Newsticker
RKI meldet 24.000 Neuinfektionen, Inzidenz steigt auf 120
  1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Im Corona-Jahr wächst die Gewalt in Neu-Ulm deutlich

Neu-Ulm

08.04.2021

Im Corona-Jahr wächst die Gewalt in Neu-Ulm deutlich

Die Zahl der Gewalttaten im Zuständigkeitsbereich der Polizeiinspektion Neu-Ulm hat voriges Jahr zugenommen. Das gilt auch für häusliche Gewalt.
Foto: Bernhard Weizenegger (Symbolbild)

Plus Die Zahl der Straftaten ist 2020 in Neu-Ulm zwar leicht zurückgegangen. Doch bei der Straßenkriminalität und bei Gewaltdelikten gab es einen starken Anstieg.

Die Polizeiinspektion Neu-Ulm ist die am stärksten belastete Dienststelle im ganzen Bereich des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West. Daran hat sich auch im Corona-Jahr 2020 nichts geändert. Mit mehr als 4500 Straftaten verzeichnete die Neu-Ulmer Polizei zwar einen minimalen Rückgang um 0,5 Prozent. Bei bestimmten Deliktsbereichen ging die Zahl der Fälle jedoch stark nach oben.

Das betrifft unter anderem die Straßenkriminalität, zu der Delikte wie Vandalismus und Körperverletzungen im öffentlichen Raum gehören. Die Zahl der Fälle stieg um 20 Prozent auf insgesamt 819 Straftaten. "Das ist uns in keinster Weise recht", räumte der kommissarische Leiter der Polizeiinspektion Neu-Ulm, Thomas Merk, bei der Vorstellung der Statistik ein. "Daran müssen sich Polizei und Sicherheitsbehörden messen lassen." Und dies sei ein besonders sensibler Bereich, der das subjektive Sicherheitsempfinden der Bürger stark beeinflusse.

Polizei Neu-Ulm klärt Serie von Sachbeschädigungen durch Graffiti auf

Allerdings ging die Zahl der Körperverletzungen auf öffentlichen Straßen und Plätzen – Fälle, die vielen Bürgern besonders Angst machen – mit Minus 26,1 Prozent stark zurück. Der deutliche Anstieg der Straßenkriminalität ist dagegen unter anderem auf eine Serie von Sachbeschädigungen durch Graffiti zurückzuführen, die die Polizei aufklären konnte. Durch umfangreiche Ermittlungen wurde eine Gruppe von fünf Tatverdächtigen ermittelt und 69 Fälle von Sachbeschädigung wurden geklärt.

Erheblich nach oben ging aber die Zahl der Gewaltdelikte insgesamt, nämlich um 18,4 Prozent. Im Vergleich zu 2019 bedeutet dies eine Steigerung der Fallzahlen um 33 auf 212. Dazu gehören beispielsweise Raub, gefährliche Körperverletzung, Vergewaltigung sowie Mord und Totschlag. Vor allem Prügeleien haben deutlich zugenommen. Mit den Lockdowns sind die Fälle auf der Straße oder in der Kneipe weniger geworden, in den eigenen vier Wänden nahm die Gewalt dagegen zu. "Es hat sich aus dem öffentlichen Raum ins private Umfeld verlagert", erläuterte Thomas Merk.

Fälle von häuslicher Gewalt nehmen in Neu-Ulm deutlich zu

Diese Tendenz spiegelt sich auch bei der häuslichen Gewalt wider, zu der alle Taten in Zusammenhang mit einer bestehenden oder ehemaligen Beziehung gerechnet werden, auch Stalking und Gewaltschutzverstöße. Im Bereich der Polizeiinspektion Neu-Ulm gab es ein Plus von 17 Prozent auf insgesamt 235 Fälle. Thomas Merk geht davon aus, dass dabei auch Prävention und Aufklärung eine Rolle spielen und viele Frauen eher bereit sind, zur Polizei zu gehen, als dies noch vor ein paar Jahren der Fall war. Ob auch die Auswirkungen der Corona-Pandemie zu dem Anstieg der Zahlen führten, kann die Polizei nicht mit Gewissheit sagen. Vereinzelt habe es darauf Hinweise gegeben. Es bedürfe jedoch einer wissenschaftlichen Aufarbeitung und Analyse, um entsprechende Aussagen fundiert treffen zu können.

