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Ein Muslim in der CSU? Das passt schon!

Ein Muslim in der CSU? Das passt schon!
Kommentar Von Michael Stifter
10.01.2020

Nach dem Fall Sahin darf die CSU die Frage, ob sich christliche Werte mit muslimischen vereinbaren lassen, nicht einfach wegwischen. Sie muss sie beantworten.

Es kommt selten vor, dass die Frage, wer Minister im Kabinett von Angela Merkel werden könnte, bundesweit genauso heftig diskutiert wird wie die Frage, wer in einem nordschwäbischen Ort mit nicht einmal 3400 Einwohnern als Bürgermeister kandidiert. In dieser Woche ist das passiert. Die Marktgemeinde Wallerstein wurde plötzlich zum Symbol für Intoleranz und rückschrittliches Denken, für bayerische Bierdimpfel-Provinzialität. Doch ganz so einfach ist die Sache auch wieder nicht.

Es beginnt mit der an sich unspektakulären Nachricht, dass der ausgemachte Bürgermeisterkandidat der CSU nun doch nicht antreten will. Weil Sener Sahin aber Muslim ist und genau das der Auslöser für seinen Rückzug war, wird die Personalie zur Staatsaffäre.

Die ganze Republik debattiert den Fall "Sahin"

Nicht nur ein paar Leute im Ort, sondern auch in der CSU hatten massiv Stimmung gegen den gebürtigen Nördlinger gemacht. Sie sind der Meinung, dass ein Mann, der an Allah glaubt, nicht zu einer Partei passt, die sich christlichen Werten verschrieben hat.

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Als die CSU-Spitze davon erfährt, ist der Karren schon an die Wand gefahren und Sahin lässt sich nicht mehr umstimmen. Die ganze Republik debattiert nun über diesen Eklat. Typisch CSU, typisch Bayern, heißt es. Von einer Bankrotterklärung für die Integration ist die Rede. Sogar von Rassismus. Es ist gut und richtig, dass sich reihenweise mächtige CSU-Leute vor den Kandidaten stellen, der keiner mehr sein will. Doch mit Bedauern allein werden sie das Thema nicht aus der Welt schaffen.

Auf dem Land fragen viele: Geht das überhaupt?

Die offizielle Sprachregelung in der CSU geht so: Wir sind eine Volkspartei und jeder, der sich zu unseren Werten bekennt, ist bei uns willkommen. Klingt super, kann jeder unterschreiben. Doch gerade auf dem Land stellen sich viele Leute die Frage: Geht das überhaupt, dass jemand die muslimischen und die christlichen Werte lebt – gleichzeitig? Angesichts islamistischer Fundamentalisten, die im Namen Allahs morden, muss diese Frage auch erlaubt sein. Man darf sie nicht verbieten, man darf sie nicht mit Appellen an die Toleranz wegwischen, man muss sie beantworten. Die Antwort gibt Sener Sahin doch selbst.

Sener Sahin, der als Bürgermeisterkandidat für die CSU Wallerstein antreten sollte, aber dann aufgrund von Vorbehalten wegen seines muslimischen Glaubens seine Kandidatur zurückzog.
Bild: Robert Milde

Wenn wir es ernst meinen mit der Religionsfreiheit, mit unserer weltoffenen Kultur, dann sind Menschen wie der 44-Jährige mit deutschem Pass und türkischen Eltern Vorbilder. Er ist aktiver Teil dieser Gesellschaft – als Familienvater, als Unternehmer, als Fußballtrainer und beinahe sogar als Politiker, der sich in den Dienst seiner Gemeinde stellen wollte. Besser kann man gar nicht beweisen, dass verschiedene Kulturen, Religionen und Werte wunderbar miteinander zu vereinbaren sind.

Wir fordern doch immer einen modernen Islam

Wenn man will. Und das ist es doch, was wir immer fordern: einen modernen Islam im Einklang mit unseren westlichen Grundvorstellungen. Deshalb ist der Fall Wallerstein ja so bitter. Weil er ein fatales Signal an Menschen mit ausländischen Wurzeln sendet, die sich in unserer Gesellschaft integrieren wollen. Nämlich: „Ihr könnt euch noch so sehr anstrengen, ihr werdet trotzdem nie richtig dazugehören.“

Eine Partei wie die CSU, für die der Glaube eine besondere Rolle spielt, hat an dieser Stelle auch eine besondere Verantwortung. Was in Wallerstein abgelaufen ist, kann jederzeit wieder passieren. Da hilft es auch nichts, wenn die Spitze Weltoffenheit und Toleranz von München aus verordnet. Sie muss die Menschen überzeugen. Natürlich ist das ein größerer Aufwand. Natürlich bedeutet das Widerspruch. Natürlich kostet das Zeit.

Aber schließlich leben wir einem Land, das zurecht stolz ist auf seine Liberalitas Bavariae, auf die Maxime: Leben und leben lassen. Und es lebt sich einfach besser miteinander als gegeneinander.

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10.01.2020

"Es ist gut und richtig, dass sich reihenweise mächtige CSU-Leute vor den Kandidaten stellen, der keiner mehr sein will."

Es ist noch nicht lange her, dass gerade "mächtige CSU-Leute", Söder und Seehofer, kräftig ins gleiche Horn bliesen, wie jene, die Herrn Sahin zum Kandidaturverzicht veranlassten. Seehofer "Der Islam gehört nicht zu Deutschland". Söder: "Wir sind die Christlich-soziale Union, nicht die Muslimisch-soziale", "Der Islam ist nicht identitätsstiftend und kulturprägend für unser Land". Oder denkt man nur an Söders Wahlkampf-Amtsstuben-Kruzifix-Show.
Gestern Abend sehr schön in "Quer" zu hören und zu sehen.
Die Beteuerungen der CSU-Spitze wirken wenig glaubwürdig.
Was lernen wir daraus: Auch in der Kommunalpolitik spielt die Parteilinie eine gewisse Rolle. Dem einen oder anderen mag auch der Spruch "Der Fisch fängt am Kopf . . ." einfallen.
Bei Sozialdemokraten, Grünen, Linkspartei und Liberalen ist Ähnliches kaum vorstellbar. Es ist quasi ein Alleinstellungsmerkmal der CSU und zu einem guten Teil auch von Bayern.

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