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Lehrermangel

19.12.2019

Tausende Lehrer fehlen: Wie die Schulen improvisieren

Die große Leere: Der Lehrermangel ist längst auch in bayerischen Schulen angekommen.
Bild: Bodo Schackow, dpa (Symbolbild)

Plus Deutschland steuert auf einen riesigen Lehrermangel zu. Quereinsteiger aus anderen Jobs sollen helfen. Eine Chemikerin beschreibt den Weg vom Labor an die Schule.

In ihrem vorigen Leben stand Petra Mayer-Fligge im Labor und hat erforscht, welche Wirkstoffe einmal Menschenleben retten könnten. Heute steht sie im Klassenzimmer und macht Schüler selbst zu Forschern. Die 52-Jährige, statt im Laborkittel in Jeans und blauem Strickpulli, strahlt, wenn sie ihre Schüler anschaut. Hinter ihr auf dem Tafelbild prangt eine Buchstabenkette mit der immer gleichen chemischen Formel: HCOOH, für den Laien: Ameisensäure.

Petra Mayer-Fligge, promovierte Chemikerin, hat ihren Beruf beim Pharmakonzern Bayer in Leverkusen gegen eine Stelle als Lehrerin getauscht. Seit drei Monaten unterrichtet sie am katholischen Kolleg der Schulbrüder in Illertissen – als eine von 100 Quereinsteigern, die an den 45 Privatschulen der Diözese Augsburg angestellt sind. Das ist im Bistum seit zehn Jahren völlig normal – an staatlichen Schulen ganz und gar nicht. In Illertissen etwa lehrt auch der Betreiber einer Musikschule jetzt Musik als Unterrichtsfach. An einer katholischen Realschule gibt eine Meisterin der Hauswirtschaft – man ahnt es – Hauswirtschaftsunterricht. Normalerweise kochen Leute mit ihrer Ausbildung zum Beispiel in Pflegestätten oder bei Privatleuten, kümmern sich um Wäsche und Einkauf.

„Ich bin nicht morgens aufgewacht und habe mir gedacht: ,Jetzt will ich Lehrerin werden‘ “, sagt Petra Mayer-Fligge. Trotzdem fühlt sich die Chemikerin heute wohl im Klassenzimmer.
Bild: Alexander Kaya

Lehrermangel: „Spitze noch nicht erreicht“

Ausgebildete Lehrer zu finden, ist für die Schulen in Bayern so schwer wie lange nicht. Spricht man mit Schulleitern, die ihren Namen bei einem so brenzligen Thema meistens nicht in der Zeitung lesen wollen, hört man sogar: Es ist so schwer wie nie. „Es wird von Jahr zu Jahr schlimmer und wir haben die Spitze nicht erreicht“, sagt ein Augsburger Grundschulrektor.

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Lehrer, die zwischen zwei Klassenzimmern hin- und herrennen, Teilzeitkräfte, die plötzlich eine Klassleitung übernehmen müssen, Schulleiter, die jeden Morgen über dem Vertretungsplan verzweifeln: An Grundschulen ist es besonders schlimm. Es gibt unterschiedliche Statistiken dazu, wie viele Lehrer für die Jüngsten fehlen. Die Kultusminister rechnen in ihrer neuesten Prognose mit einem Bedarf von 12400 neuen Lehrern bis 2025. Bildungsforscher, etwa die der Bertelsmann-Stiftung, gehen von weit höheren Zahlen aus.

Auch in Bayern wird bis Mitte des nächsten Jahrzehnts besonders an Grundschulen das Angebot die Nachfrage deutlich übersteigen. Schon 2020 sind 600 Plätze in den Lehrerzimmern frei. An Mittelschulen braucht es nächstes Jahr mehr als 800 neue Pädagogen, nur an die 600 kommen von den Unis. Realschulen haben es nicht viel besser. Das ist in anderen Bundesländern ähnlich – oder noch deutlich prekärer. In Berlin zum Beispiel unterrichten heute weit mehr Pädagogen ohne Lehrerausbildung als Lehrer mit abgeschlossenem Studium.

