörishofen

09.11.2018

Wie der Terror gegen die Juden begann

Auf dem Bad Wörishofer Friedhof erinnert ein jüdisches Grabfeld an den Völkermord an den Juden im Zweiten Weltkrieg. In Bad Wörishofen wurden Menschen begraben, die in der KZ-Außenstelle Türkheim inhaftiert waren und nach ihrer Befreiung in einem Hospital in Bad Wörishofen gestorben sind.
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Auf dem Bad Wörishofer Friedhof erinnert ein jüdisches Grabfeld an den Völkermord an den Juden im Zweiten Weltkrieg. In Bad Wörishofen wurden Menschen begraben, die in der KZ-Außenstelle Türkheim inhaftiert waren und nach ihrer Befreiung in einem Hospital in Bad Wörishofen gestorben sind.
Bild: Markus Heinrich

In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 brannten Synagogen. In Bad Wörishofen waren jüdische Kurgäste da schon längst unerwünscht.

Am 9. November vor 80 Jahren entlud sich in Deutschland der Hass. Synagogen brannten in der Nacht auf den Folgetag, die jüdische Bevölkerung war Ziel von Gewalt und Zerstörung von Eigentum. Von der Nazi-Führung in Gang gesetzt, auf lokaler Ebene fortgesetzt – und von den nicht direkt an Straftaten Beteiligten zumindest schweigend geduldet oder gar bejubelt – die „Kristallnacht“, wie sie verharmlosend genannt wurde, gilt als Auftakt für die systematische Verfolgung und später auch Ermordung der Juden. Weithin einmalig ist, was in Memmingen geschah, wo direkt nach der Reichspogromnacht am 10. November mit dem Abriss der Synagoge begonnen wurde, der auch die Juden von Bad Wörishofen angehörten.

Die Nationalsozialisten hatten das tödliche Attentat des 17-jährigen Juden Herschel Grynszpan auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath am 7. November in Paris zum Vorwand für die Pogrome genommen. Fast 100 Menschen wurden am 9. und 10. November in Deutschland ermordet, etwa 26000 verhaftet und verschleppt.

Wer in Bad Wörishofen die Tafeln mit „Juden unerwünscht“ aufstellte, ist bekannt

In Bad Wörishofen sind erste Schikanen gegen hier lebende Juden bereits im Sommer 1935 dokumentiert. Vor allem Karl Schuster aus Bad Wörishofen hat in mühevoller Arbeit Licht in diese Zeit gebracht und für die Nachwelt aufgeschrieben, was damals passiert ist. Auch Martina Haggenmüller hat als Autorin viel über diese Zeit in Bad Wörishofen zusammengetragen und berichtet. So richteten sich die Schikanen sowohl gegen jüdische Bürger Bad Wörishofens als auch gegen die jüdischen Kurgäste des Heilbades. Zu ihnen gehörte einst auch Baron Nathaniel Rothschild, der zu einem der größten Förderer des Kneippianums wurde. Am 1. Juni 1935, so schreibt Haggenmüller, hat die Regierung in Augsburg die Gemeinde Bad Wörishofen aufgefordert, binnen 24 Stunden mitzuteilen, ob im Ort die vorgeschriebenen Tafeln mit der Aufschrift „Juden unerwünscht“ auch aufgestellt wurden. Sogar die exakte Zahl musste genannt werden und welche Personen sie aufgestellt haben. So ist bekannt, dass die Hitlerjugend unter Bannführer Glotz drei dieser Tafeln in Bad Wörishofen aufstellte – und dass der damalige Bürgermeister sie mit Rücksicht auf die Kurgäste wieder entfernen ließ. Die Judenfeinde behielten aber die Oberhand, zwei Tafeln standen am Ende doch.

So ging es los, ähnlich auch in anderen Orten. Es gipfelte Jahre später in einer landesweiten Lawine des Hasses gegen die jüdische Bevölkerung, wofür seit den 1980er Jahren der Begriff der Reichspogromnacht steht.

Was nicht der Kur diente, war für jüdische Gäste in Bad Wörishofen tabu

In Bad Wörishofen galt ab 1937, dass jüdische Kurgäste zwar noch kommen durften. Sie mussten aber von den übrigen Gästen getrennt untergebracht werden. Das war auch in anderen Heilbädern so. Was nicht unmittelbar der Kur diente, also etwa Sportplätze, war für die jüdischen Gäste tabu, dort durften sie sich nicht aufhalten. In Bad Wörishofen hat man die Schikane sogar in eine eigene Satzung gegossen. „Sofern sich ein Jude in Bad Wörishofen einquartierte, signalisierte ihm der Vermieter, dass er unerwünscht sei, und kündigte ihm in aller Regel“, berichtet Haggenmüller. Dieses Vorgehen habe sich „bewährt“, wie es damals spöttisch hieß – denn als Folge kamen kaum mehr Juden nach Bad Wörishofen.

