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Ingolstadt

06.01.2020

Christine Haderthauer: Gerichtssaal statt Plenarsaal

Viele Jahre lang stand Christine Haderthauer als Politikerin im Rampenlicht.
Bild: Luzia Grasser

Christine Haderthauer war einst Ministerin in München. Jetzt ist die Juristin wieder zu ihren Wurzeln zurückgekehrt und hat eine Kanzlei in Ingolstadt eröffnet.

Sie haben Anfang September Ihre Kanzlei in Ingolstadt eröffnet. Mit welchem Gefühl fahren Sie jeden Morgen in die Arbeit?

Christine Haderthauer: (zeichnet mit ihrem Finger einen lachenden Mund in die Luft): Mit einem Lächeln. Und mit großer Freude und Tatendrang. Ich bin sehr glücklich mit meinem neuen Leben.

Und wie haben Sie sich noch vor einigen Jahren gefühlt, als Sie als Abgeordnete oder Ministerin frühmorgens nach München gefahren sind?

Christine Haderthauer: Gerichtssaal statt Plenarsaal

Haderthauer: Nicht so entspannt. Es war eine aufregende, ereignisreiche, hochinteressante Zeit. Weder die hohe Arbeitsbelastung noch die ständige Erreichbarkeit haben mir etwas ausgemacht. Aber mit der Fremdbestimmtheit – terminlich, aber auch inhaltlich – konnte ich immer schlecht umgehen.

Gibt es etwas, das Sie aus Ihrer Zeit als Politikerin vermissen?

Haderthauer: Das klingt vielleicht jetzt blöd, wenn ich „Nein“ sage, weil ich mit Leidenschaft dabei war. Ich habe ja eine steile Karriere gemacht, viel erlebt und umgesetzt und für die Menschen erreicht, ich möchte diesen Lebensabschnitt auf keinen Fall missen. Aber irgendwann merkst du, dass deine persönliche Glücksbilanz nicht mehr stimmt. Und mittlerweile weiß ich: Nein, ich vermisse nichts.

Sie hatten in Ihrem politischen Leben mit vielen Widerständen zu kämpfen. In einem Interview haben Sie erklärt, wie schwer Sie es gerade als Frau in der Politik hatten. Warum?

Haderthauer: Naja, zunächst war die CSU froh, eine Frau gefunden zu haben, die im richtigen Alter war, Familie und Beruf hatte und bereit war, sich politisch zu engagieren. Sich mit einer Frau zu schmücken, hat aber noch nichts mit Gleichberechtigung zu tun. Schwierig wird es, wenn Frauen in der Machtebene mitmischen wollen, wenn sie ihre Spielwiese verlassen. Typisch war das Jahr 2011. Horst Seehofer plante, mich zur Finanzministerin zu machen. Aber das ist ein sehr einflussreiches Männerressort und es formierte sich gewaltiger Widerstand. Ein Kollege hat es mir damals auch gesagt: „Du hättest ab diesem Zeitpunkt das Rennen um den Ministerpräsidenten gewinnen können. Das konnten wir nicht zulassen.“

Bedauern Sie es aus heutiger Sicht, dass Sie nicht die erste bayerische Ministerpräsidentin geworden sind?

Haderthauer: Nein! Und außerdem: Ich habe zwar immer gesagt, ich traue mir alles zu. Aber wenn Sie jetzt, acht Jahre später, sehen, dass eine harmlose Frauenquote auf dem Parteitag scheitert, dann sagt das doch alles.

Im Strudel der Modelbauaffäre rund um ihren Mann Hubert Haderthauer sind Sie als Staatskanzlei-Chefin zurückgetreten. Wie blicken Sie heute auf die Jahre 2013/2014 zurück?

Haderthauer: Wenn ich damals darauf angesprochen worden bin, dann hieß es unisono, dass die Leute meinen Abschied bedauern. Viele hatten den Eindruck, dass ich rausgemobbt worden bin. Man hat ein kleines Einfallstor gesucht und dann einen Brandbeschleuniger hinein geworfen. Für mich war schnell klar, dass ich zurücktrete. Ich wollte die Belastung von der Familie runternehmen. Ich habe dann zwar mein Mandat zu Ende gemacht, aber ich habe immer stärker gemerkt, dass ich selbst gar nicht mehr ernsthaft daran interessiert war, parteiintern wieder in Tritt zu kommen. Ich hatte diesbezüglich die Motivation nach und nach verloren. Das Kapitel war abgeschlossen.

