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Ukraine-Konflikt
18.07.2019

Wie Marina Kocherga zum Flüchtling im eigenen Land wurde

Marina Kocherga ist Binnenflüchtling, sie musste ihre Heimatstadt Donezk verlassen. Dort herrscht Krieg.
Foto: Thomas Imo/photothek.net/GIZ

Wer wissen will, ob der Krieg im Osten der Ukraine eigentlich noch jemanden zu interessieren braucht, der muss nur in die Augen von Marina Kocherga schauen.

Wer wissen will, ob der Krieg im Osten der Ukraine eigentlich noch jemanden zu interessieren braucht, der muss nur in die Augen von Marina Kocherga schauen. Schön sind sie und blau wie das Meer. Doch selbst wenn die 43-Jährige ihrem Mund ein feines Lächeln abringt, die Traurigkeit aus ihrem Blick will einfach nicht weichen.

Marinas Welt ist, man kann es nicht anders sagen, aus den Fugen geraten. Sie ist eine Vertriebene im eigenen Land, eine von zwei Millionen Binnenflüchtlingen in der Ukraine. Ein Kriegsopfer.

Straßenszene aus Mariupol. Die 460000-Einwohner-Stadt war eines der wichtigsten Industriezentren der Ukraine. Durch den Krieg mit Russland ist die Lage dort angespannt.
Foto: Thomas Imo, photothek.net, GIZ

Vier Jahre ist es her, seit sie Donezk verlassen hat. Ihre Heimatstadt liegt im Donbass und damit inmitten der selbsternannten Volksrepublik, mit blutiger Waffengewalt erobert von prorussischen Separatisten. Bis heute ist Donezk Kampfzone. „Die Situation war zu gefährlich, wir haben das nicht mehr ausgehalten“, erzählt die Frau.

Sie nestelt an ihrem silbernen Armband, fährt sich durch die blondierten Haare. Auch wenn die Schlagzeilen inzwischen von anderen Brennpunkten der Welt beherrscht werden: Die Ereignisse von damals packen die Menschen in der Ukraine noch heute wie in einem Klammergriff, der ihnen bisweilen die Luft zum Atmen raubt. Jetzt, vor der Parlamentswahl am Sonntag, ist die Spannung im Land besonders groß.

Die Krise zwischen der Ukraine und Russland entwickelte sich zum Krieg

Als sich die Krise zwischen der Ukraine und dem Nachbarn Russland im Jahr 2014 zuspitzte und vor den Augen der entsetzten Weltöffentlichkeit in einen Krieg verwandelte, dachte Marina Kocherga noch, das sei nur eine Phase. Die Notfalltasche stand zwar immer griffbereit, wenn sie mit ihrer Familie wieder einmal in den Keller stürzte, um sich vor den Luftangriffen und Artilleriegefechten zwischen den Regierungstruppen und den prorussischen Rebellen in Sicherheit zu bringen. Doch ihrem kleinen Sohn Semjon erzählte sie, der Lärm komme von einem Feuerwerk. Warum dem Kind auch unnötig Angst machen?

Dass der Kleine offenbar mehr mitbekam, als es die Eltern für möglich hielten, erfuhr sie erst später. Die Familie war mit ihrem Auto unterwegs, Steine knallten gegen den Unterboden. „Mama, wer schießt auf uns?“, fragte Semjon. Ein Satz wie ein Schlag in die Magengrube. Und für Marina der Beweis, dass die Flucht die richtige Entscheidung war. Gefallen ist sie am fünften Geburtstag des Jungen.

Mit Freunden feierten sie den Tag, lustig war er und unbeschwert. Wie Kindergeburtstage eben auf der ganzen Welt sein sollten. Da brach das Donnern der Gefechte erneut los. Familie und Freunde rannten in den Keller, sie selbst konnte ihre Tränen vor dem Kind endgültig nicht mehr zurückhalten. „,Mama, warum weinst du?‘, hat Semjon gefragt“, erinnert sich Marina und die Tränen fließen sofort wieder.

Kurz darauf packte sie mit ihrem Mann die Koffer und zog in die Küstenstadt Berdjansk, wo schon Freunde Unterschlupf gefunden hatten. Ihr Haus in Donezk steht seither leer, verkaufen will es die Familie nicht. Wer sollte es auch kaufen? Das Leben der verbliebenen Bewohner ist von bitterer Armut geprägt.

