Viele Menschen haben Angela Merkel in vielen (Amts)Jahren vieles vorgeworfen. Die Neigung zu Orgien gehörte bislang nicht dazu. Im Gegenteil: Ein ewiger Vorwurf an die ewige Kanzlerin lautete ja, sie stehe für nichtssagende statt nachhaltiger Rhetorik. Deswegen ist Merkels wuchtige Warnung vor „Öffnungsdiskussionsorgien“ in Corona-Zeiten so bemerkenswert. Sie ist nur vergleichbar mit ihrem „Wir schaffen das“ während der Flüchtlingskrise.
Merkel zeigt in der Corona-Krise Gefühl
Beides verriet Gefühl. Damals wollte Merkel Zweifel am Erfolg ihrer humanitären Entscheidung wegwischen. Nun möchte sie den Eindruck kontern, in der Corona-Krise liege das Schlimmste schon hinter uns. Beide Anliegen waren und sind ehrenwert. Doch beide stoßen an Grenzen, weil sie – fast wie die Basta-Machtworte ihres Vorgängers Schröder - ein Ende von Debatten verordnen wollen.
"Wir schaffen das" wurde zur Belastung
In der Flüchtlingskrise wurde „Wir schaffen das“ zur Belastung, Merkel sagte schließlich, den Satz so nicht mehr zu verwenden. In der Corona-Krise verkennt der Orgien-Vergleich zweierlei. Die Debatte ist nicht entgleist, sie wird ziemlich vernünftig geführt. Und die Menschen debattieren, weil sie Angst vor einer ungewissen Zukunft haben, die noch dazu für alle – auch für die Kanzlerin – ungewiss ist. So eine Debatte muss eine Demokratie aushalten, selbst in Zeiten von Corona.
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