Es gab damals Gerüchte, dass Sie möglicherweise aus Ingolstadt wegziehen möchten.

Haderthauer: Schmarrn, das stand nie zur Debatte, Ingolstadt ist meine Heimat. Man ist mir hier immer freundlich begegnet. Einige Wochen nach dem Rücktritt haben wir uns wieder einen Hund gekauft. Da gibt es viele Begegnungen auf den Spaziergängen. Mir ist nie jemand ausgewichen oder hat die Straßenseite gewechselt. Die Menschen in Ingolstadt haben mich immer fair behandelt, hier fühle ich mich wohl und außerdem sind wir hier zu Hause.

Sie haben dann auch Ihr Stadtratsmandat niedergelegt, mehr als ein Jahr vor den Wahlen. Warum?

Haderthauer: Ich wollte wieder als Anwältin starten. Und aus meiner Sicht vertragen sich ein politisches Mandat und eine Anwaltstätigkeit nicht.

Ist der Name Haderthauer dabei eher Fluch oder Segen?

Haderthauer: Möglicherweise beides. Ich merke eher die positiven Seiten. Die Menschen kommen nicht mehr nur aus der Region, sondern auch von weiter her, weil man mir offensichtlich etwas zutraut.

Sie waren 16 Jahre lang Stadträtin. Wie nehmen Sie die aktuellen kommunalpolitischen Entwicklungen in Ingolstadt wahr?

Haderthauer: Ich bin zu einer Beobachterin mit Hintergrundwissen geworden. Hier in Ingolstadt läuft es sehr gut und ich hoffe, das bleibt so. Aber auf anderen Ebenen der Politik gibt es schon einiges, worüber ich mich manchmal aufregen kann.

Was können Sie jetzt wieder mehr genießen als früher?

Haderthauer: Ich habe jetzt wieder meine Freiheit, bin zufriedener, entspannter. Ich genieße den Kontakt mit verschiedenen Leuten aus allen Bereichen des Lebens, ich liebe die Vielseitigkeit meines Berufs. Der größte Luxus in meiner politischen Zeit war es, wenn ich mal ein paar Stunden daheim sein durfte und die Familie hatte. Ich genieße daher auch meine wiedererlangte Freiheit, frei entscheiden zu können, welche Einladungen zu Veranstaltungen ich annehme, keine Erwartungen diesbezüglich mehr erfüllen zu müssen.

Sie haben mit Ende 30 zum ersten Mal eine eigene Anwaltskanzlei eröffnet, jetzt, mit 56, zum zweiten Mal. In diesem Alter denken manche schon an die Rente.

Haderthauer: Ich nicht, ich arbeite, bis ich 80 bin! Für mich war immer klar, dass ich nach meiner Zeit als Politikerin wieder als Anwältin arbeiten werde.

Über Christine Haderthauer:

  • Christine Haderthauer wurde am 11. November 1962 in Neumünster in Schleswig-Holstein geboren.
  • Ihre Familie zog nach München, als sie ein Jahr alt war. Nach dem Abitur studierte sie Jura in Würzburg.
  • Haderthauer war von Oktober 2007 bis Oktober 2008 Generalsekretärin der CSU.
  • Von Oktober 2008 bis zum Oktober 2013 war sie Arbeits- und Sozialministerin in Bayern, anschließend bis zu ihrem Rücktritt im September 2014 Leiterin der bayerischen Staatskanzlei.
  • Bei der Landtagswahl 2018 kandidierte sie nicht mehr, ihr Stadtratsmandat beendete sie ebenfalls 2018. Haderthauer ist noch einfaches CSU-Mitglied.
  • Seit September 2019 betreibt sie als Fachanwältin für Arbeitsrecht wieder eine eigene Anwaltskanzlei im Ingolstädter Westen. Ein weiterer Schwerpunkt der Juristin ist das Vereins- und Stiftungsrecht. Außerdem arbeitet sie in den Bereichen Handelsrecht und allgemeines Zivilrecht. Bereits vor ihrer politischen Karriere hatte Christine Haderthauer eine eigene Kanzlei in Ingolstadt.


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