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Neu-Ulm

08.09.2019

Steinheim hat eine fast beispiellose Entwicklung genommen

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4 Bilder
Eine Luftaufnahme vom Neu-Ulmer Stadtteil Steinheim, von Süden aus aufgenommen.
Bild: Gerrit-R. Ranft

Als der Ortsteil Steinheim eingemeindet wurde, belastete er Neu-Ulm finanziell kaum. Dies lag vor allem am „Frondienst“.

Zwischen April und September 2019 feiert Neu-Ulm sein Jubiläum „150 Jahre Stadterhebung“. Die Neu-Ulmer Zeitung, die heuer 70 wird, hat in den vergangenen zwölf Monaten ein paar Blicke in die Vergangenheit der Kommune, in ihre Gegenwart und – so weit möglich – in die Zukunft getan. Heute: Steinheim.

Der Stadtteil Steinheim liegt gut 8000 Meter östlich des Neu-Ulmer Rathauses. Der weithin noch ländlich geprägte Ort zählte zum jüngsten Jahreswechsel 774 Einwohner, womit er den zehnten Platz unter den vierzehn Stadtteilen Neu-Ulms belegt. Seine Grundfläche beträgt gut acht Quadratkilometer, die den Ort bei diesem Aspekt an die dritte Stelle rücken. Steinheims belegbare Geschichte beginnt indirekt im Jahr 1225 mit der ersten schriftlichen Erwähnung in einer päpstlichen Urkunde, die dem Kloster Elchingen gilt.

Steinheims Geschichte beginnt am 2. Mai 1285

Die eigene Historie setzt mit dem 2. Mai 1285 ein. Unter diesem Datum genehmigt der Augsburger Bischof dem Edlen Ulrich von Aichheim im heutigen Altenstadter Ortsteil Illereichen den Verkauf von Kirchenbesitz in Steinheim an das Ulmer Spital. Neu-Ulms früherer Kreisheimatpfleger Horst Gaiser hat sich über den Verkäufer informiert und ihn in der 1985 erschienenen Steinheimer Dorfchronik vorgestellt. Demnach zählten die Aichheimer zu den bedeutenden Adelsgeschlechtern in Bayerisch Schwaben. Ihr Wappen ist schon in der um 1340 entstandenen „Züricher Wappenrolle“ enthalten. Dass Ulrich von Aichheim seine Steinheimer Pfarrpfründe verkaufte, hatte durchaus praktische Gründe. Denn im Gegenzug erwarb er wesentlich näher gelegene Güter in Wolferstal, einer früheren Ansiedlung nahe Illertissen. „Ein für beide Seiten nützliches Geschäft“, schreibt Gaiser denn auch. An Ulrich von Aichheim erinnert ein Grabstein im Kreuzgang des Augsburger Doms.

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Vom Bauerndorf zum Stadtteil der Großen Kreisstadt Neu-Ulm

Steinheims Übergang vom eigenständigen Bauerndorf zum Stadtteil der Großen Kreisstadt Neu-Ulm geschah in Raten. Gegen Pläne der Bayerischen Staatsregierung, Steinheim mit dem nur drei Kilometer entfernten Nersingen zusammenzubringen, regte sich schnell Widerstand. Der Nachbar lag zwar in Sichtweite übers Feld. Doch hätten niemals nennenswerte Beziehungen hin oder her bestanden, wurde argumentiert. Also entscheid sich das Wahlvolk im Bürgerentscheid 1976 erst mal für Pfuhl, wozu wohl auch konfessionelle Vorlieben beigetragen hatten.

Eine evangelische Insel im katholischen Umland

Pfuhl war seit je ulmisch gewesen, sodass es 1531 zugleich mit der Freien Reichsstadt die Reformation übernahm. Steinheim, dessen Ortsbild seit 1470 von der Nikolauskirche geprägt wird, wurde die neue Glaubensrichtung 1539 übertragen, der Ort ist seither eine evangelische Insel im katholischen Umland. Geheiratet wurde denn auch nur nach Pfuhl oder in das ebenfalls protestantische Reutti oder gleich weit weg auf die Schwäbische Alb.

Nach Zusammenschluss mit Pfuhl folgte die Eingemeindung nach Neu-Ulm

Dem Zusammenschluss mit Pfuhl, das zuvor bereits Burlafingen aufgenommen hatte, folgte am 1. Juni 1977 die gemeinsame Eingemeindung nach Neu-Ulm. Belastet hat der Neuankömmling die Große Kreisstadt finanziell kaum. „Denn es war ja alles schon da“, hatte Steinheims letzter Bürgermeister Erhard Kauf noch selbstbewusst festgestellt. In den schon seit 1961 geteerten Dorfstraßen lag bereits der Abwasserkanal. Ein Klärbecken war vorhanden, und die Wasserleitung. Der Friedhof mit Leichenhalle war schon 1952 am Ortsrand angelegt worden. Erreicht worden war diese fast beispiellose Dorfentwicklung vor allem über den von allen Männern zwischen 18 und 60 Jahren zu leistenden „Frondienst“. Heute nennt sich so etwas Eigenleistung. Jeder Mann hatte auf diese Weise jährlich 50 Stunden zum Wohl der Gemeinde beizutragen. Gegen zwei Mark je Stunde konnte er sich freikaufen.

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In allen Dörfern des „Ulmer Winkels“ südlich der Donau haben sich wohlhabend gewordene Ulmer Patrizier vom frühen 16. Jahrhundert an kleine Schlösser als Sommerfrische weit außerhalb der engen Stadtmauern bauen lassen. Steinheim weist gleich drei solcher Sommersitze auf. Zwei dieser ehemaligen Schlösser an der Buchbergstraße und der Remmeltshofer Straße sind nach umfangreichen Umbauten heute allerdings nicht mehr als Herrensitze erkennbar.

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Das dritte dieser Häuser, Schloss Steinheim, wird zwar heute als Bauernhof genutzt, ist jedoch nach dem Urteil des früheren Ulmer Stadtbildpflegers Hellmut Pflüger als Kulturdenkmal von großer Bedeutung. Es wurde laut Inschrift über der Haustür 1619 für Albrecht Schleicher und dessen Ehefrau Magdalena geborene Neubronner erbaut. Der zweigeschossige Steinbau mit steilem Satteldach ist laut Pflüger bezeichnend für die Ulmer Renaissance, in der die Außenfassaden gern mit Kratzputz verziert wurden, während rundum in Schwaben Wandmalereien üblich waren.

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Lange Zeit vergessen waren die fünf lutherischen Bekenntnisbilder in der Nikolauskirche Steinheims, bis sie der Landeskirchenrat 1982 restaurieren ließ. Angefertigt hat die Gemälde in den Jahren 1652 bis 1654 der Ulmer Stadtmaler Johann Stölzlin. Sein Bruder, der Steinheimer Pfarrer Bonifazius Stölzlin wollte sie als Antwort auf die Rekatholisierung der umliegenden Dörfer nach dem Dreißigjährigen Krieg verstanden wissen. Die fünf Steinheimer Bekenntnisbilder stellen das Vaterunser dar, die Taufe, das Abendmahl, die Beichte und die Einsetzung des Predigtamts.

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