Die Kriminalitätsbelastung insgesamt zeigt sich in der Kriminalitätshäufigkeitszahl. Das ist die Zahl der bekannt gewordenen Straftaten pro 100.000 Einwohner. Sie lag in Neu-Ulm voriges Jahr bei 6831. Zum Vergleich: In Bayern lag sie bei 4528, im gesamten Präsidiumsbereich bei 4026, in Ulm bei fast 8000. Nersingen und Elchingen, die ebenfalls zum Zuständigkeitsbereich der PI Neu-Ulm gehören, weisen mit 3070 und 2473 deutlich niedrigere Zahlen auf.

Bei den Eigentumsdelikten wurden voriges Jahr 1128 Fälle erfasst. Das ist ein Rückgang um 2,6 Prozent und der niedrigste Stand seit zehn Jahren. Noch stärker machte sich dies bei den Ladendiebstählen bemerkbar – was auf der Hand liegt, da viele Geschäfte monatelang geschlossen hatten. Ein deutliches Minus von 34 Prozent auf 31 Fälle gab es auch bei den Wohnungseinbrüchen. Zugenommen haben hingegen die Fahrraddiebstähle. Hier verzeichnete die Neu-Ulmer Polizei ein Plus von 12,8 Prozent auf 255 Fälle. Ein Trend, der anhält. "Allein in diesem Jahr haben wir bereits einen Beuteschaden von 66.000 Euro", sagte Thomas Merk. Gegen diese Entwicklung werde die Polizei konsequent mit einer Schwerpunktaktion vorgehen.

Zahl der Drogendelikte war in Neu-Ulm rückläufig

Die Fallzahlen im Bereich Rauschgiftkriminalität lagen 2020 unter denen des Vorjahres. Insgesamt wurden 371 Drogendelikte erfasst. Das sind 12,5 Prozent weniger als 2019. Polizeichef Thomas Merk führt dies auch auf intensiven Kontrolldruck zurück, der zu einem gewissen Verdrängungseffekt geführt habe. Unter anderem gab es eine große Razzia in der Asylbewerberunterkunft an der Reuttier Straße.

Über die Lage in der Außenstelle des Ankerzentrums im Starkfeld sagte Thomas Merk: "Momentan sind wir sehr zufrieden, in Zusammenarbeit mit der Regierung von Schwaben und dem Sicherheitsdienst. Wir sind vor Ort, wir haben ein Auge darauf." Die Frage sei natürlich, wie sich die Situation im Sommer entwickle. Derzeit seien im ehemaligen Speichergebäude 166 Menschen untergebracht. "Wir werden alles dafür tun, dass das dort funktioniert", sagte Merk. Man dürfe aber nicht vergessen: Es handle sich um Hilfesuchende, und nur ein sehr kleiner Teil mache der Polizei Ärger.

Polizei Neu-Ulm will ihre Präsenz im Stadtgebiet 2021 erhöhen

Neben der Aktion "Velo", mit der die Neu-Ulmer Polizei gegen Fahrraddiebe vorgehen will, haben sich die Beamten für 2021 auch vorgenommen, die Präsenz im Stadtgebiet zu erhöhen. Ein besonderes Auge wollen sie zudem auf die Tuning-Szene werfen, die zuletzt stark in Ulm aktiv war, aber auch in Neu-Ulm. "Wir wollen keine Hexenjagd, haben aber ein wachsames Auge drauf", sagte der Polizeichef. Neben aufgemotzten Autos geht es um manipulierte Pedelecs – mit denen manche Fahrer viel zu schnell unterwegs sind und so Unfälle verursachen.

Corona stellte und stellt die Polizei vor große Herausforderungen. "Wir müssen einen Riesenspagat machen", erläuterte Thomas Merk. "Einerseits müssen wir mit strengen Hygienemaßnahmen sicherstellen, dass die Dienststelle geöffnet bleibt, was für die Kollegen eine hohe Belastung darstellt, andererseits wollen wir den Kontrolldruck hochhalten und Präsenz auf der Straße zeigen."

Lesen Sie auch:

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren