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Ulm

19.09.2020

Zauberflöte, ziemlich bezaubernd: So lief die Premiere am Theater Ulm

Mutter-Tochter-Konflikt der extremen Sorte: Die Königin der Nacht (Maryna Zubko, rechts) fordert ihre Tochter Pamina (Maria Rosendorfsky, links) auf, Sarastro zu erdolchen. Dass diese Mordlust von hinreißender Musik veredelt wird, ist auch Timo Handschuh und dem Philharmonischen Orchester zu verdanken.
Bild: Florian Klenk

Plus Eine „konzertante Aufführung“ der Zauberflöte kündigte das Theater Ulm an. Die Premiere bot Spielwitz, magische Musik – und ein Orchester auf der Bühne.

Wenn die Königin der Nacht gegen Sarastro wettert, wenn Tamino und Pamina um ihre Liebe kämpfen, ja dann steht es im Duell Gut gegen Böse wieder Spitz auf Knopf. Natürlich, „Die Zauberflöte“. Diese Mozart-Oper schlechthin ist gerade am Theater Ulm zu sehen. Böse Mächte, nennen wir sie Covid-19, verhindern in Ulm zwar eine üppige, märchenhafte Inszenierung. Doch die gute Macht in diesem Spiel, die Magie der Musik, bleibt unverwüstlich: Am Donnerstag feierte eine konzertante, schlanke Version der Oper am Theater Ulm Premiere. Sie entpuppt sich als gar nicht so konzertant – und als ziemlich bezaubernd.

Die Zauberflöte am Theater Ulm hält kleine Gags parat

Der Verzicht ist sichtbar: Das Publikum erlebt an diesem Abend kein enges, buntes Figuren-Getümmel auf der Bühne, keine Requisiten-Schlacht. Der Grund: Covid-19. Die Ulmer Philharmoniker müssen sogar ihren Orchestergraben verlassen, um den geforderten Abstand einzuhalten – dafür erleben sie aber eine kleine Beförderung, hinauf auf die Bühne. Auf den wenigen Metern, die noch als Spielfläche vor den rund 35 Musikern bleiben, schleicht sich die Gegenwart in das alte Märchen. Die nüchternen Kostüme deuten es schon an, Abendrobe schwarz-weiß. „Dies Bildnis ist bezaubernd schön“, singt dann der Held Tamino, aber das Bild seiner Pamina haben ihm drei Hofdamen, im Auftrag der Königin, per WhatsApp aufs Smartphone geschickt. Nun schmachtet der Held eben den Bildschirm an. Hätte sich Mozart nie erträumt: Tamino ist digital schockverliebt und sein Kompagnon und Vogelfänger Papageno murmelt „Hm, hm, hm“, als ihm die drei Damen den Mund verschließen – aber nicht mit einem Schloss, sondern mit einer Stoffmaske. Und als sich die beide Männer im Laufe ihrer Abenteuer einer Prüfung stellen, mahnt der Sprecher (Dae-Hee Shin): „Minnndestabstand!“

Mozarts Zauberflöte am Theater Ulm

Gags und Corona-Anspielungen – man könnte fast befürchten, dass hier einer die Zauberflöte entzaubern will. Aber im Gegenteil. Intendant Kay Metzger, der Regisseur der Inszenierung, setzt zwar kleine Pointen, doch er verzichtet auf Trickzauber, Show und Schnickschnack – und so wird die Sicht frei auf die Musik. Wortwörtlich, auf das Orchester auf der Bühne. Dieser Schachzug erweist sich als echter Zaubertrick, der verblüfft. Die Bläser spielen leicht versteckt hinter Schutzbarrieren wie aus Klarsichtfolie – aber ihr Klang ist klar, transparent und in Balance. Die gute Form des Ensembles, das so lange pausieren musste, klingt schon in den ersten Tönen an, im stolzen Auftakt der Ouvertüre. Generalmusikdirektor Timo Handschuh spannt mit seinem Dirigat große melodische Bögen, mit Weitblick über viele Takte, ohne Frische oder Tempo zu verlieren. Und auf der Bühne kommen sich dann Sänger und Orchester nahe – zumindest in der Musik.

Maryna Zubko gibt am Theater Ulm die Königin der Nacht

Die Besetzung überzeugt: Maryna Zubko besteht als Königin der Nacht auch in höchsten, akrobatischen Tönen. Stoisch schreitet dagegen ihr Widersacher Sarastro (Christoph Stephinger) über die Bühne und gründelt mit Wonne in den Bass-Tiefen seiner Rolle. Während sich diese beiden spinnefeind sind, empfinden andere nicht als Liebe: Markus Francke spielt Tamino mit Eleganz, mit fein gezuckertem Schmelz in der Stimme. In die Rolle seiner Pamina schlüpft Maria Rosendorfsky. Mit Francke spielte sie schon in der Csárdásfürstin ein Paar und dieses Duo bewährt sich: Rosendorfskys Stimme – oft zart und schlank, aber immer souverän – erreicht den Gipfel ihrer Ausdruckskraft im triefend traurigen „Ach, ich fühl’s.“

Auch köstlich: Wie die drei Damen der Königin mit ihren altbackenen Hütchen stolzieren und stolpern. Sie beweisen Slapstick-Talent und harmonieren im Trio. Dass die vogelwilde Papagena (Helen Willis) dann die Einzige ist, die einen farbenfrohen, knalligen Auftritt hinlegt, verpasst dem Abend noch die richtige Dosis von Tutu-Charme und Federkleid. Die Überraschung des Abends gelingt aber Philippe Spiegel: Er ist spontan für den indisponierten Martin Gäbler als Papageno eingesprungen. Mittags startete er von Koblenz nach Ulm – abends brilliert er als der perfekte komische Vogel, als Schauspieler und Bariton.

Kay Metzger inszeniert die Zauberflöte in Ulm mit Lockerheit und Humor

In den Geheimnissen der Zauberflöte lässt sich genussvoll wühlen: Wo hat Mozart Symbole der Freimaurer im Stück versteckt? Wer ist hier wirklich Böse, Königin oder Sarastro? Aber Kay Metzger entscheidet sich stattdessen für den Zauber der Leichtigkeit. Vorfahrt haben die Musik und der Humor – und das tut der Oper gut in dieser Zeit.

Halt, Stopp: Die Figur des Monostatos wirft doch Fragen auf? Er ist ein „Mohr“ – das wird man doch noch sagen dürfen, so steht es im Libretto ...? Und der Papageno spielt den Über-Macho: „Die süßen Triebe mitzufühlen, ist der Weiber erste Pflicht.“ Bei jedem Satz, der gegen heutige Anstand-Standards verstößt – Sätze, die man getrost dämlich nennen darf, ohne den ganzen Mozart oder den Librettisten Schikaneder zu verdammen – erhebt sich die Souffleuse von ihrem Stuhl am Bühnenrand. Sie zieht einen Kreidestrich auf einer Schiefertafel: „Achtung, unkorrekt“. Zehn Sünden, insgesamt. Doch mit einem Jubel für Sarastro endet die Oper – und der wischt, so einfach funktioniert die Zauberwelt, das Sündenregister von der Tafel. Also: Schwamm drüber, so sei es. Denn, bei aller Grübelei, nichts könnte diesen Abend entzaubern.

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