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Interview

26.08.2020

Fynn Kliemann über das Kliemannsland: "Sowas wie eine VHS in cool"

Fynn Kliemann (32) ist Ideen- und Namensgeber, des Kliemannslandes. Das ist ein Bauernhof, der nach und nach zu einem Zentrum für Kreative ausgebaut wird. Und eine Sendung auf Youtube, die bisher öffentlich-rechtlich war, und nun eigene Wege geht.
Bild: Brian Jakubowski

Fynn Kliemann hat im Mai sein zweites Album veröffentlicht, saniert gerade ein Boot und leitet eine Agentur. Eigentlich kennt man ihn aber als Heimwerkerking von Youtube.

Sie sind Musiker, Webdesigner, Gründer - die meisten Menschen kennen Sie aber als den Heimwerkerking von Youtube, wo Ihre Videos hunderttausendfach aufgerufen werden. In einem Ihrer ersten Videos bauen Sie eine Mauer im Garten Ihrer Eltern. Das ist jetzt fünf Jahre her. Steht die Mauer noch?

Fynn Kliemann: Ja, klar. Die ist für immer gemacht, die hab ich mit Blut, Schweiß und Tränen verspachtelt. Ein, zwei Steinchen sind locker, aber das Ding steht. Und meine Mutter freut sich jeden Tag darüber.

Dass Steinchen locker sind, liegt vielleicht daran, dass Sie das zum ersten Mal gemacht haben. Ihre Heimwerkervideos sind unterhaltsam, bestechen aber nicht gerade durch die Expertise. Warum schauen sich 2,3 Millionen Menschen das Video eines Typen an, der zum ersten Mal eine Mauer baut?

Kliemann: Na ja, erst mal steht die Mauer ja noch – ganz falsch kann ich das also nicht gemacht haben. Und es geht immer um den Weg des Erfahrens. Darum, dass man zusammen herausfindet, wie es geht - und wie es nicht geht. Aus dem Scheitern anderer kann man ja selbst lernen. Dann weiß man zumindest, wie man es nicht macht. Das ist vielleicht etwas, das ich der Welt schenken kann.

Aus diesen Heimwerkervideos ist 2016 das "Kliemannsland" entstanden: Sie haben einen Bauernhof auf dem Land in Niedersachsen gekauft und setzen da alle möglichen Projekte um, von verrückten Erfindungen bis hin zum Festival. Die Videos kann man sich auf Youtube anschauen. Gestartet ist das Kliemannsland als Teil von Funk, dem jungen Programm von ARD und ZDF. Wie kam es dazu, dass Sie das mit den Öffentlich-Rechtlichen zusammen gemacht haben?

Kliemann: Das hat sich so angeboten, das hab ich nie geplant. Ich hatte diese Idee, die haben gesagt, sie haben Bock, das zu bezahlen. Zack. So einfach war das.

2016 ist das Kliemannsland gestartet - ein Bauernhof, auf dem Fynn Kliemann und sein Team Projekte umsetzen. Gestartet war es als Teil von Funk und damit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.
Bild: Brian Jakubowski

Zum 1. August sind Sie nun aber bei Funk ausgestiegen. Warum?

Kliemann: Das Kliemannsland hat sich extrem weiterentwickelt, in eine Richtung, die vorher nicht planbar war. Ich bin den Leuten von Funk sehr dankbar. Ohne die gäbe es das Kliemannsland auf keinen Fall so wie es ist. Wir sind nur einfach größer geworden, wir sind jetzt mehr als die Sendung an sich. Wie bei einem Eisberg: Die Sendung ist das, was man sieht - aber da darunter ist so viel mehr. So viele Menschen, so viele Kreative und der Ort an sich, den man nie komplett zeigen konnte. Weil hier und da eben Sachen dabei sind, die kommerziell sind, wenn man das so will. Dinge, mit denen wir Geld verdienen. Mit dem dann der ganze Rest bezahlt werden kann. Unser Plan ist es, Geld zu verdienen, um das Kliemannsland weiter ausbauen zu können und den Menschen mehr Möglichkeiten zu bieten.