Unter der Mangelverwaltung leiden vor allem die schwächeren Schüler, sagt Jörg Dräger, Bildungsexperte bei der Bertelsmann-Stiftung. Oft sind das Kinder aus niedrigeren Gesellschaftsschichten, die im Schnitt deutlich schlechter lesen und rechnen als der Nachwuchs privilegierter Familien. Das hat die Pisa-Studie gerade wieder gezeigt. Auch Schulleiter in Bayern bestätigen, dass Unterrichtsausfall vor allem schwache Schüler trifft. Denn oft falle als erstes der sogenannte Differenzierungsunterricht weg, also die Stunden, bei denen Kinder in kleinen Gruppen individuell gefördert werden.

Konnte man den Lehrermangel an Schulen vorhersehen?

Aber wie kann das sein? Hat denn keine Prognose ein leeres Lehrerzimmer vorausgesagt? So einfach ist das nicht. Es fängt damit an, dass das Schulsystem mit Überalterung kämpft, besonders viele Lehrer gehen gerade in den Ruhestand. Dass zuletzt rund 60.000 Kinder aus geflüchteten Familien allein an Bayerns Schulen lernten, konnte tatsächlich niemand vorhersehen. Doch in einer dritten Hinsicht war Rechnen wirklich nicht die Stärke der Kultusminister. Jahrelang hatten sie mit veralteten demografischen Daten geplant und nicht vorhergesehen, dass die Kinderzahlen wieder steigen.

Petra Mayer-Fligge unterrichtet in Illertissen an einem Gymnasium. Bislang gibt es an diesem Schultyp für die meisten Fächer noch mehr als genug Lehrer, die Wartelisten sind voll. Die große Lücke kommt hier erst etwas später, nämlich um das Jahr 2025. Dann fehlen allein an staatlichen Gymnasien mehr als 1500 Pädagogen – private Träger wie die Kirche nicht eingerechnet. Dank der Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums wird es zu diesem Zeitpunkt nämlich erstmals wieder eine 13. Klasse geben. Das heißt: eine Jahrgangsstufe mehr als bisher. Mehr Schüler sind da, mehr Lehrer sind nötig.

In den naturwissenschaftlichen Fächern herrscht auch jetzt schon ein Mangel, genauso wie in Kunst und Musik. Deshalb sind sie in Illertissen ja so froh um Quereinsteiger wie die Chemikerin. Jetzt hat Petra Mayer-Fligge unterrichtsfrei – Zeit, ein wenig zu erzählen. Ihr Tisch im Lehrerzimmer ist nahezu leer. Den Unterricht bereitet sie oft zu Hause vor. „Heute brauche ich zwei Schulstunden, um eine einzige vorzubereiten.“ Da täten sich ausgebildete Lehrer leichter. „Aber ich bin schon deutlich schneller als am Anfang“, erzählt die Mutter eines heute 19-jährigen Sohnes und lacht.

Warum sie ihren Job als Laborleiterin bei Bayer aufgegeben hat? „Ich bin nicht morgens aufgewacht und habe mir gedacht: ,Jetzt will ich Lehrerin werden’“, scherzt sie. „Nach der Geburt meines Sohnes war ich ein paar Jahre daheim, wir sind in die Nähe von Biberach umgezogen.“ Über Kontakte gab sie bald Experimentierkurse für hochbegabte Kinder. Irgendwann habe sie dann von der offenen Stelle in Illertissen erfahren. Das ist etwa eine Dreiviertelstunde Fahrzeit von ihrem Heimatort über der baden-württembergischen Grenze.

Fachlich ist der Schuldienst kein Problem

Fachlich ist der Unterricht natürlich kein Problem für die Chemikerin. Wer bei einem der größten deutschen Pharmakonzerne gearbeitet hat, ist nicht überfordert damit, die Elemente zu erklären und in der achten Klasse Kristalle zu züchten. „Aber ich musste erst einmal ganz praktische Dinge lernen: Welche Versuche sind an einer Schule sicherheitstechnisch erlaubt? Wie funktioniert Notengebung?“

