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Interview

04.12.2020

Virologin Protzer: "Wir müssen uns auf einen harten Winter vorbereiten"

Ulrike Protzer ist Virologin an der TU München. Sie appelliert an die Eigenverantwortung der Menschen in der Corona-Krise
Bild: Sven Hoppe, dpa

Die renommierte Virologin Ulrike Protzer glaubt, dass der Impfstoff unser Leben zwar deutlich erleichtern wird. Doch verschwinden wird das Coronavirus so schnell nicht.

Frau Protzer, die Zahl der Corona-Neuinfektionen geht nur minimal zurück – trotz des „Lockdowns light“. Machen wir zu wenig im Kampf gegen das Virus?

Ulrike Protzer: Man sieht schon, dass sich die Zahlen stabilisiert haben. Das heißt, der „Lockdown light“ hat auf jeden Fall eine Wirkung gezeigt, sonst wären die Zahlen sprunghaft weiter angestiegen. Den Anstieg haben wir also gestoppt. Aber das Ziel, die Infektionen deutlich zu reduzieren, um auch wieder lockern zu können, haben wir bei weitem noch nicht erreicht.

Woran liegt das? Ist die Politik nicht konsequent genug? Fehlt uns die Disziplin?

Protzer: Wir sind bei den Kontaktbeschränkungen auf die Mitarbeit jedes Einzelnen angewiesen. Ich weiß gar nicht ob das sein muss, dass der Staat alles verordnet. Wir müssen doch auch an die Eigenverantwortung der Menschen appellieren. Denn eigentlich wollen wir doch alle keinen Staat, der uns alles vorschreibt. Gerade jetzt kann und muss es sich zeigen, inwieweit Eigenverantwortung von jedem Einzelnen übernommen wird – und zwar nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere. Nämlich für jene in unserer Gesellschaft, die gefährdet sind.

Eigentlich wissen wir ja auch alle, was zu tun ist…

Protzer: Genau, wir haben alle gelernt, was zu tun ist. Natürlich sagen viele, dass Corona sie selbst nicht betrifft. Aber es hilft eben, daran zu denken, dass zum einen die eigenen Eltern oder Großeltern betroffen sein können, für die man auch Verantwortung trägt. Zum anderen haben niedrige Infektionszahlen die Folge, dass wir die Wirtschaft weniger einschränken müssen. Und davon hängen unsere Arbeitsplätze, aber auch die der jungen Leute ab. Jeder Einzelne trägt also auch eine Verantwortung für das gesamte System.

 

Hätten wir uns stärker auf diese zweite Welle, die wir gerade erleben, vorbereiten können und müssen?

Protzer: Man wusste zumindest, dass eine zweite Welle kommen würde. Wir haben den Sommer sehr gut gemanagt in Deutschland, deshalb haben viele nicht richtig wahrhaben wollen, dass eine zweite Welle kommen würde. Das ist die Krux der Prävention: Wenn sie gut funktioniert, sieht man das, wovor man schützen will, nicht mehr. Deshalb ist es dann auch schwerer für alle zu verstehen, dass wir uns an bestimmte Regeln halten müssen. Dafür gibt es viele Beispiele. Beim Klimaschutz ist das ja das Gleiche wie mit Viren: Man sieht sie nicht und wenn die Bekämpfung erfolgreich ist, sind die Folgen geringer und die Menschen glauben, man müsse sich gar nicht so sehr anstrengen. Aber die zweite Corona-Welle hat uns gezeigt, dass das eine Fehleinschätzung ist. Wir müssen uns leider doch anstrengen.

Die Politik fährt derzeit mit ihren Corona-Maßnahmen auf Sicht. Wie lange werden wir mit diesen Einschränkungen noch leben müssen?

Protzer: Wir müssen uns auf einen wirklich harten Winter vorbereiten. Auch wenn wir jetzt um Weihnachten herum Lockerungen haben, wird im Januar und Februar noch mal eine schwere Zeit kommen. Ich sehe erst ab Mitte März eine Entspannung. Dann wird sich das Wetter wieder ändern, die Tage werden länger, wir werden wieder mehr UV-Licht abbekommen und wir wissen, dass dadurch alle Atemwegsinfekte zurückgehen. Außerdem werden wir es bis dahin schaffen, zumindest einen Teil der Bevölkerung zu impfen – wenn alles gut geht. Den Sommer müssen wir dann nutzen und die Impf-Aktivitäten verstärken, damit wir gut vorbereitet in den nächsten Herbst gehen. Aber noch einmal: Wir müssen uns darauf einstellen, dass bis März noch heftige Monate vor uns liegen.

