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15.02.2015

Durch Niederlagen siegen

Es geht aufwärts: Einrichtungsleiter Ary Witte (rechts) und Aufnahmekoordinator Patrik Krompholz (Vierter von rechts) inmitten ihrer Erfolgsmannschaft.
Bild: Axel Schmidt

Bei der Therapieeinrichtung Kompass Hof im Kloster Lohhof gibt es ein äußerst erfolgreiches Team. Im vergangenen Jahr wurde der deutsche Meistertitel nur knapp verpasst.

Die Vitrine im Eingangsbereich des Klosters Lohhof bei Mindelheim hat schon bessere Tage gesehen. Die Tür schließt nicht mehr richtig, einer der Pokale darin ist entzwei. Dennoch birgt sie so etwas wie den ganzen sportlichen Stolz der Therapieeinrichtung Kompass Hof. Denn seit sich hier neben der Arbeitstherapie für Suchtkranke auch die Sporttherapie durchgesetzt hat, sammeln vor allem die Fußballer fleißig Plaketten, Pokale und vor allem Fairplay-Auszeichnungen.

„Wir haben hier in den vergangenen ein, zwei Jahren die Erfahrung gemacht, dass Sport einen guten Teil zur Gesundung beiträgt“, sagt Patrik Krompholz. Der 25-Jährige ist seit 2013 Aufnahmekoordinator der Einrichtung. Bei ihm gehen die Anfragen der Rehabilitanden ein. Quasi nebenher organisiert er aber auch die Fußballmannschaft der Einrichtung, den FC Kompass Hof. Eigentlich ist Krompholz, der aus Regensburg stammt, gelernter Maler und Lackierer. Durch Zufall landete er bei der Therapieeinrichtung.

Im Trainingsanzug sitzt Krompholz in einem großen Bürozimmer, die Hallenfußballschuhe hat er schon an. In einer Stunde geht es zum wöchentlichen Training in die Soccerhalle nach Kaufering. Er spricht von gesundem Ausgleich und von Sozialkompetenz, die sich die Spieler in der Mannschaft erwerben. Und wie wichtig es sei, dass die Rehabilitanden auch Niederlagen erfahren. Allerdings war das im vergangenen Jahr offenbar nur selten der Fall. Denn der FC Kompass Hof feierte 2014 große Erfolge: In der Zweiten Liga der interkulturellen Straßenfußball-Liga München, „buntkicktgut“, belegten sie am Ende den dritten Platz (in dieser Saison sind sie aktuell Zweiter) und bei der deutschen Straßenfußballmeisterschaft in Karlsruhe wurden sie sogar Zweiter. „Das Turnierwochenende in Karlsruhe war unbeschreiblich“, sagt Krompholz stolz. „Wenn man da an der Seitenlinie steht und sieht, was das Team leistet, dann ist das einfach ein geiles Gefühl.“ Weit mehr als der sportliche Erfolg war ihm jedoch etwas anderes wert: „Wir Begleiter konnten die Jungs auch mal alleine lassen. Es ist nichts passiert.“

Mittlerweile hat sich das Gesicht des FC Kompass Hof komplett geändert. Von den sieben Spielern, die die deutsche Vizemeisterschaft feierten, ist keiner mehr da: Alle haben sie laut Krompholz das Rehabilitationsprogramm beendet. Der Kontakt ist dennoch nicht ganz abgebrochen: „Ab und zu spielen heute noch manchmal einige Spieler bei uns im Training mit“, sagt Krompholz. Doch hat ihnen der Fußball in der Therapie auch den Weg zurück in das „normale“ Leben geebnet? „Von einem Spieler weiß ich sicher, dass er in einem Verein spielt“, so Krompholz, dessen Aufgabe es nun wieder einmal ist, aus verschiedenen Charakteren mit unterschiedlichen Lebensläufen und Suchtverhalten eine Mannschaft zu formen. Das sei, gerade zu Beginn, nicht immer einfach. Es gelten strenge Regeln. So soll der Frust immer erst in der Umkleidekabine herausgelassen werden, nie auf dem Spielfeld. Wer das nicht befolgt, hat erst einmal ausgespielt. „Es kommt dann schon auch mal zu Trennungen, die nicht so positiv sind“, sagt er etwas blumig. „Aber meistens gibt es ein paar Wochen später ein Wiedersehen. Und dann geht es schon besser.“

Fußball verbindet eben doch. Zwei, die sich laut Krompholz „wohl auf der Straße nie angeschaut“ hätten, sitzen nun einträchtig nebeneinander: Ferdi, 30, und Stefan, 35, kamen Anfang Oktober 2014 unmittelbar nacheinander in die Therapieeinrichtung. Während Ferdi gleich am Tag nach seiner Aufnahme ins Fußballteam kam, dauerte es bei Stefan etwas. „Seit Dezember bin ich im Team“, sagt er. Er steht seitdem im Tor. Der Anfang war jedoch schwer. „Ich war ständig verletzt“, sagt er. Doch mittlerweile sei das besser geworden. Er genießt die körperliche Aktivität und das Miteinander. „Das Belohnungssystem ist bei Suchtkranken ja schwer gestört“, sagt Stefan. „Deswegen freut es mich immer, wenn ich meinen Teil dazu beitragen kann, dass wir erfolgreich sind.“ Auch Ferdi kann Erfolge vorweisen. Zum einen körperlich („Ich bin mit 95 Kilogramm hergekommen, jetzt wiege ich noch 84 Kilogramm.“), zum anderen im Sozialen. Denn er könne einfach nicht verlieren, sagt er. „Konnte ich noch nie, weder im Training noch bei Punktspielen. Ich habe Fußball sehr ernst genommen und habe Probleme mit Leuten, die nicht diese Einstellung dazu haben“, sagt er. Das aber habe sich nun etwas gebessert. „Wenn ich jetzt mal verliere, dann nehme ich es leichter. Ich kenne die Leute aus der Mannschaft nun schon besser“, sagt er. Trotzdem hat er ein Ziel vor Augen: Aachen. Dort findet im Sommer die deutsche Straßenfußballmeisterschaft statt. Vielleicht brauchen sie im Kloster Lohhof bald eine neue Vitrine.

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