Jene, die hier lebten, blieben. Es handelte sich laut Haggenmüller um die Arztgattinen Sophie Tienes und Olga Schalle (Status war unklar) und um die jüdische Familie Glasberg. Die sechs Töchter der Glasbergs – Adele, Selma, Hermine, Flora, Elvira und Martha – waren mit den Kindern anderer Wörishofer Familien befreundet, das Ehepaar Glasberg betrieb im Reisberger-Haus an der Bahnhofstraße ein bekanntes Geschäft mit Textilien und Kurbedarf. Es gebe sogar „verschiedene Postkartenmotive, auf denen eine der sechs Glasberg-Töchter zu entdecken ist, barfuß, im Dirndl oder in Kneippsandalen, echte Kneippianerinnen halt“, berichtet Michael Scharpf, der die Schicksale der jüdischen Bürger von Bad Wörishofen genau erkundet hat. „Das unterstreicht, wie vollständig die Glasbergs in Bad Wörishofen integriert waren.“

Zum Ende der 1930er Jahre wurden aber auch die Schikanen gegen diese Familie massiver. Nach einer Verordnung vom Oktober 1938 hatten die Glasbergs ihre Pässe abgeben müssen. „Bürger schoben Wache vor dem kleinen Laden und notierten Namen von Mitbürgern, die es noch wagten, beim Juden einzukaufen“, hat Karl Schuster notiert. Für die Familie hatte das Folgen. Schuster hat es als neun oder zehn Jahre alter Bub selbst erlebt.

Damals sei Emma Glasberg, die Ehefrau von Hermann Glasberg, bei Nacht zu den Schusters gekommen. Emma Glasberg tauschte Stoffreste gegen Essen. „Sie sah sehr verhärmt aus und weinte dauernd“, ist in Schusters Erinnerungen nachzulesen. Ob es am 9. November zu Übergriffen auf das Geschäft kam, ist nicht dokumentiert. Michael Scharpf sagt dazu: „Es findet sich keine Aussage zu Ausschreitungen.“ Allerdings habe Hermann Glasberg im Zuge der Schikanen gegen Juden seine Pistole samt Munition abgeben müssen.

Die Glasbergs überlebten die Nazi-Herrschaft nicht. Am 10. August 1942 wurden Hermann und Emma Glasberg deportiert. „Sie kamen damals noch zu uns und baten, wir mögen doch noch etwas bei ihnen kaufen“, berichtet eine Zeitzeugin, die namentlich nicht genannt werden will. Offensichtlich wollten sie noch etwas Geld erlösen. Eine Tortenschaufel, eine Gebäckzange, eine goldene Kette und wohl etwas Stoff wechselten den Besitzer. Auch Margit Schneiderbanger hat ihre Erinnerungen an diesen Tag dokumentiert.

Am Bahnhof Türkheim hätten sich die Glasbergs, in Begleitung zweier Polizisten, von ihrem Vater verabschiedet, denn sie würden sich wohl nie wieder sehen. 1944 ermordeten die Nazis die Eheleute Glasberg in Auschwitz. Auch zwei der Töchter starben, in Auschwitz und im Ghetto Riga.

Heute erinnern zwei sogenannten Stolpersteine vor dem Reisberger-Haus an das Schicksal der jüdischen Kaufleute. Gunter Demnig hat sie 2015 dort verlegt, sie sind Teil einer europaweitern Aktion. Eine Urenkelin der Glasbergs, Emily Callahan war heuer kurz vor dem Jahrestag der Reichspogromnacht zusammen mit ihrem Mann Brian für drei Tage in Bad Wörishofen.

„Gemeinsam haben wir den Ort erkundet, dabei natürlich die Stolpersteine vor dem Reisbergerhaus, den Friedhof und die Allgäuer Umgebung“, berichtet Michael Scharpf, der Kontakt zu den Glasberg-Nachfahren hält. „Eine sehr bewegende, aber auch beglückende Begegnung“, sagt er.

Auf dem Friedhof von Bad Wörishofen erinnert ein jüdisches Grabfeld daran, was die Reichspogromnacht in Gang gesetzt hatte. Dort sind die Namen von jüdischen Gefangenen der KZ-Außenstelle Türkheim verzeichnet. Sie wurden nach der Befreiung des Lagers nach Bad Wörishofen gebracht, wo sie in einem Hospital starben.

Nach Kriegsende richteten die US-Behörden in Bad Wörishofen ein Camp für jüdische sogenannte Displaced Persons ein. Damals lebten nach den Aufzeichnungen bis zu 350 Juden in der Kneippstadt, es war eines der größten Camps in Schwaben. (mit dpa, heb)

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