Noch immer lebt Marinas Mutter in Donezk - sie selbst hat es vor Jahren verlassen

Hin und wieder schaut ihr Mann nach dem Rechten und besucht die Mutter, die auf keinen Fall weg wollte aus der Stadt, die ja auch ihre ist. Doch der Weg in die Rebellengebiete ist mühsam. Stundenlang dauern die Kontrollen an den Übergängen der Checkpoints entlang der 400 Kilometer langen sogenannten Kontaktlinie, die doch nichts anderes als eine Grenze ist. Viele Häuser sind zerstört, bei anderen sind Fenster und Türen vernagelt. Wer fliehen konnte, ist geflohen.

Zurück blieben die Alten und die Putin-Anhänger. Etwa drei Millionen Menschen leben noch in dem einst dicht besiedelten Separatistengebiet. Die Bewohner sind im Alltag vollständig von Russland und Hilfsorganisationen abhängig. Gezahlt wird längst in Rubel. Und trotzdem: Wie so viele andere Flüchtlinge saßen auch die Kochergas noch lange gedanklich auf gepackten Koffern, wollten wieder zurück.

Der Hafen in Mariupol ist Teil des Konflikts, der Warenverkehr ist durch den Krieg deutlich eingeschränkt.
Foto: Evgeniy Maloletka

Inzwischen hat Marina den Wunsch begraben: „Ich fühle mich dort nicht mehr wohl.“ Die Leichtigkeit ihres früheren Lebens in Donezk ist verschwunden. „Nur Semjon fragt ab und zu noch, wann wir wieder nach Hause gehen“, erzählt die 43-Jährige. „Aber ich habe verstanden, dass ich hier weiterleben muss.“ Ob sie an ein Ende des Krieges glaubt? Marina schweigt. Dann schüttelt sie den Kopf. „Ich kann mir das nicht vorstellen.“

Im Gegensatz zu vielen anderen Flüchtlingen ist Marina Kocherga nicht auf staatliche Hilfe angewiesen. Sie hat sich einen kleinen Schönheitssalon, den „Malino Beauty Club“, aufgebaut, organisiert Modenschauen. Ihr Mann leitet ein Transportunternehmen. „Aber egal, welchen Wohlstand wir haben – wir wissen, wie es ist, ganz unten zu sein“, erzählt die Frau. Denn bei allem Verständnis, das die Ukrainer für die Binnenflüchtlinge haben – das Wissen, dass der ohnehin mickrige Kuchen jetzt in noch mehr Stücke geteilt werden muss, erzeugt Frust und Wut.

Zu den 100.000 Einwohnern von Berdjansk kamen im Laufe der Jahre 10000 Flüchtlinge. Die Schule des kleinen Semjon besuchen zusätzlich zu den 630 regulären Schülern nun auch 83 Flüchtlingskinder. Das bringt das ohnehin schon fragile soziale System der Ukraine an seine Grenzen. Auf den Schulbänken wird es enger, der Arbeitsmarkt ist umkämpft, genau wie der Wohnungsmarkt in den Städten.

Mehr als einmal wurden die Reifen von Marinas Auto zerstochen, die Nachbarn warfen ihr schräge Blicke zu, auch die Behörden gängeln die Zuzügler aus dem Osten nur zu gern. „Vieles war sehr beleidigend für uns“, sagt Kocherga. So weit der Krieg auch entfernt sein mag, er bleibt stets gegenwärtig.

Der Krieg im Osten: Die Ukraine gehört zu den ärmsten Ländern Europas

Mit Mitteln aus dem Topf der Entwicklungshilfe versucht die deutsche Regierung, das ukrainische System zumindest zu stabilisieren. Allein die deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ), die die Entwicklungshilfeprojekte für die Bundesregierung umsetzt, ist mit 350 Mitarbeitern vor Ort – siebenmal mehr als vor 2014.

