Newsticker
RKI meldet 10.454 Corona-Neuinfektionen und 71 Todesfälle
  1. Startseite
  2. Politik
  3. Bundestagswahl: Von Debattenkultur kann bei der Bundestagswahl keine Rede mehr sein

Von Debattenkultur kann bei der Bundestagswahl keine Rede mehr sein

Kommentar Von Daniel Wirsching
15.09.2021

Kurz vor der Bundestagswahl wird der Ton rauer und der Streit heftiger. Dem Journalismus kommt besonders jetzt eine enorme Verantwortung zu.

Manchmal möchte man schreien: Kommt alle mal wieder runter! Seid mal nicht so selbstgerecht! Man glaubt, schreien zu müssen, weil man das Gefühl hat, sonst nicht gehört zu werden – in den öffentlichen Diskussionen dieser Tage, die nicht nur auf Twitter schnell aggressiv geführt werden und für die zu gelten scheint: Auf sie mit Gebrüll!

Bundestagswahl: Deutschland hat auch außerhalb des Wahlkampfes ein Problem

Keine zwei Wochen vor der Bundestagswahl ist diese „Debattenkultur“ täglich zu beobachten, in den sogenannten sozialen Medien wie im „echten“ Leben, was sich ja nicht voneinander trennen lässt. Da wird aneinander vorbeigeredet, absichtlich missverstanden, mit Halbwahrheiten hantiert und Meinung gemacht.

Deutschland hat ein Problem. Und das reicht weit über die Aufgeregtheiten in Wahlkampfzeiten hinaus: Man weiß offensichtlich nicht (mehr), wie man vernünftig miteinander diskutiert. Ausreden lassen, argumentieren, zumindest versuchen, das Anliegen des Gegenübers nachzuvollziehen… Wenn nur noch Meinungen lautstark aufeinanderprallen, führt das letztlich zur Spaltung der Gesellschaft.

Auch für den Journalismus – vor allem für den politischen – stellt sich das zunehmend als Problem dar. Etwa, wenn versucht wird, ihm Parteinahme zu unterstellen oder wenn er als „Staatsfunk“ und „Lügenpresse“ geschmäht wird. Wenn ihm die Glaubwürdigkeit abgesprochen und Fakten nicht als Fakten akzeptiert werden.

Zum Problem wird der Journalismus selbst, wenn er sich von seinen Grundprinzipien und seinem Anspruch entfernt, unabhängig und überparteilich zu sein. Den sogenannten klassischen Medien, den Qualitätsmedien, kommt eine enorme Verantwortung und Bedeutung im öffentlichen Diskurs zu, der seit Jahren von Populisten, Pegida und „Querdenkern“ mitgeprägt wird. Doch nach wie vor tun sich Journalistinnen und Journalisten schwer, damit umzugehen. Auch, weil sie sich bisweilen in ihren eigenen Ansprüchen verheddern. Sie müssen mit allen reden, sie hören grundsätzlich die jeweils andere Seite. Aber müssen sie deshalb, nur zum Beispiel, einem Verschwörungserzähler oder einem Faschisten eine Bühne bieten?

Lesen Sie dazu auch

Bundestagswahl: Es braucht distanzierten, kritischen Journalismus

Problematisch ist es ebenfalls, wenn ein seriöses Medium wie Die Welt zum gedruckten Twitter wird, Empörungsjournalismus betreibt und abstruseste Polemiken veröffentlicht. Und wenn Die Zeit oder der stern Grenzen zwischen Journalismus und Aktivismus verwischen (im Mindesten aber diesen Eindruck erwecken). Der stern produzierte vor einem Jahr mit Aktivisten von Fridays for Future gemeinsam eine Ausgabe, Die Zeit führte jetzt das Ressort „Green“ ein und begründete das damit, dass „wir“ den Umweltschutz noch nicht verinnerlicht hätten und es „eine neue Erzählung über die sich abzeichnende Wirklichkeit“ brauche.

Nein, was es braucht – gerade in Wahlkampfzeiten –, ist distanzierter, kritischer Journalismus, der im weitesten Sinne offen bleibt und seinem Publikum Fakten und Einordnung liefert. Der weder so tut, als gäbe es auf die komplexe Wirklichkeit einfache Antworten. Noch sich darin erschöpft, sich selbst zu genügen. Dafür ist das verkorkste „Triell“ der Kanzlerkandidatin und der Kanzlerkandidaten in ARD und ZDF das jüngste Negativbeispiel. Es würde nicht verwundern, hätte es die verbreitete Politik- und Medienverdrossenheit befördert.

Das Moderationsduo hechelte sich durch die Sendung und verlor sich in Fragen nach Parteitaktik. Statt Themen zu vertiefen und Positionen herauszuarbeiten, statt offensichtliche Unrichtigkeiten richtigzustellen und Sachverhalte einzuordnen, war ihm die „Berliner Filterblase“ genug. Das allerdings ist in so vielerlei Hinsicht nicht genug.

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

15.09.2021

Blubber-Demokratie: Debatte hin, Debatte her>>>>>>die Inhalte fehlen!

Permalink
15.09.2021

Ich würde mir zum Beipiel wünschen, dass sich die seriösen Medien deutlich vom Kampagnen- und Hetz-"Journalismus" der BILD-Zeitung distanzieren würden. BILD ist keine Quelle die man einfach so zitieren sollte und man sollte auch nicht über jedes Stöckchen springen, das einem hingehalten wird.

Permalink
15.09.2021

Der Kommentar ist bemerkenswert. Vor allem, dass er in der AA steht. ;-) Soll das der Kontrapunkt zu der sonstigen Hofberichterstattung für die CSU sein?

Permalink
15.09.2021

Netter Begriff und sehr vielsagend:
"Volksumziehung" deutet eher auf Leerdenker-AfD-Reichsbürger-Milieu hin.

Permalink
15.09.2021

Herrn Wirsching fällt erst jetzt auf , daß Medien und Journalisten gerne Politik machen und Gesellschaften "erziehen" wollen

- wie etwa die von ihm genannten Beispiele von Stern und Welt zur aktuellen -angeblich dem Umweltschutz dienenden- Volkserziehung und Volksumziehung zeigen ?!

Permalink
15.09.2021

Bei der Junge Freiheit, Compact, PI, Blaue Narzisse, Kopp Online, RT, usw. sollen ja keine politischen Ansichten verbreitet und eine "Volkserziehung" geleisten werden. Und wer nicht die Texte dieser Medien abweicht oder gar widerspricht gehört so und so zur Lügenpresse / Mainstremapresse.



Permalink
15.09.2021

Der Kommentar spricht mir aus der Seele.

Permalink