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Katholische Kirche

06.11.2019

Ein Mann stiehlt Figuren aus einer Kirche - und wird dafür gefeiert

Papst Franziskus (Vierter von links) betrachtete Anfang Oktober die umstrittenen Holzfiguren (im Boot). Alexander Tschugguel stahl die lateinamerikanischen "Pachamamas".
Bild: Vatican Madiai, dpa

Der Österreicher Alexander Tschugguel ist weltbekannt, weil er Holzfiguren aus einer römischen Kirche stahl und in den Tiber warf. Erzkonservative verehren ihn deshalb.

Er ist so etwas wie die neue Hoffnungsfigur des katholischen Traditionalismus: Alexander Tschugguel. Er stammt aus Wien, ist ein 26 Jahre alter Student und hat sich vor ein paar Wochen aufgeschwungen, nichts weniger als den katholischen Glauben vor seiner vermeintlichen Zerstörung zu retten. Tschugguels Geschichte geht um die Welt – und spaltet die katholische.

Tschugguel filmte seinen Diebstahl der "Pachamama"-Figuren

Sie geht so: Als im Vatikan knapp 200 Bischöfe während der Amazonas-Synode über neue Wege für die Kirche berieten, schlich sich der Wiener im feinen Hemd in die römische Kirche Santa Maria in Traspontina, entwendete dort drei Figuren der sogenannten Pachamama, einer mütterlichen Holzfigur aus Lateinamerika, und warf sie in den Tiber. Weil er die Tat filmte und ins Internet stellte, machte sie schnell die Runde. Am Ende der Synode entschuldigte sich Papst Franziskus gar persönlich für die Aktion bei allen, die sich von ihr verletzt fühlten. Nun hat Tschugguel sich zu seiner Tat bekannt – und wird im Internet als Held verehrt. Eine sonderbare, aber harmlose Aktion? Mitnichten.

Denn Tschugguel und seinen Verehrern ist es Ernst. Und sie fühlen sich im Recht. Tschugguels Motiv ist, dass die Verehrung der Frauen-Statuen aus Holz, die wahlweise das Leben oder „Mutter Erde“ symbolisieren sollen und vor allem bei Indigenen in Lateinamerika populär sind, gegen das erste Gebot verstoße. „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“, lautet es.

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Mit 15 konvertierte Alexander Tschugguel zum Katholizismus

Dass Papst Franziskus die Figuren im Rahmen der Synode nicht nur bei einer Zeremonie im Vatikan, sondern auch zur Messfeier in den Petersdom zugelassen habe und Indigene drei Holzfiguren nach einer Prozession in der Kirche in Vatikannähe zurücklassen durften, kommt für Tschugguel Götzendienerei und der Infragestellung des wahren katholischen Glaubens gleich.

Kulturkampf in Rom also! Tschugguel hat gute Drähte zu erzkonservativen Klerikern und geht zur tridentinischen Messe – jener auf Latein, in der der Priester mit dem Rücken zur Gemeinde steht. Im Alter von 15 Jahren konvertierte er vom Protestantismus zum katholischen Glauben. Nun, etwas mehr als elf Jahre später, ist er der neue Star des katholischen Konservativismus. Vor allem in Internetforen überschlagen sich Nutzer regelrecht: „Herr Alexander Tschugguel ein herzliches Danke für das Lichten der Nebelschwaden, die die Wahrheit des Glaubens verdunkelt haben“, schreibt eine Frau. Es ist noch einer der höflicheren Beiträge.

Kardinal Brandmüller hielt das Aufstellen der Figuren für einen Skandal

Auch die deutschen Kardinäle Walter Brandmüller, der lange Zeit an der Universität Augsburg lehrte, und Gerhard Ludwig Müller hielten nicht etwa den Statuenklau, sondern das Aufstellen der Figuren in Santa Maria in Traspontina für einen Skandal. In Mexiko-City verbrannten katholische Fanatiker Pachamama-Figuren und assistierten einem Exorzismus. Der Streit um die Holzfiguren hat auch eine speziell österreichische Komponente. Auf der Amazonas-Synode wurden erstmals offiziell ein Abweichen vom Pflichtzölibat und mehr Einfluss für Frauen in der Kirche gefordert. Als Architekt dieses Wandels gilt der emeritierte österreichische Bischof Erwin Kräutler, der seit Jahrzehnten am Amazonas lebt. Insofern ist Tschugguels Aktion auch als Statement gegen Kräutler, vor allem aber gegen einen Reform-Kurs der Kirche zu werten. Er selbst sagte: „Wenn die Kirche die Lehre zugunsten des Zeitgeists verändert, verlieren die Gläubigen den Halt.“

Tschugguel, der in Wien und Bonn Geschichte studiert und zudem als PR-Berater tätig ist, hat unter anderem den „Marsch fürs Leben“ in Wien organisiert – eine Veranstaltung, an der auch militante Abtreibungsgegner teilnehmen. Die Ironie seiner Geschichte ist: Die Pachamamas, die angeblich heidnischen Holzfiguren, die der Österreicher voll missionarischen Elans in den Tiber warf, symbolisieren eine Schwangere mit Baby im Bauch.

Lesen Sie auch, welche große Frage die Synode beschäftige: Verheiratete Männer als Priester? Der Anfang ist gemacht

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