Ein Beispiel wäre das Café, das das Kliemannsland betreibt. Darauf dürften Sie in einer öffentlich-rechtlichen Sendung nicht hinweisen, weil es Werbung wäre.

Kliemann: Genau, obwohl das Café an sich gar nichts ist, mit dem wir wirklich Geld verdienen. Da geht es darum, dass die Leute leckeren Kaffee trinken können, während sie – zum Beispiel – schweißen lernen. Wir haben ein Studio gebaut, die Werkstätten ausgestattet. Mein Traum ist, dass hier Menschen anderen Dinge beibringen. Das ist dann sowas wie eine VHS in cool. Da gibt es einen Kurs, wie man rudimentäre Dinge an seinem Auto reparieren kann. Oder wie man einen Mikrocontroller programmiert. Oder, was weiß ich – wie man einen Mars-Rover entwirft. Die einen Menschen bieten die Kurse an, andere buchen sie. Wir sind der Ort, wo das stattfinden kann. Wir vermieten die Räume. Wenn jemand einen kostenlosen Kurs anbietet, zahlt der auch keine Miete. Aber wenn der Kurs kostenpflichtig ist, dann bekommen wir einen Teil von den Einnahmen ab. Egal ob Töpferkurs, Yoga, Tanzen. Außerdem gibt es dann Übernachtungsmöglichkeiten. Und das alles wird begleitet von der Sendung. Aber über sowas dürften wir niemals sprechen, wenn wir öffentlich-rechtlich wären.

Gleichzeitig fällt mit Ihrem Ausstieg bei Funk die sichere Finanzierung weg. Am Kliemannsland hängen ja auch einige Jobs. Ist das etwas, das Ihnen Angst macht?

Kliemann: Man will natürlich das Team – vor allem wenn man so gute Leute hat – erhalten. Die Vorstellung, dass wir jetzt alleine da stehen, kann schon ein bisschen gruselig sein. Ich habe vor solchen Sachen aber eigentlich wenig Angst, weil ich immer denke, wir bekommen das sowieso hin. Aber das ist schon ein großer Schritt.

Ein anderes Ihrer Projekte ist das Hausboot von Sänger Gunter Gabriel. Das haben Sie nach dessen Tod mit dem Musiker Olli Schulz gekauft und sanieren es seit zwei Jahren. Das müsste jetzt langsam fertig sein, oder?

Kliemann: Ja, in ein paar Wochen ist das durch.

Was passiert mit dem Boot?

Kliemann: Das ist ein schwimmendes Studio. Das ist richtig groß. Da können dann acht, neun Leute drauf übernachten, es gibt eine große Dachterrasse und eine Bühne für Konzerte. Primär ist das ein Rückzugsort für Kreative. Da kann man Musik machen oder auch ein Buch schreiben. Wer will, kann sich mit der ganzen Band einmieten.

Sänger Olli Schulz und Youtuber Fynn Kliemann haben das Hausboot von Schlagersänger Gunter Gabriel gekauft - und saniert, denn das Boot war in sehr schlechtem Zustand.
Bild: Daniel Bockwoldt, dpa (Archiv)

Sie haben ja oft die Haltung: Das wird schon irgendwie. Olli Schulz hat sich vergangenes Jahr in seinem Podcast mit Jan Böhmermann weniger optimistisch geäußert. Er hat erzählt, dass das alles viel komplizierter, viel teurer geworden ist als gedacht. Haben Sie auch an dem Projekt gezweifelt?

Kliemann: Klar, wir waren ganz oft kurz vorm Aufhören. Entweder geistig am Ende, weil wir das nicht mehr aushalten konnten, oder auch finanziell. Das stand schon zehn Mal fast vor der Pleite. Und auch ich, als hoffnungslos positiv denkender Mensch, hab schon 20 Mal gesagt: "Ach komm, versenkt die Scheiße und fertig is‘". Das war richtig anstrengend.

Direkt erfolgreich war hingegen Ihre Musik. Sie haben im Mai Ihr zweites Album "Pop" herausgebracht. In Eigenregie, also ohne Label. Es ist direkt auf Platz 1 der Album-Charts gelandet, jetzt gerade ist es wieder zurück auf Platz 1. Sie haben die Lieder alle in der Nacht geschrieben. Warum?