Wird die Zahl der Neuinfektionen nach den Weihnachtstagen wieder stark steigen?

Protzer: Das hängt sehr viel vom Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen ab. Wir müssen versuchen, die Kontakte auf einen fixen Kreis zu beschränken. Risiken wie größere Menschenansammlungen gilt es zu meiden.

Ziel ist es den Inzidenzwert auf unter 50 zu drücken – der Weg erscheint fast unerreichbar. Die Stadt Augsburg bewegt sich seit Wochen auf einem Niveau nahe der 300er-Grenze.

Protzer: Ich hoffe sehr stark, dass es uns gelingt, den Inzidenzwert von 50 zu erreichen – schon das ist ja ein hoher Wert. Im August haben wir gesagt, wenn wir einen Inzidenzwert von 50 haben, verlieren unsere Gesundheitsämter die Kontrolle. Und genau das ist der Fall. Eine wirkliche Kontaktnachverfolgung und eine Kontrolle des Infektionsgeschehens wird man erst haben, wenn wir wieder unter 50 kommen. Das heißt aber noch lange nicht, dass dann die Pandemie weg ist und wir alles lockern können. Auch das muss man sich klar machen. Es ist nur eine Zwischenetappe.

Wie zuversichtlich stimmt Sie die Impfstoff-Entwicklung? Wir die Zulassung wirklich so einschneidend sein, wie wir uns das erhoffen?

Protzer: Ich bin sehr zuversichtlich, dass uns der Impfstoff helfen wird. Die Wirksamkeitsdaten dieses Impfstoffes sind erstaunlich gut. Damit haben selbst Fachleute nicht gerechnet. Wir haben auf eine Wirksamkeit von 60, vielleicht 70 Prozent getippt. Dass es jetzt 90 Prozent sind, ist sehr erfreulich, weil das heißt, dass wir deutlich schneller eine Herdenimmunität erreichen und damit das Infektionsgeschehen stoppen können. Ein wenig einschränkend muss ich aber sagen: Wir haben die Original-Daten der Impfstoffe alle noch nicht gesehen, wir kennen nur die Pressemitteilungen, auf der die Euphorie basiert.

 

Die Entwicklung des Impfstoffes ging erstaunlich schnell.

Protzer: Ich war auch erstaunt, weil ich dachte, dass wir erst im zweiten oder dritten Quartal des nächsten Jahres einen Impfstoff zur Verfügung haben werden. Dass es schneller gegangen ist, ist sehr, sehr erfreulich, weil es uns in der jetzigen Welle noch hilft.

Vielen Menschen macht gerade die Geschwindigkeit Sorge. Umfragen zeigen, dass sich zunächst nur eine Minderheit impfen lassen will.

Protzer: Ich glaube das ist sogar gut, wenn sich nicht alle sofort impfen lassen wollen. Denn das schaffen wir gar nicht. Wir müssen uns erst einmal beschränken auf die Menschen, die im Gesundheitsdienst tätig sind und die zu einer Risikogruppe gehören. Danach wird es überhaupt erst die Möglichkeit geben, dass sich andere Menschen impfen lassen können. Für alle, die jetzt noch ein wenig unsicher sind, gibt es also noch genug Zeit, zu überlegen.

Würden Sie sich denn selbst impfen lassen?

Protzer: Ja, ich würde mich impfen lassen.

Ohne Angst vor Nebenwirkungen?

Protzer: Natürlich würde ich mir gerne die Sicherheitsdaten der Impfstoffe anschauen sobald sie veröffentlicht sind. Aber wenn sie sich so bestätigen, wie sie nun angekündigt wurden, ist das Risiko, deutliche Folgen einer Coronavirus-Infektion zu haben, viel, viel höher als das Risiko einer Nebenwirkung bei der Impfung. Es geht mir aber in dem Fall auch gar nicht nur um mich selber, sondern etwa auch um meine Eltern. Ich möchte nicht daran schuld sein, dass die sich infizieren und dann auf die Intensivstation müssen. Das kann ich durch eine Impfung gut vermeiden.

 

Werden wir durch den Impfstoff Corona im kommenden Jahr schon besiegt haben?

