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Terror

02.11.2020

Islamistische Anschläge: Warum immer wieder Frankreich?

In zahlreichen islamischen Ländern wie hier in Pakistan ist Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zur Zielscheibe des Protests geworden.
Foto: K.M.Cuadary, dpa

Kein europäisches Land wurde in den vergangenen Jahren so oft Schauplatz von Terrorakten. Das ist kein Zufall, sondern hat mit den politischen Prinzipien zu tun

Eine Minute Schweigen für Samuel Paty. Der Schulbeginn nach den Herbstferien begann in Frankreich gestern mit einem Gedenken an den Lehrer, der vor zweieinhalb Wochen von einem Islamisten angegriffen und enthauptet wurde, nachdem er im Unterricht Karikaturen des Propheten Mohammed aus dem Satiremagazin Charlie Hebdo gezeigt hatte.

"Wir werden nicht akzeptieren, dass die Schweigeminute nicht respektiert wird", hatte Bildungsminister Jean-Michel Blanquer vorab gewarnt. Denn nach den Anschlägen gegen Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt im Januar 2015 hatten muslimische Schüler das Gedenken an die Opfer verweigert.

Dieses Mal blieb es ruhig, doch die große Nervosität im Vorfeld zeigte, wie heikel das Thema ist. Zumal am vergangenen Donnerstag erneut drei Menschen bei einer islamistischen Terror-Attacke in einer katholischen Kirche in Nizza getötet wurden.

Terror in Frankreich: Drei Anschläge innerhalb von wenigen Wochen

Der Täter, ein 21-jähriger Tunesier, war erst im Herbst über die italienische Insel Lampedusa nach Europa eingereist und hatte sich höchstens seit ein paar Tagen in Frankreich aufgehalten. Ende September verletzte ein 25-jähriger Mann aus Pakistan vor dem ehemaligen Gebäude von Charlie Hebdo zwei Menschen mit einem Fleischerbeil schwer; zum Auftakt des Prozesses um die Anschläge von 2015 hatte die Satirezeitschrift erneut Mohammed-Karikaturen abgedruckt.

Drei Anschläge hat Frankreich innerhalb von wenigen Wochen erlebt. "Einmal mehr wurde unser Land von einer islamistischen Terror-Attacke getroffen", sagte Präsident Emmanuel Macron am Donnerstag in Nizza. "Aber wir werden nicht weichen."

Die Anzahl der Soldaten der Antiterror-Operation "Sentinelle" werde zur Überwachung von religiösen Stätten und Schulen von 3000 auf 7000 erhöht, der Kampf gegen Hassprediger und islamistische Propaganda im Internet verschärft. Seit 2015 sind insgesamt 270 Menschen in Frankreich bei islamistischen Attentaten getötet worden. Während diese in den meisten Fällen von Männern mit französischer Staatsbürgerschaft verübt wurden, von denen mehr als 8000 derzeit wegen Radikalisierung unter Beobachtung stehen, handelte es sich bei den Tätern der letzten drei Anschläge um Ausländer.

Emmanuel Macron (M, link), Präsident von Frankreich, und Christian Estrosi (M, rechts), Bürgermeister von Nizza, treffen sich nach der Messerattacke in der Kirche Notre-Dame.
Foto: Eric Gaillard, dpa

Die jüngste Welle geht wohl auf die Mohammed-Karikaturen in Charlie Hebdo zurück

Dem Experten für Terrorismus am Französischen Institut für internationale Beziehungen, Marc Hecker, zufolge nennen Terrororganisationen wie Al Kaida und der selbst ernannte Islamische Staat (IS) Frankreich explizit als Zielscheibe, denn es befinde sich laut deren Propaganda in einem "Krieg gegen den Islam": Im Inneren äußere sich dieser "Krieg" durch die gesetzlich verankerte Laizität, also die Trennung von Staat und Religion, die "in der dschihadistischen Propaganda wie eine institutionalisierte Islamophobie dargestellt wird", und im Äußeren durch die diplomatischen und militärischen Aktivitäten Frankreichs in muslimischen Ländern von Mali über Libyen bis Syrien.

Zuletzt empörte Macron viele Menschen in einigen muslimisch geprägten Ländern, indem er während der Trauerfeier für Paty bekräftigte, Frankreich werde nicht auf die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen verzichten.

Die "Strategie der tausend Nadelstiche" des IS bestehe laut Terror-Experte Marc Hecker in einer Logik, dass viele kleine Attacken die Gesellschaften der "feindlichen Länder" auszehre. Man wolle eine Reaktion der Behörden wie auch Gegenangriffe gegen Muslime oder deren Glaubensstätten provozieren, um eine Eskalationsspirale zu erreichen. Terrorakte, so der Experte, werden oft in Wellen verübt, auch aus Nachahmung und gefördert durch die sozialen Netzwerke. Die jüngste Welle gehe wohl auf die Mohammed-Karikaturen in Charlie Hebdo zurück.

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