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Porträt

08.03.2018

Sigmar Gabriel - der Populärste in der SPD geht von Bord

Außenminister Sigmar Gabriel bei einer Auslandsreise nach Moskau im vergangenen Jahr: Auch als Chefdiplomat ging er keiner Auseinandersetzung und keinem Konflikt aus dem Weg.
Bild: Kay Nietfeld, dpa-Archiv

Ende einer bewegten politischen Karriere: Sigmar Gabriel kämpfte bis zuletzt um das Amt, in dem er die Bestimmung gefunden hatte. Doch am Ende stand er im Weg.

Zuhause, in seiner Heimatstadt Goslar am Rande des Harzes, bei seiner Frau Anke und den beiden Töchtern Marie und Saskia, schrumpfte er stets binnen Sekunden wieder auf Normalmaß.

Aus dem Außenminister und Chef-Diplomaten der Republik wurde der Ehemann und Familienvater Sigmar Gabriel. Der sich nicht mehr mit den Krisen dieser Welt, sondern mit dem aufgeschlagenen Knie der Tochter oder den Erlebnissen beim Schwimmkurs beschäftigen musste.

Sigmar Gabriel kehrt der Bundesregierung unfreiwillig den Rücken

Und Ehefrau Anke, die eine Zahnarztpraxis leitet, lästerte gerne über die Aufgeblasenheit des Berliner Politikbetriebs, nannte ihn „Herrn Wichtig“ und zog ihn beim Abendessen mit der Frage auf, ob er denn an diesem Tag mal wieder die Welt gerettet habe. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte Gabriel schon lange seinen Rückzug aus der Bundesregierung ankündigen können.

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Doch Gabriel kämpfte um sein Amt, das ihm in seiner nur gut einjährigen Amtszeit geradezu ans Herz gewachsen war. Als Außenminister war er regelrecht aufgeblüht. Er sprühte vor Ehrgeiz, Selbstbewusstsein und Leidenschaft und fand sichtlich Gefallen daran, die Interessen Deutschlands gegenüber den Großen, Wichtigen und Mächtigen der Welt zu vertreten.

Den Konflikt scheute er nicht, keiner Auseinandersetzung ging er aus dem Weg. Und er hatte auch Erfolge: Ende Februar gelang ihm die Freilassung des in türkischer Haft sitzenden Journalisten Deniz Yücel. Als Außenminister erfuhr Gabriel auch jene Anerkennung und Bestätigung, die er immer gesucht, aber bis dahin nie erhalten hatte. Er wurde zu einem der beliebtesten Politiker Deutschlands. Was er sichtlich genoss.

Gerne hätte er auch der neuen Regierung angehört, die am kommenden Mittwoch nach der Wahl der Bundeskanzlerin im Bundestag vereidigt wird. Bis zuletzt mobilisierte er seine Anhänger und Befürworter, die bei Interimsparteichef Olaf Scholz und Fraktionschefin Andrea Nahles ein gutes Wort für ihn einlegten. Vergebens. Am Donnerstagmorgen erfuhr Gabriel von beiden, dass er in ihren Plänen keine Rolle spielt und der neuen Bundesregierung nicht angehören wird.

Unmittelbar darauf informierte Gabriel über Twitter die Öffentlichkeit und kam so der schlimmstmöglichen Demütigung, dem Rausschmiss durch seine frühere Generalsekretärin Nahles, zuvor.

