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Interview

27.01.2019

Charlotte Knobloch: „Salonfähig ist der Antisemitismus lange“

Charlotte Knobloch sagt, dass viele Juden in Europa heute wieder verunsichert sind.
Bild: Bernhard Weizenegger (Archiv)

Exklusiv Charlotte Knobloch war Präsidentin des Zentralrats der Juden. Wäre sie noch einmal jung - sie wüsste nicht, ob sie in Deutschland bliebe.

Frau Knobloch, Sie waren zwölf Jahre alt, als der Krieg und die Naziherrschaft ein Ende hatten. Was hat Ihre Familie damals bewogen, in Deutschland zu bleiben? Ihre Großmutter ist im KZ Theresienstadt ermordet worden, Sie selbst sind der Deportation nur mit viel Glück entkommen.

Charlotte Knobloch: Nachdem meine Eltern sich 1937 hatten scheiden lassen, kam meine Großmutter zu uns, um sich um mich zu kümmern. Als die Lage für uns Juden dann immer gefährlicher wurde, bat mein Vater einen Onkel in den USA, alles vorzubereiten, damit wir nach Amerika auswandern können. Meine Großmutter allerdings hätten die Amerikaner wegen ihres Alters nicht aufgenommen - und weil mein Vater seine Mutter nicht alleine in Nazi-Deutschland zurück lassen wollte, sind wir geblieben.

Haben Sie später je daran gedacht, Deutschland den Rücken zu kehren, dem Land der Täter?

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Knobloch: Ich habe den Krieg ja quasi mit einer fremden Identität überlebt - bei einer ehemaligen Hausangestellten in Oberfranken, die mich aufgenommen und als ihr uneheliches Kind ausgegeben hat. Als mein Vater mich nach dem Krieg dann nach München zurückgeholt hatte, wollte ich eigentlich nur noch weg. Ich wollte die Menschen, die uns gedemütigt, beleidigt, angespuckt und verraten haben, nicht mehr sehen, sondern möglichst schnell zu meinem Onkel in die Vereinigten Staaten. Dann habe ich meinen späteren Mann kennengelernt, der ebenfalls seine Auswanderung betrieb, wir haben geheiratet und bald schon hat sich das erste Kind angekündigt. Als alles so weit war, dass wir hätten gehen können, war ich allerdings im siebten Monat schwanger - und wäre nicht mitgenommen worden.

Charlotte Knobloch: Antisemitismus ist heute in Deutschland wieder aggressiver

Das heißt, Sie haben sich eher notgedrungen mit Deutschland arrangiert?

Knobloch: Wir waren damals sehr traurig und hielten unser Auswanderungsersuchen auch aufrecht. Ich hatte mich inzwischen zur Schneiderin ausbilden lassen, weil ein Beruf eine Voraussetzung für die Aufnahme in den USA war, doch als die Papiere endlich alle fertig waren, war unser zweites Kind unterwegs. Also haben wir gesagt, wir wandern aus, wenn die Kinder größer sind. Dann kam noch ein drittes Kind - und die gepackten Koffer blieben auf dem Speicher stehen.

Auch heute denken Juden in Europa wieder an Auswanderung. Vor allem aus Frankreich sind sie zu Tausenden vor der zunehmenden antisemitischen Gewalt geflohen und nach Israel gegangen. Sehen Sie ähnliche Tendenzen in Deutschland?

Knobloch: Ja. Vor allem junge Familien kommen immer wieder zu mir und fragen mich, ob sie als Juden in Deutschland noch eine sichere Zukunft haben. Den aggressiven Antisemitismus, den wir heute wieder erleben, kannten sie bislang nur aus Erzählungen.

Und was raten Sie diesen Familien?

Knobloch: Ich erzähle ihnen, wie das damals bei mir war, dass auch ich an Auswanderung gedacht habe, wenngleich ich ganz andere Gründe hatte. Deutschland heute ist ja ein anderes Land als das Deutschland damals, es ist eine gefestigte Demokratie, die mit dem Antisemitismus fertig werden kann, wenn sie ihn entschlossen bekämpft. Aber ich weiß nicht, ob ich als junge Jüdin heute bleiben würde, wenn ich kleine Kinder und einen Beruf hätte, mit dem ich auch in anderen Ländern mein Leben leben könnte.

Der niederländische Schriftsteller Leon de Winter ist selbst jüdischer Herkunft. Er sagt, in 40, spätestens 50 Jahren werde es keine Juden mehr geben in Europa. Teilen Sie diese Sorge?

