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Nördlingen: Als die Rieser Bauern noch ins EGM-Center einkehrten

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Als die Rieser Bauern noch ins EGM-Center einkehrten

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    Eine alte Aufnahme des EGM-Center in Baldingen. Vergangenes Jahr wurde es 50 Jahre alt, dieses Jahr wird gefeiert.
    Eine alte Aufnahme des EGM-Center in Baldingen. Vergangenes Jahr wurde es 50 Jahre alt, dieses Jahr wird gefeiert. Foto: privat

    Nördlingen im Jahr 1970. Noch ist die ehemals freie Reichsstadt eine kreisfreie Stadt. Gerd Müller ist der Torschützenkönig der vorangegangenen Bundesliga-Saison und Borussia Dortmund Deutscher Meister. Der DFB hebt das Fußballverbot für Frauen auf und in den Transistorradios läuft der Nummer-eins-Hit „A Song of Joy“ von Miguel Rios. Bundeskanzler ist Willy Brandt. 1970 ist aber auch das Jahr, in dem Albert Schenavsky das EGM eröffnet. Und das sorgte für Diskussionen.

    Denn Schenavsky eröffnete das EGM nicht in Nördlingen, sondern in der damals noch selbstständigen Gemeinde Baldingen. Ein Nördlinger Unternehmen sollte das „Center“, wie man im Ries diese Institution kennt, erst mit der Eingemeindung Baldingens im Jahr 1978 werden. Denn die Nördlinger taten sich mit der Ansiedlung des Gemeinschaftswarenhauses von Beginn an schwer. So war der Wunschstandort des Kaufhauskomplexes ursprünglich an der Ulmer Straße, also dem heutigen CAP-Markt-Gelände, geplant.

    Oberbürgermeister lehnte EGM in Nördlingen ab

    Da der damalige Oberbürgermeister Dr. Hermann Kessler und sein Stadtrat dies allerdings aus Sorge um die Geschäfte in der Innenstadt ablehnten, wich der findige Unternehmer Schenavsky ins direkt vor den Toren der Stadt gelegene Baldingen aus.

    In Baldingen empfing man den Unternehmer mit offenen Armen, versprach die Ansiedlung des Kaufhauses doch ergiebige Gewerbesteuereinnahmen für die Gemeindekasse. Wie schwer sich die Nördlinger mit der Konkurrenz vor ihren Stadttoren taten, wird vielleicht auch in der Anekdote deutlich, von der Friedrich Egetenmeier 2011 in den RN berichtete.

    So soll die Stadt kurz vor der Eröffnung noch einen Graben in der Würzburger Straße ausgehoben haben, direkt an der damaligen Gemeindegrenze. Ob dies böse Absicht war oder purer Zufall, wird wohl nicht mehr aufgeklärt werden können. Dem durchaus für seine oft schlitzohrigen Aktionen bekannten OB Kessler wäre dies allerdings zuzutrauen gewesen. Um die Sache jedoch nicht eskalieren zu lassen, wurde der Graben zwischen der Stadt und der Gemeinde Baldingen zur rechten Zeit wieder geschlossen und das Nördlinger Stadtoberhaupt ließ es sich nicht nehmen, persönlich zur Einweihungsfeier zu erscheinen.

    1970 wurde das EGM-Center in Baldingen eröffnet

    Am 15. Oktober 1970 war es dann so weit. Exakt an seinem 50. Geburtstag eröffnete Firmengründer Albert Schenavsky sein „EGM-Center“ in Baldingen. Dabei grenzt es fast an ein Wunder, dass Schenavsky, der in Chorzów im heutigen Polen geboren wurde, so weit gekommen war. Wurde er doch aufgrund seines jüdischen Glaubens von den Nazis verfolgt und überlebte drei Konzentrationslager. Der Todesmarsch vom thüringischen KZ Buchenwald führte ihn nach Niederbayern.

    1951 ließ er sich in Augsburg nieder und begann mit dem Aufbau seiner Handelskette, zuerst im textilen Großhandel und später im Einzelhandel. 1965 eröffnete er seinen ersten Einkaufsgroßmarkt, das EGM in Augsburg-Lechhausen. Aufgrund seiner großen Verdienste um die Versöhnung zwischen Juden und Christen benannte die Stadt Augsburg im Jahr 2016 eine Straße nach ihm.

    Schenavskys Konzept war relativ neu

    Das von Schenavsky verfolgte Konzept des überdachten Marktplatzes war damals in der Bundesrepublik relativ neu. Erst 1964 eröffnete in Frankfurt am Main das erste komplexe Einkaufszentrum der BRD. Geistiger Vater dieser Handelszentren war der in die USA emigrierte Wiener Architekt Victor Gruen. So verband auch das Konzept des EGM-Center-Ries die Deckung des täglichen Bedarfs durch die damals im Gebäude präsente COOP-Filiale.

    Ergänzt wurde das Angebot vom Spielwarenanbieter Kirschbaum und dem Angel- und Sportgeschäft ASB-Sport. Hinzu kam noch der Baldinger Elektrogerätehändler Habelt und eine Filiale der Foto-Quelle. Wichtiger Bestandteil war von Anfang an der Möbelhändler Möbel-Fritsch. Angesichts mehrerer alteingesessener Nördlinger Möbelhäuser trug dieser Geschäftszweig sicher nicht dazu bei, die Akzeptanz seitens des Nördlinger Stadtrates zu fördern.

