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Landkreis Donau-Ries

26.11.2019

Wie eine Sekte ein Geflecht aus Angst und Verschwörung schafft

Ein Blick auf die Webseite des Sektenführers von Ivo Sasek, dem Kopf der Organischen Christus Generation (OCG).
Bild: Ulrich Wagner

Plus In Mertingen produziert eine Christus-Gemeinde Inhalte für „Klagemauer-TV“. Dahinter steht eine Sekte. Eine Frau erzählt, wie schwierig es ist, dem zu entkommen.

Walter Lübcke, Jana L. und Kevin S. leben – noch. Es ist der 11. Mai 2019. Im Reichstagsgebäude schütteln sich rechte Meinungsmacher, Verschwörungstheoretiker und Identitäre die Hände. Die AfD-Fraktion veranstaltet „Die erste Konferenz der freien Medien“, mitten im Bundestag. Weder zugelassen noch gewollt sind Journalisten von Leitmedien. In der Einladung an das, was die AfD die „freien Medien“ nennt, heißt es, „ohne Ihre faire Berichterstattung wären wir nicht so erfolgreich“.

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Die rechten Köpfe netzwerken, multiplizieren ihr Gedankengut, frei und ungestört. Auch der Youtube-Kanal „Klagemauer-TV“ und die „Anti-Zensur-Koalition“ sind vertreten. Deren Spur führt über die Gemeinde Mertingen (Landkreis Donau-Ries) zur Organischen Christus-Generation – einer Sekte, die ihr Zentrum in der Schweiz hat.

Das Leben in der OCG bedeute Kontrolle, Misstrauen und Gehirnwäsche

Auf den Veranstaltungen der AZK trifft sich ähnliches Publikum wie auf der „Ersten Konferenz der freien Medien“. Da referiert dann schon mal Jürgen Elsässer vom Wahlkampforgan der AfD „Compact“ über Kosovo-Albaner, „die ein Stück des Deutschen Staates haben wollen“. Oder es spricht der Chef von Scientology in der Schweiz. Oder, im Jahr 2012, die Holocaustleugnerin Sylvia Stolz. Für ihren Auftritt wurde sie später zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

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Diese Geschichte erzählt von Verschwörungstheoretikern und rechten Meinungsmachern. Von einer Sekte, die dieses Gedankengut verbreitet. Von einer jungen Frau, die aus den Abgründen dieser Sekte herausgeschwommen ist. Und davon, wie die Sekte operiert – direkt vor unserer Haustür.

Abigail war vier Jahre alt, als sie ihre Kindheit verlor. Damals, als ihre Eltern sich der Organischen Christus Generation, kurz OCG, anschlossen. Zwar lebte das Mädchen nach wie vor zusammen mit ihren Eltern und Geschwistern in Nordrhein-Westfalen, Kontakt zur Außenwelt aber habe sie kaum gehabt, erzählt die junge Frau mit den blonden Haaren heute. Den Kindergarten durfte sie nicht besuchen, dort werde „der Teufel gelehrt“, habe ihr die Mutter erzählt. In der Schule war sie eine Außenseiterin.

Abigail hat den Ausstieg aus der christlich-fundamentalen Sekte Organische Christus Generation (OCG) geschafft.
Bild: David Young

Für Abigail schien die Gesellschaft um sie herum, wie es in der Sekte gelehrt wird: vom Teufel durchtrieben. Unserer Redaktion erzählt die heute 23-Jährige, das Leben in der OCG bedeute Kontrolle, Misstrauen und Gehirnwäsche. Der Mensch ist nichts wert, Gott und die Gemeinschaft sind alles. Die Sekte verstehe es, den freien Willen ihrer Mitglieder zu brechen. Als junges Mädchen tappte Abigail in diesem Umfeld herum – immer darauf bedacht, keinen falschen Schritt zu machen. Denn das hatte immer Konsequenzen.