Protzer: Wir werden das Coronavirus sicher nicht komplett besiegt haben, aber es wird sich dann eher wie eine zweite Grippewelle darstellen. Es wird also immer noch ein paar Infektionen geben, das lässt sich dann deutlich besser handhaben.

Muss es nicht unser Ziel sein, Corona wirklich auszurotten – so wie es bei anderen Krankheiten durch Impfstoffe auch gelungen ist?

Protzer: Es ist ganz schwierig eine Krankheit auszurotten, die ein Reservoir im Tierreich hat und von wo aus sie jederzeit wieder zurückkommen kann. Das ist bisher noch nie gelungen. Da sehe ich auch bei Covid-19 schwarz.

Dieses Coronavirus hat zumindest die Bevölkerung völlig kalt erwischt, kaum jemand hätte sich ein Jahr wie dieses vorstellen können. Wie war das für Sie als Wissenschaftlerin?

Protzer: Auch wir Fachleute haben die Relevanz des Virus unterschätzt, genauso wie die Möglichkeit, dass die Pandemie sich so schnell ausbreitet, dass ein Virus unser Leben je so stark beeinflusst. Damit hat keiner gerechnet. Das hat natürlich auch das Leben derer, die mit Viren professionell zu tun haben, extrem geändert. Auf uns als Wissenschaftler kamen zahlreiche Aufgaben zu, für die wir nicht wirklich ausgebildet sind. Das ist extrem zeitaufwendig und körperlich und mental sehr anstrengend – das muss man sicher zugeben.

Durch Corona wurden Wissenschaftler zu regelrechten Medienstars.

Protzer: Das ist zunächst eine sehr ungewohnte Rolle und auch nicht das, was ich mir auf Dauer wünsche. Wir wären wahrscheinlich alle froh, wenn wir wieder in Ruhe unserer wissenschaftlichen Arbeit nachgehen könnten und sich die Menschheit wieder auf andere Probleme fokussieren würde.

Ihr Kollege Christian Drosten von der Charité wurde für die einen zum Helden, für die anderen zum Feindbild. Haben Sie so etwas auch erlebt?

Protzer: Nicht ganz so extrem. Ich habe versucht, möglichst immer nur zu informieren und nah an den Daten zu bleiben. Ich denke, das ist auch die Aufgabe von uns Wissenschaftlern. Es ist nicht unsere Aufgabe, uns in Talkshows zu setzen, das ist etwas, was Politiker oder Interessenvertreter machen müssen. Wissenschaftler sollten Daten interpretieren und den Steuerzahler, der uns ja finanziert, informieren. Diesen Weg versuche ich einzuhalten.

Verstehen Sie, dass es ein gewisses Misstrauen gegenüber der Wissenschaft gibt?

Protzer: Man misstraut zunächst einmal allem, was man nicht sehen oder fühlen kann – das ist menschlich. Viren sind eine unsichtbare Gefahr, die über uns schwebt. Und man fühlt sie erst, wenn es schon zu spät ist. Vielleicht kann man das mit den UV-Strahlen vergleichen – die sieht man auch nicht. Und viele unterschätzen das Risiko, selbst wenn es einem jemand zehnmal erklärt. Aber da kann es jeder austesten: Wer zu lange in der Sonne liegt, bekommt einen Sonnenbrand – und wird an die Gefahr durch UV-Strahlen glauben. Corona kann nicht jeder erst mal austesten. Die Pandemie bewegt sich da vielleicht auf einer Ebene mit dem Klimawandel: Man muss wissenschaftlichen Experten glauben, wenn man wartet bis er da ist, ist es zu spät.

Was, glauben Sie, werden wir für die Zukunft lernen durch diese Zeit?

Protzer: Ich glaube, dass wir einiges aus dieser Krise mitnehmen. Solche Zeiten decken gnadenlos strukturelle Schwachpunkte auf. Dazu gehören etwa die Digitalisierung in den Schulen oder allgemeine Hygienemaßnahmen in den Alten- und Pflegeheimen. Vielleicht werden wir künftig auch, so wie die Asiaten, in den Wintermonaten immer mal unsere Maske in der Tasche haben. Gut möglich, dass das in den Köpfen der Menschen bleibt.

Die Maske scheint zumindest auch vor Erkältungen zu schützen.