Für solche Fragen gibt es seit September ein Fortbildungsprogramm für alle Quereinsteiger im Bistum Augsburg: das Lehrwerk. Am Anfang des Schuljahres treffen sich die Neuen eine Woche lang zum Hardcore-Training. Erfahrene Lehrer erklären, wie man eine Unterrichtsstunde richtig aufbaut, wie man Inhalte kindgerecht rüber-bringt und verraten, wie man Unruhestiftern im Klassenzimmer den Schneid abkauft. Später bekommen Quereinsteiger einen Betreuer zur Seite gestellt, der sie im Schulalltag weiter begleitet. Noch dazu kümmern sich zwei Mentoren um die Neulinge – frühere Schulleiter, die auch regelmäßig den Unterricht besuchen. Peter Kosak, Chef des Augsburger Schulwerks, macht damit gute Erfahrungen. Früher habe die ganze Ausbildung der Seiteneinsteiger nebenbei laufen müssen, erklärt er. Die Folge: Etwa ein Viertel der Neu-Lehrer sprang schnell wieder ab. „Nicht jeder ist für den Lehrerberuf geschaffen.“ Kosak hofft, dass durch das Lehrwerk mehr Quereinsteiger ihrem neuen Beruf treu bleiben. Petra Mayer-Fligge fühlt sich am Lehrerpult immer sicherer. „Ich bin deutlich ruhiger geworden als am Anfang, kann mir besser helfen. Wenn die Kinder unruhig sind, werde ich zum Beispiel selbst immer ganz ruhig. Das hilft.“

Wie man fachfremde Seiteneinsteiger zu guten Lehrern macht, dazu gibt es je nach Bundesland und Schulträger unterschiedliche Auffassungen. Jörg Dräger von der Bertelsmann-Stiftung will eine Vereinheitlichung. Im Gespräch mit unserer Zeitung schlägt er ein verpflichtendes, zweijähriges Aufbaustudium für Quereinsteiger vor. Dräger wählt ein drastisches Beispiel: „Man lässt keinen Arzt ohne Medizinstudium in den Operationssaal, also sollten wir auch keine Menschen ohne adäquate Fortbildung ins Klassenzimmer lassen.“

Staatliche Schulen verzichten trotz Lehrermangels auf Quereinsteiger

Das bayerische Kultusministerium vermeidet es bislang noch, Lehrer ohne Studium einzustellen – anders als die privaten Schulen eben. Entsprechend groß war der Skandal, als bekannt wurde, dass an der Dominikus-Zimmermann-Realschule in Günzburg ohne Wissen des Ministeriums zwei Lehramts-Studenten unterrichteten, die sich gerade erst an der Uni eingeschrieben hatten.

Das Kultusministerium setzt auf eine andere Methode mit sperrigem Namen, aber klarem Ziel: die Zweitqualifizierung. Das heißt, dass etwa Gymnasiallehrer, die bisher vergeblich auf eine Anstellung warten, auf den Einsatz an Grund-, Mittel- und Förderschulen umsatteln können. Pressesprecher Günther Schuster wertet die Sache als Erfolg: „Bereits über 1400 Lehrkräfte konnten zusätzlich für die Grund- und Mittelschulen gewonnen werden.“ Weitere 1200 werden aktuell noch weitergebildet. Im Moment touren Mitarbeiter des Ministeriums durch Bayern und werben weiter um Interessenten.

Den Rest sollen Lehrer richten, die freiwillig ihre Teilzeit aufstocken oder Beurlaubungen unterbrechen. Für Grundschullehrer hat das Ministerium 700 zusätzliche Studienplätze geschaffen – unter anderem in Augsburg. Bis die Studenten den Abschluss in der Tasche haben, wird es aber bis Mitte des nächsten Jahrzehnts dauern. Peter Kosak vom katholischen Schulwerk bezweifelt, dass es beim Staat auf Dauer ohne Quereinsteiger gehen wird.

Aber was heißt das denn nun alles: Muss man den Zusammenbruch des Schulsystems fürchten? Das bislang nicht, sagt der Augsburger Rektor, der lieber anonym bleibt. „Wir haben so viele fleißige Lehrer, die fangen vieles auf.“ Das wisse der Staat auch. „Man könnte also sagen: Je besser wir arbeiten, desto schlechter ist es für uns – weil die Politik dann denkt: ,Die schaffen das schon.’“

Chemikerin Petra Mayer-Fligge hilft gerne beim Auffangen. „Es ist schön, wenn man sieht, wie bei den Kindern der Groschen gefallen ist“, sagt sie und strahlt schon wieder. „Ich kann mir gut vorstellen, dauerhaft Lehrerin zu bleiben.“

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