Nach dem Ausbruch des Krieges wurde auch die Entwicklungshilfe quasi über Nacht praktisch verfünffacht. Im Jahr 2013 lag die Zusage für deutsche Entwicklungsgelder noch bei 21,5 Millionen Euro – 2014 waren es schon 81,3 Millionen und 2015 sogar 172 Millionen Euro. Die maroden Schulen werden saniert, Krankenhäuser modernisiert, es gibt Geld für Nichtregierungsorganisationen und Minenräumdienste. Mit einem massiven Schulterschluss der internationalen Geldgeber soll das Land vor weiteren Krisen bewahrt und politisch gefestigt werden.

Weltbank, EU, IWF –– es fließen Milliardensummen. Denn allen ist bewusst: Die Ukraine hat zwar die ausgestreckte Hand des Westens angenommen und die Brücken in Richtung des Nachbarn Russland abgebrochen. Doch die Europa-Begeisterung könnte schnell kippen, wenn die Fortschritte ausbleiben. Und tatsächlich lässt das Wirtschaftswunder auf sich warten. Die Ex-Sowjetrepublik gehört zu den ärmsten Ländern in Europa. Der größte Exportschlager des Landes sind billige Arbeitskräfte, die ihr Glück in der EU suchen – und zu Hause fehlen.

Und als ob das nicht alles schon genug wäre, klafft im Osten des Landes eben jene schmerzende Wunde des Krieges. Seit der Unterzeichnung der Minsker Friedensvereinbarung wurde nicht mehr als eine Dämpfung der Kampfhandlungen erreicht. Noch immer gibt es heftige Gefechte zwischen ukrainischen Regierungssoldaten und prorussischen Separatisten.

Beide Kriegsparteien verstoßen beinahe täglich gegen die vereinbarte Feuerpause – mit Handfeuerwaffen, Mörsern und teils schwerer Artillerie. Minenfelder bilden für Anwohner eine Gefahr. Mehr als 13.000 Menschen sind nach UN-Angaben bei den Kämpfen gestorben, Zehntausende wurden verletzt.

Ukraine Präsident Wolodymyr Selenskyj braucht dringend Reformerfolge

Vieles ist im Umbruch, noch mehr in der Schwebe. Der erst im Frühjahr ins Amt gewählte Präsident Wolodymyr Selenskyj braucht Reformerfolge. Dringend. Was von diesem Präsidenten, einem ehemaligen Schauspieler, konkret zu erwarten ist, kann indes kaum einer in der Ukraine beantworten. Doch so sehr Selenskyj im Westen als Politik-Clown verspottet wird – im Osten sind die Hoffnungen, die in ihn gesetzt werden, gigantisch.

Er ist so etwas wie ein politisches Experiment. Ausgerechnet in dieser schwierigen Umbruchsituation hält ein Politikneuling das Ruder. Doch Selenskyj ist eben auch einer, der vielen unbelastet scheint von all den korrupten Verwicklungen der etablierten Politiker, derer die Ukrainer so müde sind. Fest steht bislang nur eines: Er will das Land umkrempeln, keinen Stein auf dem anderen lassen, der Revolution des Volkes soll eine Revolution der Politik folgen.

Das Parlament hat er aufgelöst, an diesem Sonntag wird neu gewählt. Dieser Schritt zeugt von einem sehr klaren Machtbewusstsein: Erst wenn seine junge Partei auch in die Volksvertretung einzieht, hat Selenskyj eine eigene breite Basis, erst dann können aus seinen Worten auch Taten werden. In den Umfragen liegt seine Partei „Diener des Volkes“ meilenweit vorn.

Wahrscheinlich ist es der Pragmatismus, den viele Wähler nach den zum Nationalismus und zu übersteigertem Patriotismus neigenden Poroschenko-Jahren herbeisehnen. Sogar mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin will er verhandeln. Ein weiterer Baustein seiner Strategie klingt naiv, ist aber gelebte Politik: „Wir müssen die Bewohner der besetzten Gebiete vor allem überzeugen, dass es in der Ukraine besser ist“, sagte Wolodymyr Selenskyi kürzlich in einem Interview.

