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Ulm/Dornstadt

12.11.2020

65 Jahre Bundeswehr: Wie ein späterer General die Anfänge in Dornstadt erlebte

Ein Zug des Lehrbattaillons Andernach geht im Gleichschritt zur Waffenausbildung auf dem Truppenübungsplatz Pfaffendorf.
Bild: Kurt Rohwedder, dpa

Plus Zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs gab es wieder deutsches Militär. 65 Jahre ist jetzt her. Wie ein späterer General die Anfänge der Bundeswehr in Ulm erlebte.

Die Vorbereitungen liefen als "Geheime Bundessache": Fünf Jahre bevor der erste westdeutsche Verteidigungsminister Theodor Blank ( CDU) am 12. November 1955 den ersten 101 Freiwilligen in der Bonner Ermekeilkaserne ihre Ernennungsurkunde überreichte, hatten ehemalige Offiziere der Wehrmacht im Eifelkloster Himmerod eine Konzeption für neue deutsche Streitkräfte formuliert. Ihre "Denkschrift" sah zwölf Heeresdivisionen, Jagdfliegerkräfte und 500.000 Soldaten als Beitrag zur Verteidigung Westeuropas vor.

Nur zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs war die Wiederbewaffnung heftig umstritten - zwischen den politischen Kräften und auch in der Bevölkerung. Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) hatte erklärt, es gebe eine Wahl zwischen Sklaverei und Freiheit ("Wir wählen die Freiheit") und sein Land in die Nato geführt. Gegner warnten vor einem Anheizen der Ost-West-Konfrontation und einer "Versteinerung der deutschen Teilung". Die Chancen für eine Wiedervereinigung würden ausgelöscht.

Mit der Last der eigenen Geschichte im Gepäck und mit Waffenlieferungen der teils misstrauischen Verbündeten wurde die Bundeswehr als Wehrpflichtarmee aufgebaut. Schon Ziel der Himmeroder Denkschrift war es, "ohne Anlehnung an die Formen der alten Wehrmacht heute grundlegend Neues" zu schaffen. Der "Staatsbürger in Uniform" und die "Innere Führung" waren praktischer Ausdruck dieses Wegs, der bis zur Öffnung aller Laufbahnen für Frauen führte und in Einsätze, bei denen deutsche Soldaten in fernen Ländern für Menschenrechte und die Stabilisierung von Kriegsgebieten kämpfen sollen.

Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan trat 1966 seinen Dienst in Dornstadt an

Am Abend des 4. April 1966 trat der Abiturient Wolfgang Schneiderhan in der Rommel-Kaserne in Dornstadt seinen Dienst an. Ausbildungskompanie. "Wir mussten dieses Bett bauen. Kein Mensch wusste damals, was die von uns wollen. Wir waren acht Mann auf der Bude. Am anderen Morgen gab es das erste Antreten im Arbeitsanzug, wie es damals hieß", sagt Schneiderhan der Deutschen Presse-Agentur. Er brachte es bis zum Generalinspekteur und damit ranghöchsten Soldaten mit Verantwortung für den Einsatz in Afghanistan.

Wolfgang Schneiderhan spricht bei der zentralen Gedenkfeier zum Volkstrauertag im Bundestag. Der Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge warnte an dem Gedenktag für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft vor Extremismus und politischer Hetze.
Bild: Jörg Carstensen/dpa

"Das war nach dem Abitur meine erste Begegnung mit der Welt. Und diese Gruppe war ein ganz markantes Erlebnis für mich. Wir waren plötzlich ein Team", erinnert sich Schneiderhan, heute Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Durchaus habe man damals die Fragen der Zeit - es war auch der Beginn der Studentenbewegung - diskutiert. Prägend für ihn sei der Satz eines Schullehrers, den er bis heute verehre. "Die Bundeswehr hat den Auftrag, den Rückzug aus der Geschichte der Kriege militärisch abzusichern."

Wolfgang Schneiderhan.

Frieden durch Abschreckung, aber auch durch internationale Zusammenarbeit. Welche Rolle spielen ethisches Handeln und Menschlichkeit für den Soldaten, der Täter werden und Opfer sein kann? An den Grundfragen hat sich wenig geändert. Die Diskussion führt geradewegs zu tagesaktuellen Fragen wie der Debatte um Extremismus in Sicherheitskräften oder der, wie die Nato auf Russlands Politik reagieren soll. Zum 65. Jahrestag rückt die Landes- und Bündnisverteidigung wieder ganz ins Zentrum.

Bundeswehr als Lachnummer während um Europa herum die Krisen eskalierten

Lange war die Bundeswehr in der Heimat "Werkzeugkasten", aus dem man sich für Auslandseinsätze ("Internationales Krisenmanagement") bediente und ansonsten bei der Ausrüstung herzlich wenig vorhalten wollte. Die Folge: Die Einsatzbereitschaft des Großgeräts ist bestürzend gering. Mitunter wurde die Bundeswehr als eine Art Lachnummer beschrieben - während um Europa herum die Krisen eskalieren.

"Wir müssen uns darauf einstellen, dass Unberechenbarkeit und Sprunghaftigkeit die neuen Konstanten einer sich verändernden Weltordnung sind. Disruption ist offenbar das neue Normal", sagte der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Alfons Mais, kürzlich in einer Rede vor dem Förderkreis Deutsches Heer. "Moderne Konflikte werden weltumspannend und mit allen denkbaren Mitteln in allen Dimensionen (Land, Luft,See, Weltraum und im Cyberraum) geführt, zudem noch mit hybriden Methoden verschleiert."

Landes- und Bündnisverteidigung seien nun wieder planungsleitender Schwerpunkt und Marschrichtung. Es müsse wieder die "unmittelbare Einsatzbereitschaft und Kriegstüchtigkeit" von Großverbänden erreicht werden, so Mais. War die Bundeswehr im Kampf gegen den Terror technologisch überlegen, kann ein Gegner nun wieder gleichwertig oder sogar überlegen sein, wenn man Russland oder China als Maßstab nimmt. Die Reichweite der Aufklärung und der Waffenwirkung muss steigen.

An die Stelle von "Just-in-Time" - ein gescheiterter Ansatz von Bundeswehrreformern früherer Jahre - tritt demnach "Kriegslogistik", bei der Ersatzteile und Munition in großer Menge bevorratet werden müssen. "Betriebswirtschaftlich in höchsten Maße ineffizient, aber im militärischen Einsatz extrem effektiv", so Mais.

Chef der Heeressoldaten warnt vor zu viel Vertrauen in High-Tech

Der Chef der Heeressoldaten warnt davor, im Vertrauen auf High-Tech-Ansätze die Rolle der Landstreitkräfte zu vernachlässigen. "Die physische Beherrschung von Räumen ist und bleibt die entscheidende Größe. Die eigene Präsenz am Boden ist am Ende die Voraussetzung zur endgültigen Durchsetzung von Interessen, besiegelt in letzter Konsequenz Sieg oder Niederlage."

Die eingesetzten Truppen müssen "durchsetzungsfähig, kriegsbereit und siegesfähig sein", so Mais. "Sie müssen in der Lage sein, Schläge einzustecken, sich neu zu formieren und zurückzuschlagen bis der Auftrag erfüllt ist. Das Postulat ,Schutz vor Auftrag' aus den Auslandseinsätzen wechselt zu ,Auftrag vor Schutz'." Auch die Tonart ändert sich merklich. (az/dpa)

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