Gabriel ist Vollblutpolitiker, aber sprunghaft und unberechenbar

Spät erst hatte der 58-jährige Gabriel den Mut aufgebracht, über seine schwierige Kindheit zu reden. Der Vater war ein Nazi, der bis zuletzt an seinen Überzeugungen festhielt, gegen seinen Willen musste der kleine Sigmar bis zum zehnten Lebensjahr bei ihm bleiben, ehe seine Mutter das Sorgerecht erhielt, wo er unter ärmlichen Verhältnissen aufwuchs. Beim SPD-nahen Jugendverband „Die Falken“ fand er Anerkennung im Kreise Gleichgesinnter. Schon als 18-Jähriger trat er in die SPD ein, wo er rasch Karriere machte. Mit 31 Jahren wurde er in den niedersächsischen Landtag gewählt, zwei Mal war er Fraktionschef, 1999 wurde er Ministerpräsident von Niedersachsen, verlor aber 2003 gegen seinen CDU-Herausforderer Christian Wulff.

Gabriel wurde mit dem Posten eines Pop-Beauftragten der SPD abgefunden, was ihm den Spitznamen „Siggi-Pop“ einbrachte. 2005 zog er in den Bundestag ein und wurde sofort Umweltminister in der Großen Koalition. Nach der schweren Wahlniederlage 2009 übernahm er das Amt des SPD-Chefs. 2013 führte er die SPD zurück in die Große Koalition. Bei einer Urwahl stimmten mehr als drei Viertel aller SPD-Mitglieder für eine Regierungsbeteiligung. Gabriel selber übernahm das Amt des Wirtschafts- und Energieministers.

Gegen den anfänglichen Widerstand der Union gelang es dem SPD-Chef, Außenminister Frank-Walter Steinmeier als gemeinsamen Kandidaten der Großen Koalition für das Amt des Bundespräsidenten durchzusetzen. Nach Steinmeiers Wahl vor einem Jahr wechselte Gabriel ins Auswärtige Amt. Zuvor, Ende Januar 2017, war er selber vom Amt des Parteichefs zurückgetreten und hatte den Weg für Martin Schulz als Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten frei gemacht.

Gabriel ist ein Vollblutpolitiker durch und durch, ein Mann voller Energie und Tatendrang, ein begnadeter Redner mit einem feinen Gespür für die Stimmung und Gefühle der Menschen. Die Kehrseite der Medaille: Er ist sprunghaft und unberechenbar. Er neigte zu Alleingängen, hüpfte wahllos von Thema zu Thema und hatte sein Temperament nicht immer im Griff. Seine Mitarbeiter können ein Lied davon singen. Das Verhältnis zu seiner einstigen Generalsekretärin Andrea Nahles, nun die starke Frau der SPD, ist seit dieser Zeit zerrüttet.

So führte Gabriel seinen Abgang selbst herbei

Systematische Programmarbeit war nie Gabriels Sache. Das Willy-Brandt-Haus führte zu seiner Zeit ein Eigenleben und war am Ende im vergangenen Jahr auf einen auf Martin Schulz zugeschnittenen Wahlkampf nicht vorbereitet. Und auch im Wahlkampf konnte Gabriel sich nicht zurückhalten, sondern fuhr seinem Nachfolger immer wieder mit unabgesprochenen Alleingängen in die Parade.

Als Gabriel zu Jahresbeginn seiner Verbitterung freien Lauf ließ, sich abfällig über Schulz äußerte und dabei seine Tochter instrumentalisierte, brachte dies das Fass endgültig zum Überlaufen. Auch viele seiner letzten Getreuen wandten sich enttäuscht von ihm ab. Gabriels Zeit war abgelaufen. Zumal Nahles öffentlich ankündigte, dass es vor allem auf die Teamfähigkeit der Kandidaten für einen Kabinettsposten ankomme. Das war eindeutig gegen Gabriel gerichtet.

Es sei ihm nie um den Dienstwagen, den roten Teppich oder die anderen Insignien der Macht gegangen, bekannte Gabriel kurz nach der Bundestagswahl. Sondern ums direkte Gestalten. „In der Opposition kommentiert man Politik nur. Ich war immer verliebt ins Machen.“

Damit ist es nun vorbei. Auch wenn er einfacher Bundestagsabgeordneter bleiben will. Nun hat er einen Lehrauftrag an der Universität Bonn angenommen.

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