Knobloch: Ich glaube nicht, dass es in Europa jemals keine Juden mehr geben wird. Die Frage ist eher, wie Juden künftig in Europa leben werden und ob ihre Anwesenheit den dortigen Gesellschaft überhaupt noch wichtig ist.

Eigentlich wollte sie nach dem Krieg auswandern - und dann blieb sie doch im Land der Täter: Charlotte Knobloch.
Bild: Thorsten Jordan (Archiv)

"Du Jude" - heute wieder ein gängiges Schimpfwort

Wie erleben Sie ganz persönlich Antisemitismus? In Frankreich mag die Situation extremer sein. Dass Juden angepöbelt, beleidigt und bedroht werden, ist aber auch in der Bundesrepublik trauriger Alltag.

Knobloch: Schauen Sie ins Internet, was sich dort an Hass gegen Juden artikuliert. Das erlebe ich alles auch persönlich, in Mails, in Briefen, in Telefonanrufen. Neun von zehn Juden sagen heute in Umfragen, der Antisemitismus in Deutschland habe wieder zugenommen - nicht nur in Berlin, wo die Aggressivität Juden gegenüber besonders hoch ist. Es vergeht kaum eine Woche, in der Juden in Deutschland nicht bedroht oder auch körperlich attackiert werden.

Antisemitismus gibt es von links, von rechts und aus dem muslimischen Milieu. Haben wir durch unsere Politik der offenen Grenzen eine neue Judenfeindlichkeit importiert?

Knobloch: Selbstverständlich. Da kommen Menschen zu uns, die ihr ganzes Leben immer nur gehört haben, dass das Judentum vernichtet werden muss - und der Staat Israel am besten gleich mit. Vor kurzem habe ich das Buch eines Imams gesehen, der hier in Deutschland in einigen Hinterhofmoscheen predigt. Da stand ziemlich deutlich drin: Tod den Juden. So etwas hören die Kinder dann zuhause von ihren Eltern, die in der Moschee waren, und tragen es weiter in die nächste Generation. „Du Jude“ ist heute wieder ein gängiges Schimpfwort auf vielen Schulhöfen. Auch wenn der Antisemitismus nicht in Deutschland erfunden worden: Dass er sich genau in dem Land so hartnäckig hält, das sich damals so schuldig gemacht hat, ist mir völlig unverständlich.

Fast 75 Jahre nach Kriegsende schützt die Polizei noch immer Synagogen, jüdische Schulen und Gemeinden. Auch auf dem Weg zu Ihrem Büro müssen Besucher eine Sicherheitsschleuse passieren. Können Juden jemals wieder ein normales Leben in Deutschland führen?

Knobloch: Diese Sicherheitsmaßnahmen sind ein Notwendigkeit, deshalb empfinde ich sie auch nicht als Belastung. Der Skandal ist doch, dass sie überhaupt nötig sind. Dass Schüler unter Polizeischutz zur jüdischen Schule gefahren werden und unter Polizeischutz lernen müssen. Ich bin eigentlich ein optimistischer Mensch und hoffe daher, dass der Antisemitismus auch wieder abflaut. Dazu aber müsste die Politik ihm entschlossener begegnen.

Knobloch: "Salonfähig ist de Antisemitismus schon lange"

Sowohl die Bundesregierung als auch die bayerische Staatsregierung haben Antisemitismusbeauftragte eingesetzt. Sind das nur Alibi-Posten oder können diese Beauftragten wirklich etwas bewirken?

Knobloch: Diese Beauftragten sehe ich vor allem als Ansprechpartner für Menschen, die Antisemitismus in Wort und Tat selbst erleben und nicht wegen jedem beleidigenden Brief gleich zur Polizei gehen wollen. Ob diese Beauftragten etwas bewirken können? Ich freue mich, dass es diese Positionen gibt und dass die Politik das Problem endlich ernst nimmt. Insofern ist die Bestellung von Beauftragten auf jeden Fall ein gutes Signal. Aber mir scheint es, als ob Deutschland noch immer von der Wucht überrascht ist, die der Antisemitismus in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Ich wünsche mir deshalb mehr Engagement von jedem Einzelnen, aber auch von Organisationen wie Kirchen und Gewerkschaften.

Wird der Antisemitismus womöglich wieder salonfähig? Ein populärer Sänger wie Xavier Naidoo kann über eine angebliche jüdische Weltverschwörung schwadronieren, in München wird ein Karikaturist, der mit antisemitischen Klischees arbeitet, mit einem renommierten Preis ausgezeichnet - und in Eichstätt wurde ein Mann zum Priester geweiht, der wegen übelster judenfeindlicher Witze schon einmal aus dem Priesterseminar geflogen war.

