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Ulm/Hamburg

31.05.2017

Ulmer Spatz auf Zeitreise

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3 Bilder
Die Nutzer der Simulation „Birdly“ erleben das Ulm aus dem Jahr 1890 aus der Vogelperspektive. Dabei lässt sich ein guter Blick auf den damals noch im Bau befindlichen Westturm des Münsters werfen.
Bild: Demodern (Visualisierung)

Ab Mitte Juli ermöglicht eine Simulation eine Reise über und durch die Doppelstadt im Jahr 1890. Diese fordert von den Nutzern vollen Körpereinsatz.

In Dubai steht er. In Singapur auch. Und ab 14. Juli schwingt „Birdly“ in Ulm die Flügel. Die Ganzkörperflugmaschine ermöglich eine Reise über die Dächer von Ulm und Neu-Ulm im Jahre 1890. Das Ganze sieht in etwa so aus wie ein umgekehrter Zahnarztstuhl. Die Knie abgewinkelt, den Bauch auf die schwarz-weiße Liege postiert und die Arme greifen die beweglichen Flügel. Die Virtual-Reality-Brille aufgesetzt, zwei Knöpfe an den Flügelgriffen gleichzeitig gedrückt und ab geht’s: Über den Wolken, scheint die Freiheit grenzenlos.

Die beiden Arme steuern die (Spatzen-)Schwingen. Kippen bedeutet abwärts. Die Arme nach hinten und schon fliegt der Vogel steil nach oben. Der Ventilator vor der Brille simuliert perfekt den Fahrtwind, andere Spatzen kreuzen den Weg und zwitschern fröhlich. Und schon ist das Münster im Blick. Und die Donau. Die Augen wissen nicht wohin sie schauen sollen, rundum schweift der Blick. Rums. Plötzlich wird alles schwarz. Kollision mit dem höchsten Kirchturm der Welt, dessen Spitze 1890 noch im Bau war. Dann geht‘s weiter über das Münsterdach, Sturzflug ins Viertel „Auf dem Kreuz“. Sogar auf Fußgängerhöhe lässt sich der Computer-Spatz durch die Gassen steuern. Vorbei an hochaufgelösten Details wie Blumenkästen. Ein paar Flügelschläge später, am Marktplatz ohne Pyramide vorbei ein kurzer Schwenk auf den Weinhof. Beeindruckend: die alte Synagoge mit ihren vielen Türmchen.

Und bald ist die Donau erreicht. Noch ziemlich wild erscheint der Fluss, die Donauwiese am Metzgerturm ist eine nasse Au. Neu-Ulm ist erreicht: Damals nicht viel mehr als ein paar idyllische Höfe. Schön und bunt dennoch: Die Neu-Ulmer Insel scheint schon damals eine Reise wert gewesen zu sein. Nach drei Minuten ist Schluss mit der Fliegerei. Mit wackligen Knien schält sich der User aus der Bauchlage. Einer der ersten bei einer Vorführung in Hamburg bei der Firma Demodern war Ulms Oberbürgermeister Gunter Czisch. Erst fehlen ihm die Worte. Dann: „Wahnsinn. Das war klasse.“

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Das Stadtoberhaupt reiste eigens nach Hamburg, um die Programmierung zu testen, weil das Projekt mehr sei als „ein Spielzeug“. Wie kaum ein anderes Projekt verbinde „Birdly“ den alten Ulmer Traum vom Fliegen, den der Schneider von Ulm begründete, mit den Themen Innovation und Digitalisierung. Somit sei „Birdly“ auch ein für jedermann sichtbares Zeichen des Wandels, auf den sich Ulm einstelle. Zudem lobt Czisch das „bürgerschaftliche Engagement“, das sich hinter dem Projekt verberge. Denn die Kosten in ungenannter Höhe trieb die gemeinnützige Berliner Firma Interactive Media auf. Und das war nicht wenig: Allein 150 000 Euro kostet „Birdly“ als Hardware.

Hinter Interactive Media steckt in leitender Funktion wiederum Saskia Kress, Spross der bekannten Ulmer Unternehmerfamilie, die die Hamburger Firma Demodern mit der Programmierung beauftragte. Für deren Geschäftsführer Alexander El-Meligi war der Auftrag eine Herausforderung: Denn er wollte die vorhandenen Flugsimulationen von Dubai, New-York, Pittsburgh und Singapur nicht kopieren sondern übertreffen. Während die Programmierer bislang auf Fotos zurückgriffen, wurde beim Flug über Ulm jedes der Gebäude regelrecht nachgebaut. 2000 Häuser und 4000 Bäume, Mauern und Co. entstanden binnen sechs Monaten am PC Stein für Stein in einem für dieser Anwendung bisher unerreichten Definitionsgrad neu. Und in der Mitte freilich das Münster. El-Meligi griff dafür auf originale Dokumente aus dem Ulmer Stadtarchiv zurück und verwendete die gleiche Software, die auch bei Multimillionen-Playstation-Produktionen in grenzenlose virtuelle Welten führt.

Frei wie ein Vogel lässt sich das Virtual-Reality-Erlebnis ab Samstag, 15. Juli, testen. Die Stadt Ulm mietet ein Ladengeschäft in der Kramgasse (neben Cafe Mohrenköpfle) an und sorgt für den Betrieb. Eingebettet wird die Simulation in das Ulmer-Digital-Projekt „Ulm Stories“. Auf der Webseite ulmstories.de lassen sich die Flüge buchen. Für fünf Euro gibt es ein Zeitfenster, sodass Wartezeiten vermieden werden. Zudem gibt es künftig eine App für Smartphones. „Stimmen des Münsters“ heißt das Programm, das auf neue Art durch das Wahrzeichen führen soll.

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