Kliemann: Ich hab keine Zeit sonst.

Wann schlafen Sie?

Kliemann: Danach. Zwischen Musik und dem Morgenstress. Ich komm auf jeden Fall mit ziemlich wenig Schlaf aus.

Fynn Kliemann hat im Mai sein zweites Album veröffentlicht. "Pop" ist direkt auf Platz 1 eingestiegen und kam Ende August noch einmal zurück auf Platz 1 der Album-Charts.
Bild: Valentin-Ammon

Sie haben aber auch noch Ihren, man könnte sagen "normalen" Job. Sie haben 2011 mit einem Partner eine digitale Werbeagentur gegründet. Wie viel Zeit nimmt der Job in Anspruch?

Kliemann: Vor unserem Telefonat hatte ich gerade eine Stunde Morgen-Meeting. Das habe ich jeden Tag, mit der ganzen Crew. Da gehen wir alles durch, jeder bekommt seine Aufgaben, und dann treffen wir uns über den Tag verteilt. Es geht keine Webseite raus, keine Kreation, die ich vorher nicht gesehen und optimiert habe. Acht Stunden am Tag schaff ich nicht mehr, aber schon jeden Tag ein paar Stündchen.

Ihre Firma hat unter anderem eine Website für den Weltmarktführer für Rohrhalterungssysteme gebaut. Es fällt irgendwie schwer, sich vorzustellen, wie Sie im Anzug in einem Business-Meeting mit der Geschäftsführung von solchen Unternehmen sitzen.

Kliemann: Ich bin tatsächlich sehr gut in solchen Business-Gesprächen. Aber einen Anzug habe ich nicht. Was soll man auch damit? Das war von Anfang an so. Mein Geschäftspartner Florian und ich sahen immer so aus, wie wir eben aussehen. Er hat immer so Fußball-Jogginganzüge an, und ich sah aus wie so ein verlotterter Skateboard-Junge. So sind wir zu den Firmen gefahren. Aber da wurde Social Media gerade groß. Die haben verstanden: Wenn wir da Experten haben wollen, dann sehen die eben so aus. Und jetzt ist das sowieso kein Problem mehr. Wir machen keine Akquise. Die Leute rufen uns an und wissen, worauf sie sich einlassen. Früher waren einige am Anfang skeptisch. Aber wenn in den ersten zwei Minuten der erste kluge Satz kommt, der alle ihre Probleme löst, dann ist scheißegal, wie ich aussehe.

Woher kommen denn die Energie und der Drang, so viel zu tun und auszuprobieren?

Kliemann: Das weiß ich auch nicht so genau. Ich bin einfach interessiert an allem Möglichen. An allen Menschen, an allen Funktionsweisen, an allen Abläufen. Und ich habe ganz oft das naive Gefühl, ich könnte das besser als andere. Dann schaue ich mir Sachen an und denke: "Hä, seid ihr blöd, warum macht ihr das denn so?" Dann heißt es oft: "Das war schon immer so." Dann mach ich das anders und die sagen: "Fuck, wieso haben wir das nicht gemacht?" Manchmal ist es aber auch so, dass das nicht der durchschlagende Erfolg ist. Aber dann weiß ich das wenigstens. Ich kann mich schlecht auf Meinungen und Ergebnisse von anderen verlassen, ich habe immer das Gefühl, ich muss das selber testen. Und dabei kommt manchmal was Gutes raus.

Zur Person: Fynn Kliemann ist 1988 in Zeven in Niedersachsen geboren. Bekannt wurde er über Heimwerker-Videos auf seinem Youtube-Kanal sowie ab 2016 über das Kliemannsland, das er bis Juli 2020 gemeinsam mit Funk von ARD und ZDF produzierte. 2018 und 2020 veröffentlichte er jeweils ein Album, 2020 außerdem einen Dokumentarfilm über die Entstehung des ersten Albums. Zudem ist er einer der Geschäftsführer und Gründer der Agentur Herrlich Media.

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