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Neu-Ulm/Ulm

12.05.2017

Journalistin aus Ulm wird in der Türkei verhaftet

Mesale Tolu wurde von der Polizei festgenommen, ihr Sohn Serkan ist momentan ohne Elternteil.
Bild: Sammlung Tolu

Polizisten stürmen die Istanbuler Wohnung einer 33-Jährigen und ihres Sohnes. Sie soll Terrorpropaganda betrieben haben, so der Vorwurf. Nun kämpft ihre Familie für ihre Freiheit.

Mitten in der Nacht wurden Mesale Tolu und ihr zweijähriger Sohn Serkan aus dem Schlaf gerissen – vermummte Polizisten mit Sturmgewehren durchsuchten die Istanbuler Wohnung der gebürtigen Ulmerin und nahmen sie fest. Die Behörden werfen der 33-Jährigen vor, als Journalistin Terrorpropaganda betrieben zu haben und Mitglied einer Terrororganisation zu sein.

Für die Bundesregierung ist ihre Festnahme ein diplomatischer Affront: Entgegen den internationalen Gepflogenheiten wurde sie nicht informiert. Regierungssprecher Steffen Seibert betonte in Berlin: „Dieser Fall macht uns Sorgen.“

Mesale Tolu in der Türkei verhaftet: Auch ihr Ehemann sitzt in U-Haft

Nach Auskunft ihrer Freunde wurde Mesale Tolu, die in Ulm aufgewachsen ist und seit mehr als zwei Jahren in der Türkei lebt, bereits am 30. April in Gewahrsam genommen, seit dem 6. Mai sitzt sie im Istanbuler Frauengefängnis. Die genauen Beweggründe für die Festnahme seien weder ihm noch dem Anwalt der Journalistin bekannt, betont Baki Selcuk vom Solidaritätskreis „Freiheit für Mesale Tolu“.

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Offenbar habe sich das Gericht bei der Anordnung der Haft darauf berufen, dass sie an einer Beerdigung von zwei Sozialistinnen teilgenommen habe. Diese seien von der Istanbuler Polizei erschossen worden.

Außerdem sei die 33-Jährige, die zuletzt für eine linksgerichtete Nachrichtenagentur gearbeitet hatte, bei einer Gedenkveranstaltung für die im Kampf gegen den sogenannten „Islamischen Staat“ getötete Deutsche Ivana Hoffmann gewesen. Da Tolus Mann Suat Çorlu nach einer Polizeiaktion Anfang April in Ankara ebenfalls in Untersuchungshaft sitzt, muss ihr Sohn nach Informationen unserer Zeitung nun von der Schwester der Journalistin in der Türkei betreut werden.

Ihre Eltern leben noch in Neu-Ulm. Auch Mesale Tolu selbst hat nach Auskunft ihres Bruders dort noch einen Wohnsitz.

Anders als Deniz Yücel hat Mesale Tolu nur einen deutschen Pass

Vor Journalisten forderte Seibert Ankara auf, Mitarbeitern der deutschen Botschaft die Betreuung der Inhaftierten zu ermöglichen – „und zwar bald“. Anders als der im Februar festgenommener Welt-Korrespondent Deniz Yücel hat sie nur einen deutschen und keinen türkischen Pass mehr, kann von der türkischen Justiz also nicht wie eine Türkin behandelt werden. Nach dem Wiener Übereinkommen für konsularische Beziehungen hätte die Türkei die Bundesregierung über die Festnahme informieren und ihr Zugang zu der Journalistin ermöglichen müssen.

 „Für uns ist es wichtig, dass wir uns um sie kümmern können“, sagt der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Martin Schäfer. Die türkischen Behörden müssten den Fall „nicht nur anständig, sondern auch völkerrechtsgemäß“ behandeln. „Das werden wir auf sehr deutliche Art geltend machen.“

Nach Angaben des Auswärtigen Amtes befinden sich aktuell sechs deutsche Staatsbürger in der Türkei in Untersuchungshaft oder in Polizeigewahrsam. Vier von ihnen besitzen außerdem die türkische Staatsbürgerschaft.

Kundgebung für Mesale Tolu in Ulm

Etwa hundert Bürger haben sich am Freitagabend bei einer Kundgebung in Ulm mit der jungen Journalistin Mesale Tolu solidarisch gezeigt. Mit dabei war auch die Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz aus Senden, die selbst türkische Wurzeln hat. „Mesale Tolu hat ein Recht auf ein rechtsstaatliches Prinzip und die Türkei hat kein Recht, ihr diese Rechte zu verwehren – und dafür müssen wir einstehen.“ Auch Tante und Bruder der inhaftierten Journalistin kamen in die Hirschstraße.

Dass die 33-Jährige gewaltsam aus der Wohnung gezerrt wurde, bricht beiden das Herz. „Ich sehe das als terroristische Aktion des Staates“, sagt Silvia Tolu. Wie der Bruder von Mesale Tolu, Hüsein Tolu, mitteilt, sei nun Besuchsrecht gewährt worden – am Montag, 22. Mai. „Wir müssen beweisen, dass Mesale Deutsche ist und keine doppelte Staatsbürgerschaft hat.“ Tolu ist sauer auf die Behörden in der Türkei: „Die wissen selbst nicht, wen sie da festnehmen.“

Baki Selcuk vom Solidaritätskreis plant weitere Aktionen: „Es wird noch mehr Demos geben – auch in anderen Ländern.“ Bereits in Paris und Brüssel hätten sich Bürger solidarisiert und seien auf die Straße gegangen. Selcuk und seine Mitstreiter wollen alles dafür geben, dass Mesale Tolu und ihr Sohn bald wieder vereint sind.

Hier ein Video von der Kundgebung:

Die Ulmer Journalistin Mesale Tolu sitzt in der Türkei in Untersuchungshaft. Nun gehen Bürger in Ulm auf die Straßen, um für die Freilassung der jungen Mutter zu kämpfen. (kat)
Video: Katharina Dodel

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(mit afp und lmö)

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