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Ulm

30.01.2019

Der Ulmer Rabbi hat selbst schon Judenhass erleben müssen

Shneur Trebnik wurde am 30. Dezember 1975 im zentralisraelischen Dorf Kfar Chabad geboren. Seit 19 Jahren wohnt der Familienvater in Ulm und ist Ortsrabbiner.
Bild: Alexander Kaya

Plus Shneur Trebnik spricht über seine eigene Erfahrungen mit Antisemitismus. Der Ulmer Rabbiner kennt jüdische Familien aus der Region, die das Deutschland aus Angst verlassen wollen.

Es war an einem Samstagnachmittag im März vergangenen Jahres. Shneur Trebnik, mit der Kippa auf dem Kopf als Jude zu erkennen, schlenderte die Platzgasse entlang, als er plötzlich und in barschem Ton angesprochen wurde. „Wieso läuft ein Rabbiner auf deutschen Straßen herum“, habe der Mann um die 60 zu ihm gesagt. Trebnik, in Begleitung einer nicht-jüdischen Frau habe gleich gemerkt, dass dies kein Moment ist, um zu diskutieren. „Ich war schockiert“, sagt der Ulmer Rabbi. Und ist schweigend weiter gelaufen.

Trebnik berichtet von dieser leidvollen Erfahrung vor dem Hintergrund der jüngsten Äußerungen von Charlotte Knobloch, der früheren Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Dennoch sei die Region seine Heimat: „Ich bin seit 19 Jahren hier und in Ulm fühle ich mich zuhause.“ Doch mit dem Aufstieg der AfD habe sich etwas geändert. Treibstoff für ein gewisses Unwohlsein seien Sätze wie die durch alle Medien geisternde Forderung von AfD-Scharfmacher Björn Höcke nach einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“.

Ulmer Rabbiner Shneur Trebnik hat Antisemitismus selbst erlebt

Trebnik möchte nicht sagen, dass er Angst habe. „Es ist nur etwas ungemütlicher geworden.“ Viele Mitglieder der Gemeinde fühlten sich ohnehin in doppelter Hinsicht als Exoten. Durch ihre osteuropäische Herkunft und die Religion. Und dieses Gefühl werde zunehmend bestärkt. „Es ist nie schön, ein Exot zu sein“, sagt Trebnik.

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Trebnik weiß inzwischen wer ihn an jenem Samstagnachmittag mit Worten quasi die Existenzberechtigung entzogen hat. Wohl ein Ulmer. „Ich sehe ihn manchmal zufällig. Dann wird mir ganz flau.“ Um die 500 Mitglieder zählt das Ulmer Rabbinat, das zur Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs gehört. Und Trebnik kennt Gemeindemitglieder, die aufgrund eines rauer werdenden politischen Klimas mit dem Gedanken spielen, Deutschland zu verlassen. „Sie sind sehr hellhörig geworden.“ Die Gruppe sei keine „Strömung“ innerhalb der Gemeinde. Doch die „vermutlich einstellige“ Zahl an Abwanderungswilligen sei in der Gemeinde durchaus wahrnehmbar. Ulm steht damit nicht allein: Im überregionalen Teil unserer Zeitung prangerte Knobloch einen aggressiven Antisemitismus an weswegen immer mehr jüdische Deutsche überlegten nach Israel auszuwandern. Die jüdische Gemeinschaft sei vor allem wegen der AfD besorgt. Die „zehn oder 15“ regionalen Politiker der AfD seien Trebnik egal. Was ihm Sorgenfalten auf die Stirn treibt ist die Frage, warum eine Partei die außer Hass und Hetze keinerlei gangbare Lösungen für die Gesellschaft anzubieten habe, auf zweistellige Wahlergebnisse kommen kann. Auf ihrer Homepage hat die Israelitische Religionsgemeinschaft aufgrund der Vorkommnisse eine „Gemeinsame Erklärung gegen die AfD“ veröffentlich. „Die AfD ist eine Partei, in der Judenhass und die Relativierung bis zur Leugnung der Schoa ein Zuhause haben. Die AfD ist antidemokratisch, menschenverachtend und in weiten Teilen rechtsradikal“, heißt es darin.

„Ich hoffe es ist nur eine Phase“, sagt Trebnik, der 43-jährige Vater von sieben Kindern. Denn eigentlich funktioniere das Zusammenleben der Religionen und Kulturen in Ulm sehr gut.

Im Spätsommer 2017 wurde die Ulmer Synagoge Ziel eines Angriffs

Vorfälle wie in der Platzgasse oder die Attacke vor anderthalb Jahren, als ein Unbekannter mit einem Metallpfosten und Fußtritten die Synagoge beschädigte, seien zum Glück seltene Ausnahmen. Trebnik „wundert es sehr“, dass der Täter trotz mehrerer Zeugen und Aufnahmen der Überwachungskameras, nicht gefunden werden konnte.

Lesen Sie auch: Attacke auf Synagoge: Ermittlungen in der Sackgasse

Beunruhigend findet Trebnik, dass in einigen Moscheen antisemitische Parolen gepredigt werden und Kinder diese Parolen aus ihren Elternhäusern in Neu-Ulmer Klassenzimmer tragen (wir berichteten). Doch persönlich habe er mit Moslems in der Region nur gute Erfahrungen gemacht. Nicht zuletzt im Ulmer Rat der Religionen, in dem er sich regelmäßig mit Vertretern des katholischen Dekanats, des türkisch-islamischen Kulturvereins Ditib, des alevitischen Kulturverein Ulm und des bosnisch-islamischen Kulturzentrums trifft.

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