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Landkreis Neu-Ulm

24.08.2018

Wirtschaft holt sich Hilfe aus dem Ausland

In Industrie und Handwerk wird händeringens nach Fachkräften gesucht. Mittlerweile werben hiesige Unternehmen bereits wieder Arbeitnehmer im Ausland an. Bei der Beschäftigung von Flüchtlingen scheint sich eine gewisse Entspannung abzuzeichnen.

Unternehmen müssen mittlerweile Fachkräfte aus anderen Ländern anheuern. Eine gewisse Entspannung deutet sich allerdings bei der Ausbildung von Flüchtlingen an

Irgendwie erinnert das ein wenig an die 50er und 60er Jahre, an die Zeit des Wirtschaftswunders: Da waren die Arbeitskräfte knapp, deshalb wurden Arbeiter aus dem Ausland geholt. Jetzt ist es wieder so weit. Kreishandwerksmeister Michael Stoll kennt Unternehmen, die werben gezielt Fachkräfte im Ausland an. Wer einen guten Kumpel oder einen Verwandten in Osteuropa hat, der das Anforderungsprofil der Firma erfüllt, kann sich sogar eine Prämie verdienen, wenn er die entsprechende Person hierher zum Schaffen holt. Stoll nennt keine Namen, berichtet aber von einem Unternehmen, das ein Haus kauft, damit die neuen Mitarbeiter aus dem Ausland ein Dach über dem Kopf bekommen. Der Fachkräftemangel im Handwerk ist groß – und Nachwuchs lässt sich nur schwer bekommen, das hat auch etwas mit der bayerischen Asylpolitik zu tun.

Mitte September beginnt das neue Ausbildungsjahr und schon jetzt zeichnet sich ab, dass etliche Handwerksbetrieb bei der Lehrlingssuche leer ausgehen werden. In der Industrie sieht es ein wenig besser aus, da gibt sich IHK-Regionalgeschäftsführer Oliver Stipar zuversichtlich, „dass wir das Niveau aus dem Vorjahr halten können.“ Das sei schon mal ein Erfolg, denn bekanntlich drängen junge Menschen auf die Gymnasien, weil sie sich von einer akademischen Laufbahn bessere Zukunftschancen erhoffen. Die großen bekannten Industrie- und Handelsunternehmen im Landkreis Neu-Ulm und in Ulm wie etwa Wieland, Peri, Iveco oder der Drogerieriese Müller üben einen gewissen Sog aus, weil sie besonders „sichtbar“ sind, wie Handwerksmeister Stoll sagt: „Sie tun sich leichter bei der Nachwuchswerbung.“ Da haben kleinere Betriebe nicht selten das Nachsehen. „Der Wettbewerb mit der Industrie wird schwieriger.“

Im Handwerk ist die Zukunft rosig

Dabei sei die Zukunft im Handwerk „eher eine rosige“. Die Auftragslage ist so gut wie selten zuvor, die Bücher sind voll, der Bestand reicht etwa im Baugewerbe für zwölf Wochen. Im Durchschnitt aller Branchen sind es knapp zehn – ein neuer Höchstwert. Das führt über kurz oder lang auch dazu, dass die Stundensätze steigen, also mehr Geld verdienet wird. Dennoch müssen laut Stoll mittlerweile viele Firmen Aufträge ablehnen, „weil sie die Leute nicht kriegen.“

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Eine Zeit lang bestand die Hoffnung, dass der Mangel durch die Flüchtlinge ausgeglichen werden kann, doch in diesem Punkt ist schon länger Ernüchterung eingekehrt. Nicht jeder Angekommene eignet sich für die Anforderungen einer immer anspruchsvoller werdenden Arbeitswelt, aber nicht wenige hätten sehr wohl das Zeug dazu – wenn man sie denn ließe. Die Politik hat da immer wieder Sand ins Getriebe gestreut, vor allem in Bayern. Zwar gilt bundesweit die sogenannte 3+2-Regelung, die besagt, dass ein Flüchtling, der eine Ausbildung in Deutschland begonnen hat, geduldet wird, sie somit abschließen und anschließend zwei Jahre weiterarbeiten kann.

Bayern war bei Flüchtlingen besonder streng

Allerdings wurde die Regelung im Freistaat besonders streng ausgelegt, wie nicht nur Flüchtlingsorganisationen beklagten, sondern auch die Wirtschaft. Nach den Worten von Stoll sei mancher Unternehmer bei den Behörden von Pontius zu Pilatus gerannt, wenn er einen guten Lehrling behalten wollte. So wie ein heimischer Holzfachbetrieb, der sich für einen besonders begabten Afghanen einsetzte. Nach zwei Jahren Hin und Her darf er nun dort arbeiten. Industrie und Handwerk wollten sich das nicht gefallen lassen und haben immer wieder bei der Staatsregierung interveniert. Kreishandwerksmeister Stoll gibt sich nach den jüngsten Signalen aus München zuversichtlich, dass die Regelung nun weniger rigoros gehandhabt wird: „Wir hatten da über unsere Mandatsträger Kontakt zu Innenminister Herrmann.“ Auch IHK-Mann Stipar sieht das Thema mittlerweile entspannter. Es habe da in den vergangenen Wochen und Monaten Gespräche auf politischer Ebene gegeben, damit Unternehmen Planungssicherheit bekommen.

Offenbar zeigen sich in dieser Angelegenheit auch die ausführenden Behörden flexibler. Stipar jedenfalls lobt die Zusammenarbeit mit der Neu-Ulmer Ausländerbehörde, die an guten Lösungen interessiert sei. Grundsätzlich findet er, müssten doch alle ein Interesse daran haben, wenn Flüchtlingen in Deutschland eine Ausbildung erhalten. Das nütze den Firmen, die anschließend für zwei Jahre noch einen guten Mitarbeiter beschäftigen. „Und wenn sie dann zurückkehren, können sie mit dem Erlernten helfen, ihre Heimat wieder aufzubauen. Das ist eine Win-Win-Situation.“

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