Protzer: Das ist definitiv so. Ich schnappe sonst auch alle möglichen Erkältungen auf, war aber schon lange nicht mehr krank. Die Maske hilft. Und sie wird uns auch helfen, die Grippewelle deutlich abzuschwächen. Das hat man auf der Südhalbkugel gesehen: Länder wie Australien oder Neuseeland hatten durch die Hygienemaßnahmen eine ganz milde Grippewelle. Das hilft uns auch dann hoffentlich bei der Überbelegung der Krankenhäuser.

Was glauben Sie, wie werden wir Weihnachten 2021 feiern?

Protzer: Ich glaube und hoffe, dass wir Weihnachten 2021 wieder ganz normal feiern können. Ob wir das Oktoberfest 2021 wieder ganz normal feiern können, müssen wir hingegen sehen. Warten wir es ab, was uns die Impfung bringt.

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04.12.2020

Anscheinend bekommt mittlerweile jeder bei den Medien als "Corona-Fachmann" eine Plattform, darf rum faseln, Thesen raus posaunen, die Menschen wild machen und verunsichern ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden.

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04.12.2020

Gute wissenschaftliche Arbeit zeigt sich an differenzierten Betrachtungen und der Abwägung vieler verschiedener Alternativen. Dies ist hier nicht der Fall. Es ist eher sehr bedenklich mit welcher Leichtfertigkeit spekulative Thesen geäußert, publiziert und damit politische Entscheidungen geprägt werden.
So ist die Aussage, dass der Lockdown für das aktuelle Plateau inhaltlich keineswegs belegt. Oder denkt Frau Protzer tatsächlich, dass die Tatsache, dass Menschen z.B. im Freien nicht mehr mit 20 Meter Abstand Tennis spielen, die Anzahl an Neuinfektionen reduziert? Jeder analytisch interessierte Mensch weiß, dass eine Zahlenkorrelation noch keine Kausalität darstellt. Es ist befremdlich, dass diese einfache Anforderung an wissenschaftliches Arbeiten auch in diesem Fall vollkommen ignoriert wird und hierdurch ein verzerrtes Bild der Realität gezeichnet wird.
Frau Protzer sollte auch längst bekannt sein, dass neben Kontaktbeschränkungen auch weitere Einflussfaktoren bestehen - hierzu gibt es ausreichend seriöses Studienmaterial. Aber auch das scheint der Chance untergeordnet zu werden, mit markigen Worten heute im Rampenlicht stehen zu können. Als ehemals langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter ebenfalls der Technischen Universität München, kann ich bei dieser Ignoranz nur den Kopf schütteln.

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05.12.2020

"Frau Protzer sollte auch längst bekannt sein, dass neben Kontaktbeschränkungen auch weitere Einflussfaktoren bestehen"

Leider verzichten Sie darauf, wenigstens ein paar dieser "vielen verschiedenen Alternativen" zu Kontaktbeschränkungen, die durch politische Entscheidungen durchgesetzt werden und gesellschaftlich auf eine höhere Akzeptanz stoßen könnten, auch zu nennen.
Dass die Reaktion eines "ehemals langjährigen wissenschaftlichen Mitarbeiters der TU München" auf das Protzer-Interview sich auf ziemlich unverbindliche, substanzlose - abgesehen vom abgedroschenen Verweis auf's Tennisspielen - Kritik beschränkt, gibt auch zu Kopfschütteln Anlass.
Dass Frau Prof. Protzer mit dem Interview eine "wissenschaftliche Arbeit" abliefern wollte ist zu bezweifeln.

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06.12.2020

Der sachliche Zusammenhang zwischen dem Anfang November verhängten moderaten Lockdown und dem Stopp des exponentiellen Anstiegs, ist so offensichtlich, dass ein Zweifel daran einen nur den Kopf schütteln lässt. Das Verbot des Tennisspielens mag daran einen untergeordneten Anteil haben, aber solche Maßnahmen leben eben auch davon, dass sie möglichst einheitlich sind, um Klagen dagegen vorzubeugen.
Insgesamt hat mich Frau Protzer mit ihren Aussagen absolut überzeugt. Insbesondere Ihr Hinweis azf die Eigenverantwortlichkeit der Menschen kann gar nicht oft genug wiederholt werden. Wir selbst haben es in der Hand, ob die Politik uns bald wieder in die Freiheit entlassen kann oder ob die Maßnahmen nochmals verschärft werden müssen, niemand sonst. Das haben allzu viele offensichtlich immer noch nicht ansatzweise verstanden.

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