Sergiy Orlov ist stellvertretender Bürgermeister von Mariupol. Sein Ziel: eine moderne Ukraine.
Foto: Thomas Imo, photothek.net, GIZ
 

Mariupol. Die Stadt liegt 80 Kilometer, drei Armee-Checkpoints und gefühlt eine Million Schlaglöcher von Berdjansk entfernt. Auf den Straßen fahren alte Ladas und billige Import-Schüsseln aus Asien. Sergiy Orlov ist einer, wie ihn sich Präsident Selenskyi nur wünschen kann. 40 Jahre, geboren in Mariupol, Studium in Polen, Wirtschaftsexperte, ohne Parteizugehörigkeit, seit 2015 stellvertretender Bürgermeister der 460.000-Einwohner-Stadt. Mehr Manager als Politiker.

„Natürlich berührt dieser Krieg die Menschen, aber sie haben keine Angst mehr“, versichert Orlov und zieht eine Mappe aus seiner Tasche. „Smart, strong, inspiring“ – „smart, stark, inspirierend“ – steht dort in dicken Buchstaben. So stellt er sich das Mariupol der Zukunft vor. Ein Spruch wie aus einem billigen Lebensratgeber.

Doch für den Vize-Bürgermeister bringen diese drei Worte vor allem den Kontrast zum tristen Rebellengebiet auf den Punkt. Die bessere Ukraine aufbauen, darin ist sich Orlov mit Selenskyi einig. Ob das Konzept schon wirkt? Sergiy Orlov zuckt mit den Schultern. Die russische Propagandamaschine in den selbst ernannten „Volksrepubliken“ läuft auf Hochtouren. „Ich sehe dort ,russia today‘, aber nicht ,ukraine tomorrow‘“, sagt er.

20 Kilometer von Mariupol entfernt wird noch immer scharf geschossen

Mariupol ist Frontstadt. Bis in die Wohngebiete im Osten war der Krieg vorgedrungen. Heute ist die Sehnsucht nach Normalität mit den Händen zu greifen. Die Straßen sind belebt, neue Cafés haben eröffnet, Kinder toben im Springbrunnen vor dem imposanten Theater. „Unsere Stadt lebt weiter“, sagt der Politneuling und zählt auf, was er schon alles gemacht hat: die Stadtverwaltung verschlankt, Verwaltungsebenen reduziert, einen kommunalen Betrieb zur Stadtreinigung gegründet, den öffentlichen Nahverkehr modernisiert.

Auch eine Umfrage hat er anfertigen lassen, die besagt, dass sich die Bürger mehr Sorgen wegen der Luftverschmutzung als um ihre eigene Sicherheit machen. Da entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet Rinat Achmetow, der reichste Mann der Ukraine und Stahlwerke-Oligarch, nicht nur die Stadt tagein, tagaus in eine Rauchwolke hüllt, sondern auch in der Lokalpolitik ganz oben mitmischt.

Kinder spielen in einem Springbrunnen. Die Sehnsucht nach Normalität ist in Mariupol mit den Händen zu greifen.
Foto: Thomas Imo/photothek.net

Doch die Sache mit der Luftverschmutzung ist sowieso nur ein Teil der Wahrheit. Der andere ist: 20 Kilometer von Mariupol entfernt wird noch immer scharf geschossen. Und der Aggressor Russland hat die Wirtschaft der Industriestadt mitten ins Herz getroffen. Die Märkte des Nachbarn sind von einem Tag auf den anderen unerreichbar, der einst so wichtige Hafen leidet unter der Seeblockade. Seit Moskau eine Brücke vom russischen Festland auf die Krim gebaut hat, können große Schiffe die Stadt am Asowschen Meer nicht mehr anlaufen – sie passen schlicht nicht mehr unten durch. Es ist ein Teil der hybriden Kriegsführung.

Die Folgen ließen in Mariupol nicht lange auf sich warten. Ein Maschinenbauer, der vor dem Krieg 30000 Menschen eine Arbeit gab, beschäftigt inzwischen nur noch 2800 Angestellte. Im Hafen werden statt 16 Millionen Tonnen nur noch sechs Millionen Tonnen Waren umgeschlagen. „Alles, was uns bleibt, ist Gott zu bitten, dass die Brücke irgendwann vielleicht doch noch höher wird“, sagt Sergiy Orlov. Und wenn Gott zu lange braucht, dann muss eben Präsident Wolodymyr Selenskyi ran. „Er hat versprochen, dass er sich darum kümmert.“

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