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Konzert

31.05.2016

Musik, für ehemalige Synagogen komponiert

„Orte“ (Mekomot) nannten die Initiatoren ein Erinnerungsprojekt, das Konzerte in ehemaligen Synagogen in Deutschland und Polen veranstaltet.
Bild: Ernst Mayer

Projekt Mekomot gastiert in Hainsfarth. Besondere Töne erklingen, als der Milchschäumer auf eine Harfe trifft

Musik von heute in Synagogen zu tragen, ist die Idee des Projekts „Mekomot“ (hebräisch für Orte). Eine bewegende, innovative, eindringliche Musik für Gesang, Flöte, Oboe, Trompete/Schofar, Harfe, E-Gitarre und Schlagzeug wurde in der ehemaligen Synagoge Hainsfarth von einem Ensemble mit Musikerinnen und Musikern aus Israel, Island, Serbien, den USA und Deutschland aufgeführt. Zwischen den faszinierenden zeitgenössischen Stücken wurden vom Berliner Kantor Assaf Levitin alte jüdische Gesänge aus der jüdischen Musiktradition gesungen.

So kehrt Leben in die verwaisten Orte mit ehemaligen Synagogen wie in Hainsfarth zurück, beispielhaft für viele solche Orte im Ries, die Geschichten von Zerstörung, Vertreibung und Tod erlebten. Sie zeugen mit ihren Wunden von dem Ende des einst lebendigen jüdischen Lebens. Mit dieser Musik kehrte es in gewisser Weise zurück, allerdings ohne die Menschen, die dem Holocaust zum Opfer fielen. Es bleibt nur Erinnerung und Rückschau an das, was unverrückbar zur Geschichte dieser Orte gehört.

Die neuen Kompositionen wurden eigens für dieses Projekt und für diese „Orte“ (hebräisch „Mekomot“) von fünf jungen jüdischen, in Deutschland lebenden, Komponisten geschaffen: Amit Gilutz, Bnaya Halperin-Kaddari, Eres Holz, Sarah Nemtsov und Amir Shpilman.

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Ihre Stücke wurden mit dem traditionellen jüdischen Nachmittagsgebet „Minchah“ verbunden, in eine Abfolge von verschiedenen traditionell gesungenen Gebetstexten, die in diesem Kontext, wie das „Kaddisch“weit in die biblische Zeit und zugleich in die Zukunft verwiesen mit aktuellen Bezügen wie zu dem in 2015 viel diskutierten Gespräch zwischen Angela Merkel und einem libanesischen Flüchtlingsmädchen. „Du bist ein unheimlich sympathischer Mensch… es werden manche auch wieder zurückgehen müssen“ – mit eindrucksvoller mimischer Darstellung.

Zeitgenössische Komponisten tragen ihr klingendes Material aus der hörbaren Welt zusammen und integrieren Musikelemente anderer Kulturen, Jazz, Rock und Pop, experimentieren mit vielerlei akustischen Phänomenen, mischen instrumentale und elektronische Klänge, Alltagsgeräusche, Tonsplitter. Alles, was klingt, ist für sie Musik, wird fragmentiert und kombiniert. Ein besonderes Musikerlebnis war es, als auf der E-Gitarre statt Melodien Geräusche erklangen, die Saiten der Harfe mit dem Milchschäumer bearbeitet wurden, als der Schlagzeuger neben dem üblichen Instrumentarium mit Steinen befüllte Eimer, Weingläser und Metallfolien spielte und der Schofar-Spieler mit einem Luftballonmundstück aus seinem Widderhorn schnarrende und der Trompeter pupsende Töne entlockte.

Wenn aber die Texte mit der Stimme des Kantors zusammenpassten und die Musik die inhaltlichen Aussagen nachvollziehbar kommentierte, war der Zuhörer verblüfft über die starke emotionale Wirkung. Moderne Instrumente ahmten die in der Bibel genannten nach: chalil (Flöte), die hazozra (Trompete), nevel (Harfe), kinor, die Laute König Davids (E-Gitarre), ugav (Schalmei), taf (Tromrnel) und zelzelim (Becken). Die traditionellen jüdischen Gesänge des Kantors blieben unbegleitet. Lediglich das archaische Schofar (Widderhorn) hat die Zeiten über Jerichos Mauerfall hinaus original überlebt.

Ganz zum Schluss wich die Faszination der Zuhörer über das ungewöhnliche Konzert einem langen Beifall. (emy)

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