Knobloch: Salonfähig ist der Antisemitismus schon lange. Machen wir uns nichts vor: Er ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Seine Flamme ist nach dem Krieg nie ganz ausgegangen und brennt inzwischen wieder mit neuer Kraft.

Der Karikaturist Dieter Hanitzsch hat den israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu mit einem Davidstern, übertrieben großer Nase und großen abstehenden Ohren gezeichnet - ein antisemitisches Stereotyp. Was haben Sie gedacht, als Sie diese Karikatur gesehen haben?

Knobloch: Als ich als Kind durch München gelaufen bin, hingen an den Hausecken immer die Titelblätter des Stürmer. Darauf habe ich genau das Gesicht gesehen, das er gezeichnet hat.

Sie selbst attackieren vor allem die Alternative für Deutschland sehr hart. Wie antisemitisch ist diese Partei - und wie stehen Sie zu der im vergangenen Jahr gegründeten Vereinigung „Juden in der AfD“?

Knobloch: Die Juden in der AfD haben ein großes Problem: Als Juden müssten sie eigentlich genau das verteidigen, was ihre Partei verbieten will - zum Beispiel die Beschneidung oder das Schächten. Für mich sind die Mitglieder dieser Vereinigung Irregeleitete, die sich instrumentalisieren lassen oder über den Tisch gezogen worden sind. Sie engagieren sich in einer Partei, die das Judentum faktisch vertreiben will.

Haben Sie jemals Kontakt zu den Juden in der AfD gesucht oder die Juden in der AfD zu Ihnen?

Knobloch: Es hat bis heute keinen persönlichen Kontakt mit mir gegeben. Mir ist es auch vollkommen egal, was die Partei sich dabei gedacht hat, als sie diese Vereinigung gegründet hat.

"Die Mullahs im Iran wollen Israel vernichten"

Im linken Milieu hat auch in Deutschland eine Bewegung großen Zulauf, die sich unter dem Slogan „Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen“ als Sprachrohr der Palästinenser versteht und unter anderem zu einem Boykott israelischer Produkte aufruft. Ist das noch legitime Kritik an Israel oder schon Antisemitismus nach dem Motto: Kauft nicht bei Juden?

Knobloch: Es ist beides. Diese Bewegung gibt es auch in England, in Frankreich und den Vereinigten Staaten – und leider hat sie auch in Deutschland Fuß gefasst. Kritik an Israel steht natürlich jedem frei, aber eine Kampagne, die in letzter Konsequenz auf das Ende Israels als jüdischer Staat zielt, ist natürlich antisemitisch und muss auch als solche benannt und bekämpft werden. Die Stadt München hat dem jetzt einen Riegel vorgeschoben, indem sie städtische Räume nicht mehr für deren Veranstaltungen zur Verfügung stellt.

Wo ziehen Sie denn die Grenze zwischen Israel-Kritik und Antisemitismus?

Knobloch: Sachliche Kritik an der Politik eines Landes muss immer möglich sein - und in kaum einem demokratischen Land wird die Politik der Regierung schärfer und leidenschaftlicher kritisiert als in Israel selbst. In dem Moment jedoch, in dem ich Israel als Synonym für alles Jüdische nehme, überschreite ich diese Grenze. Schauen Sie nur in den Iran: Die Mullahs dort wollen Israel vernichten - und mit Israel auch die Juden, die dort leben.

Geht die deutsche Regierung zu pfleglich mit dem Iran um? Ausgerechnet das Land, das Israel gegenüber eine so besondere Verantwortung hat, hat das Atomabkommen mit Teheran maßgeblich mit ausgehandelt.

Knobloch: Nicht nur in Israel schüttelt man den Kopf über dieses Abkommen, das alle Risiken ausblendet, auch die militärischen. Mit ihm unterstützt die westliche Gemeinschaft ein Land, das für den Frieden und die Stabilität in der Region so gefährlich ist wie kein anderes sonst. Als Jüdin und auch als Deutsche bin ich damit ganz und gar nicht einverstanden.

Charlotte Knobloch ist seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Vom 2006 bis 2010 war sie auch Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Die 86-jährige gilt als Vertreterin des liberalen Judentums und wurde im Jahr 2005 für ihr vielfältiges Engagement zur Ehrenbürgerin ihrer Heimatstadt München ernannt.

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