    Der Haupteingang des EGM-Centers.
    Der Haupteingang des EGM-Centers. Foto: Unflath

    Aber auch ein Friseur, ein Tabakgeschäft, eine Kegelbahn und ein Gastronomiebetrieb gehörten zum ersten Angebot. Letzterer wurde von der Baldinger Wirtsfamilie Mühlbauer geführt. Eine Mitarbeiterin der ersten Jahre erinnert sich noch daran, wie die Rieser Bauern, nachdem sie vom Schweinemarkt kamen, dort einkehrten, um ihre erfolgreichen Geschäfte mit dem einen oder anderen Bier zu begießen.

    In den 80er Jahren wurde das EGM neu konzipiert

    Der Viehmarkt war erst wenige Jahre zuvor vom Brettermarkt auf die Kaiserwiese verlegt worden. In hohen Lederstiefeln, den Knobelbechern, und oft noch im blauen Bauernkittel gekleidet, brachten diese Rieser Originale die Bedienungen mit ihren großen Geldscheinen, die sie eingenommen hatten, bei der Bezahlung ihres Bieres mehr als einmal in Bedrängnis.

    In den 80er Jahren brach dann eine neue Zeit an. 1986 wurde das EGM neu konzipiert. Der Einzelhandel wurde durch die Kauflandkette unter dem Namen Handelshof übernommen. Der völlig neu gestaltete Eingangsbereich bekam mit einem Brunnen ein neues Zentrum. Im Obergeschoß eröffnete der Pfäfflinger Gastronom Rudi Götz die Diskothek Metropolis und schlug damit ein ganz neues Kapitel in der Geschichte des Nördlinger Nachtlebens auf.

    Später sollte die Disco noch in Hallifax und in N!Prado umgetauft werden. 2016 zog sich die Familie Götz vom Standort Kaiserwiese zurück und die Donauwörther Unternehmer Victor Lebedew und Willi Quasnitschka eröffneten mit dem Kingz eine neue Diskothek, die in den ersten Jahren vor allem durch Erwähnungen im Polizeibericht auf sich aufmerksam machte.

    Ab 2009 wurde das EGM fast im Jahresrhythmus erweitert

    1993 wurde das Areal nochmals um eine Passage erweitert. 1998 wechselte mit dem Nördlinger Sportartikel-Händler Sieber erstmals ein Einzelhändler von der Innenstadt in das Einkaufscenter. Ab dem Jahr 2009 wurde fast im Jahresrhythmus erweitert. Dass die Nördlinger noch immer nicht ganz mit der Konkurrenz vor ihren Stadttoren versöhnt sind, ließ sich noch vor drei Jahren an der heftig geführten Diskussion über die Ansiedlung der dm-Drogeriemarktkette sehen. Der lange gehegte Wunsch der Eigentümerfamilie nach einer Apotheke in ihren Räumen führten Unternehmen und Stadt sogar bis vor Gericht.

    Die EGM-Meile mit einer Vielzahl von Einzelhändlern.
    Die EGM-Meile mit einer Vielzahl von Einzelhändlern. Foto: Unflath

    Überhaupt blieb das Verhältnis von Stadt und Unternehmen immer etwas angespannt. Zu groß waren die Befürchtungen, dass der innerstädtische Einzelhandel unter der Konkurrenz leiden würde. Denn eines hatte der Firmengründer bereits früh erkannt. Der Vorteil der „grünen Wiese“ ist das reiche Angebot an Parkplätzen.

    So war auch eine Tankstelle schon von Anfang an Bestandteil des Unternehmenskonzeptes und die Erweiterung der Parkplätze wohl das sichtbarste Zeichen für den stetigen Erfolg des Einkaufs-Großmarktes – ein Parkplatz, der während der Nördlinger Mess’ bei Mess’-Besuchern und Fieranten immer wieder, sehr zum Ärger der Marktleitung, zu Begehrlichkeiten führte.

    In den ersten Jahren gab es Anfeindungen, wie eine langjährige Mitarbeiterin sagt

    Und doch dürften die heftigsten Zeiten der Auseinandersetzung zwischen Innenstadthändlern und der Konkurrenz der Vergangenheit angehören. Von vielen Anfeindungen in den ersten Jahren spricht eine langjährige Mitarbeiterin und sogar von einer angeblichen Bombendrohung in den späten Siebzigerjahren, die zu einer Räumung des Kaufhauses geführt hat. Ob diese allerdings tatsächlich aus Konkurrenzangst oder doch eher im Zusammenhang mit der damals allgegenwärtigen Gefahr durch den RAF-Terrorismus stand, ließ sich nie aufklären.

    Gefahr drohte dem EGM aber auch von einer ganz anderen Seite. So führten Hochwasser des Goldbachs immer wieder zu Überschwemmungen. Mehrfach stand der Erdgeschossbereich unter Wasser und auf den Parkplätzen tummelten sich Fische. Diese Gefahr scheint durch den Neubau der Zufahrtsstraße im vergangenen Jahr gebannt zu sein. Und überhaupt: Es scheint doch zusammenzuwachsen, was zusammengehört: Die Nördlinger und ihr Center. In der über fünfzigjährigen Geschichte spiegelt sich vieles der Bundesrepublikanischen und Nördlinger Geschichte wider. Aber auch fast jeder Rieser wird seine eigene persönliche Geschichte mit dem EGM-Center verbinden.

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