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Angela Merkel

12.02.2015

Die Marathon-Kanzlerin - von einem Termin zum nächsten

Berlin, Kiew, Moskau, Washington, Minsk und das alles in einer Woche. Angela Merkel hat anstrengende Tage hinter sich.
Bild: Kirill Kudryavtsev (dpa)

Moskau, München, Washington. Dann Ottawa, Berlin, Minsk. Das Programm, das Angela Merkel zwischen Krieg und Frieden absolviert hat, war ein Kraftakt. Wie schafft die Frau das nur?

Angela Merkel hat es eilig. Ein zufriedenes Lächeln, ein kurzer Blick zurück – und schon verschwindet sie durch eine gläserne Drehtür. Während der französische Präsident François Hollande im Palast der Unabhängigkeit noch Hof hält, ist sie bereits unterwegs zum Flughafen. Mehr als 17 Stunden haben die beiden gerade mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko über ein Ende des Bürgerkrieges im Osten der Ukraine verhandelt.

Doch selbst jetzt, da der Fahrplan für den Frieden unterschrieben ist, tritt die Kanzlerin noch auf die Euphoriebremse. Sie mache sich keine Illusionen, sagt sie, die Stimme schon ein wenig matt. „Es ist noch sehr, sehr viel Arbeit notwendig.“

Beifall für Merkel selbst von politischen Gegnern

17 Stunden – und kein bisschen müde? Der Kraftakt von Minsk ist das vorläufige Ende einer Mission, die der Kanzlerin nicht nur diplomatisch alles abverlangt, sondern auch körperlich, und die mit einer Reise nach Kiew vor ziemlich genau einer Woche beginnt. Nach einem Gespräch mit dem Astronauten Alexander Gerst fliegt Angela Merkel in die Ukraine, wo sie sich mit Hollande und Poroschenko trifft. Noch am späten Abend geht es zurück nach Berlin und von dort aus tags darauf gleich wieder weiter zu Putin nach Moskau.

Am Ende dieser Woche wird Angela Merkel mehr als 20000 Flugkilometer zurückgelegt haben, sie wird die Zeitzonen wechseln wie andere ihre Unterwäsche und Beifall selbst von Politikern bekommen, die sonst kein gutes Haar an ihr lassen. Im Ukraine-Konflikt sei sie die Stimme der Vernunft, lobt der Linke Dietmar Bartsch. „Da können wir ausnahmsweise mal gemeinsam auf die Kanzlerin stolz sein.“

Von Hans-Dietrich Genscher, dem früheren Außenminister, hieß es, er werde sich irgendwann über den Wolken noch selbst begegnen, so viel sei er in der Welt unterwegs. Gegen Angela Merkels Programm allerdings wirkt Genschers Arbeitsplatzbeschreibung in diesen Tagen wie ein erholsamer Bürojob, das zeigt schon der Blick ins Logbuch ihrer Reisediplomatie: Berlin, Kiew, wieder Berlin, danach Moskau, von dort aus direkt zur Münchner Sicherheitskonferenz, zurück nach Berlin, rasch die Koffer für die nächste Reise packen und weiter nach Washington, anschließend kurz zum Kollegen Stephen Harper ins kanadische Ottawa und wieder heim nach Berlin. Dann Minsk und am Ende, nach einem beispiellosen Verhandlungsmarathon, der EU-Gipfel in Brüssel, wo mit dem neuen griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras schon das nächste Problem wartet – und ungünstigstenfalls noch eine lange Nacht.

Angela Merkel: "Speichere Schlaf wie ein Kamel das Wasser"

Bis zur Verhandlungs-Nacht von Minsk ist Angela Merkel dieser Stress kaum anzusehen. Wie ein Kamel das Wasser, hat sie einmal gesagt, könne sie Schlaf speichern. Die Kanzlerin, das weiß man, ist eine robuste Natur und eine disziplinierte Frau, die wie viele Spitzenpolitiker mit wenig Schlaf auskommt, die sich auf den Punkt konzentrieren kann und vor einiger Zeit auch ihre Ernährung umgestellt hat: weniger Kekse, weniger Knabberzeug, dafür mehr Obst und Gemüse. Geschlafen wird nicht, wenn die innere Uhr das verlangt, sondern wenn Zeit dafür ist. In Regierungsmaschinen wie ihrem Airbus „Konrad Adenauer“ gibt es im vorderen Teil eine Kabine mit einem Bett, in die sie sich zurückziehen und etwas ausspannen kann – oder, wie auf dem Weg nach Brüssel, den schwarzen Hosenanzug durch einen grauen ersetzen.

Die sechs Stunden Zeitverschiebung auf dem Flug in die USA allerdings muss sie trotzdem wegstecken. Als die Kanzlerin Anfang der Woche in Washington ankommt und sich mit Politikern und Wirtschaftsvertretern zu einem ersten Gespräch trifft, ist es nach deutscher Zeit bereits ein Uhr nachts. Andere würden jetzt schlafen. Sie muss noch zu Barack Obama. „Wenn es zum Erfolg kommen wird“, sagt der anschließend, „hat das sicherlich auch mit der außerordentlichen Geduld und den Anstrengungen von Bundeskanzlerin Merkel zu tun.“

Auf den Bildern aus Minsk zeigen sich diese Anstrengungen zum ersten Mal im Gesicht der Kanzlerin. Blasser als sonst sieht sie aus, übernächtigt, die Augen zu zwei schmalen Schlitzen zusammengekniffen, was aber auch kein Wunder ist. Eine Woche wie diese hatte sie in ihren neun Jahren im Amt noch nicht, so fordernd, so nervenaufreibend und so unberechenbar auch.

Merkels Vorteil: Mit Putin verständigt sie sich ohne Dolmetscher

Ausgerechnet Angela Merkel, die sonst eher vorsichtig agiert, um nicht zu sagen zögerlich, ist die treibende Kraft in einer Operation, von der bis heute niemand weiß, ob sie auch gelingen wird. Das Risiko, das sie eingeht, ist hoch: Würde Minsk scheitern, würde Obama nicht mehr zögern, die Ukraine mit Waffen zu versorgen – auch auf die Gefahr hin, dass die Lage mitten in Europa dann eskaliert. Die Kanzlerin dagegen hat schon in München gesagt: „Militärisch ist das nicht zu gewinnen, das ist die bittere Wahrheit.“ Einige russische Zeitungen feiern die 60-Jährige daher schon vor dem Gipfel in Minsk als „Angela Mira“, als Angela, den Friedensengel.

Anders als ihr Verbündeter Hollande kann sie sich mit Wladimir Putin ohne Umwege, ohne Dolmetscher und ohne zwischengeschaltete Diplomaten verständigen: Sie spricht Russisch, er Deutsch. Wer genau wem was abgetrotzt hat in dieser Nacht, bleibt am Morgen danach allerdings unklar – und soll es wohl auch bleiben. Angela Merkel selbst spricht zurückhaltend von einem „Hoffnungsschimmer“ und lobt Putin lediglich dafür, dass er in der entscheidenden Phase der Gespräche den Druck auf die Separatisten in der Ostukraine erhöht habe. Wenn das Abkommen jedoch hält, was es verspricht, wird das auch ihr Erfolg sein. In einer Situation, in der sich Barack Obama, der Mann mit dem Friedensnobelpreis, nur noch mit Waffen zu helfen wusste, hat sie weiter auf die Kraft der Diplomatie vertraut. Nun, da eine neue Feuerpause ausgehandelt ist, fühlt sie sich bestätigt: „Es gibt eine reale Chance, die Dinge zum Besseren zu wenden.“

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