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Triumph bei Europawahl

27.05.2019

Grünen-Chef bremst Euphorie: "Alle wissen, dass wir liefern müssen"

Grünen-Chef Robert Habeck bemühte sich demonstrativ, den Überschwang etwas zu bremsen.
Bild: Michele Tantussi, afp

Für die Grünen ist der Wahlsonntag glänzend verlaufen. Doch Parteichef Robert Habeck ist der Respekt vor dem guten Wahlergebnis deutlich anzumerken.

"Die Grünen können ja gerade übers Wasser laufen", hatte ein ranghoher CDU-Politiker noch wenige Tage vor der Europawahl lobend analysiert. Tatsächlich übers Wasser wandeln konnten die Grünen einen Tag nach dem für sie glänzend verlaufenen Wahlsonntag  - 20,5 Prozent in Deutschland, so lautet das vorläufige Endergebnis - zwar immer noch nicht. Aber in einer Art Schwebezustand befand sich die Partei dann doch.

Nach großen Wahlen wie denen am Sonntag stellen sich die kleineren Parteien traditionell in der Bundespressekonferenz den Fragen der Journalisten. Die Grünen machten am Montag den Aufschlag. Europa-Spitzenkandidat Sven Giegold und Grünen-Chef Robert Habeck fanden einen ziemlich vollen Saal vor, das Interesse war auch bei ausländischen Berichterstattern außergewöhnlich groß, alle wollten das "grüne Wunder" erleben. Was sie sahen, war ein erheblicher Unterschied zwischen den beiden grünen Spitzenpolitikern auf dem Podium: Auf der einen Seite ein sichtlich müder, aber wie gewohnt durchgestylter Robert Habeck. Neben ihm der eher dezent gekleidete Giegold, der gleichwohl blendender Laune war, wie zahlreiche trockene Sprüche verrieten.

Sven Giegold und Robert Habeck freuen sich über das gute Wahlergebnis.
Bild: dpa

Die Grünen sind überzeugt: "Der Klimaschutz wurde gewählt."

Der Parteivorsitzende und der Spitzenkandidat der Grünen haben vor allem eine Erklärung für ihr historisches Wahlergebnis parat: "Der Klimaschutz wurde gewählt." Das Thema wurde bei der Europawahl von 48 Prozent der Wähler als das wichtigste erachtet. Und es wird immer noch vor allem mit der Partei verbunden, die den Umweltschutz quasi im Namen trägt und seit ihrer Gründung vor fast 40 Jahren gerne als Öko-Partei bezeichnet wird. Es gab Zeiten, in denen diese Verengung auf ein Thema die Grünen eher genervt hat. Diesmal hat das Öko-Image maßgeblich dazu beigetragen, dass die Wähler die Grünen über die 20-Prozent-Marke katapultiert haben. 

Entsprechend offensiv forderte Gigold von der Bundesregierung "einen ambitionierten Vorschlag" für eine "Wende in der Europapolitik". Mit Blick auf die zu erwartenden Machtspiele in den kommenden Tagen in Brüssel und die Besetzung der europäischen Spitzenposten appellierte Giegold an die großen europäischen Parteien, auf des Volkes Stimme zu hören und die Personalentscheidungen nicht unter den Staats- und Regierungschefs auszumachen. Der grüne Spitzenkandidat ließ offen, ob seine Partei den EVP-Mann Manfred Weber (CSU) oder einen anderen Spitzenkandidaten unterstützen wird. Es sei jetzt überhaupt nicht die Zeit, um über Personalfragen zu reden, wiegelte er ab.

Grüne triumphieren bei Europawahl: Habeck bemüht sich, den Überschwang zu bremsen

Robert Habeck bemühte sich demonstrativ, den Überschwang etwas zu bremsen. Die Ergebnisse in Bremen und Brüssel hätten "alle unsere Erwartungen" übertroffen, gab der Grünen-Chef zu, betonte aber sofort: "Das Ergebnis macht uns auch ganz schön demütig." Die Resultate seien "ein ganz schöner Vertrauensvorschuss". Seine Partei habe "keine Angst vor guten Wahlergebnissen", versicherte der Grünen-Chef, aber man habe natürlich große Hoffnungen geweckt. "Alle wissen, dass wir liefern müssen." Die Frage, ob die Grünen bei der nächsten Bundestagswahl einen Kanzlerkandidaten benennen müssten, wollte Habeck nicht beantworten. Die Grünen sehen sich auch mit 20 Prozent noch am liebsten in der Rolle des Underdogs, der sich gegen vermeintlich Stärkere behaupten muss.

Die Europawahl ist nicht der einzige Erfolg der Grünen an diesem denkwürdigen Wahlabend. Auch bei den Kommunalwahlen haben sie einige Überraschungserfolge erzielt.

Geht die Erfolgsserie nun bei den Landtagswahlen im Osten weiter? Es wäre "ganz schon viel", wenn man von seiner Partei erwarten würde, dass sie eine Trendumkehr im Osten schaffen könnte, sagte Habeck mit Blick auf das starke Abschneiden der AfD in Sachsen und Brandenburg.

Grüne-Spitzenkandidat Giegold spricht von Schlangen und "Kampfkaninchen"

Giegold warnte davor, dass sich die etablierten Parteien im Angesicht der AfD verhalten wie das Kaninchen vor der Schlange. Solch eine Haltung sei für das Kaninchen nicht gut, meinte Giegold und leitete damit ein paar heitere Minuten ein. Habeck konterte schmunzelnd mit dem Hinweis, dass sei vielleicht anders, wenn es sich um ein "Kampfkaninchen" handele, was wiederum Giegold zustimmend zur Kenntnis nahm: "Ich bin mal von einem Kaninchen gebissen worden, das ist ziemlich unangenehm." Ein Dialog, der zeigte, wie leicht es den Grünen gerade ums Herz ist. Schwebezustand eben.

In unserem Podcast "Bayern-Versteher" analysieren wir die Wahl – und sprechen unter anderem über die bröckelnde Macht der Volksparteien. Hier können Sie reinhören:

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