Sekten-Experte Hugo Stamm: "Sekten machen Leute kaputt"

Hugo Stamm hat am Esstisch Platz genommen. Die großen Fenster zeigen das Panorama von Zürich. „Sekten machen Leute kaputt“, sagt der 70-Jährige in eindringlichem Ton. Der Journalist hat in seinem Leben mit vielen Sektenaussteigern gesprochen, hat viel darüber geschrieben. Er gehörte zu den ersten Reportern, die sich in den 80er Jahren intensiv mit Scientology auseinandersetzten. Losgelassen hat ihn das nie. Mit seinem Wissen entwickelte er sich zu einem Sektenexperten für die Schweiz. Zwangsläufig kam er da mit der OCG und ihrem Gründer Ivo Sasek in Berührung. Stamm sagt: „Sasek ist in seiner Welt der Auserwählte, der das christliche Werk vollenden muss. Er glaubt an diese Geschichte, weil er die entscheidende lebende Figur der Menschheit ist. Das ist das Sektenhaftige.“

Ivo Sasek, 63, Vater von elf Kindern, gelernter Automechaniker. Wohnort: Walzenhausen in der Schweiz mit Blick auf den Bodensee. In den 90er Jahren gründete er die christlich-fundamentale Gemeinschaft. Mit der Zeit kamen Onlineportale, Publikationen und Konferenzen hinzu. So steht Sasek hinter der „Anti-Zensur-Koalition“, einer Veranstaltungsreihe, die Verschwörungstheoretikern, Rechtsextremen und Holocaustleugnern eine Bühne bietet. Und er ist die treibende Kraft hinter der Nachrichtenplattform „Klagemauer-TV“.

In den vergangenen Jahrzehnten versammelte Sasek rund 3000 Anhänger hinter sich. Alle sind nach Informationen unserer Zeitung dazu angehalten, zehn Prozent ihres Gehalts abzugeben. So steht es in der Bibel. So fließt es bar in Umschlägen von Österreich und Deutschland in die Schweiz.

Auf „Klagemauer-TV“ geht es um „böse“ Mobilfunkstrahlen, um „Lügen“ über die Flüchtlingskrise

Abigail wurde früh eingetrichtert, dass ihr Leben bedeutungslos ist. Dass es nur um die Botschaft geht. Dass die Welt da draußen böse ist. Und es nur eine Wahrheit gibt: die der Sekte. Als Schülerin verbrachte sie ihre Nachmittage damit, CDs mit Reden von Ivo Sasek zu kopieren und Bücher mit seiner Lehre zusammenzustellen. Später half sie bei der Jugendversion von „Klagemauer TV“ mit. Vor der Kamera sprachen Kinder über Ebola oder Chemtrails. Als Kritik an „Jugend-TV“ laut wurde, schaltete die Sekte den Kanal ab.

Auf Youtube hat „Klagemauer TV“ 91.500 Abonnenten. Manche Videos erreichen mehrere 10.000 Klicks. Es geht um „böse“ Mobilfunkstrahlen, um „Lügen“ über die Flüchtlingskrise. In einem Video vom Oktober 2018 heißt es: „Andererseits sind es auch die Flüchtlinge, die gezielt nach Europa eingeschleust werden. Kaltblütig werden sie von den wenigen Globalstrategen instrumentalisiert, um in europäischen Ländern soziale und andere Probleme zu verursachen.“ Andere Videos handeln von angeblich bösen Eliten und bedienen antisemitische Feindbilder.

Die Aufmachung der Videos ist kaum von seriösen Nachrichtensendungen zu unterscheiden. Sie zeichnen Endzeitszenarios. Immer wieder geht es bei „Klagemauer-TV“ darum, dass die Welt sich an der Schwelle zum dritten Weltkrieg befinde. Gesendet werden die Nachrichten aus der Schweiz, den Niederlanden oder eben aus Mertingen.

Mertingen in Nordschwaben. Ein paar Supermärkte, eine Pfarrkirche, eine Dorfmitte. Sonntags beim Bäcker hört man ein freundliches „Grüß Gott“. Vor der Theke wird der neueste Tratsch im Dorf gehandelt. An warmen Sommertagen radeln die Menschen an den Baggersee am Rande des Industriegebiets. Dahinter strahlt das rote Logo einer Molkerei. In der Gemeinde, die an der Bundesstraße 2 liegt, leben rund 4000 Menschen. Sie engagieren sich in rund 70 Vereinen, in Musikvereinen, bei der Feuerwehr oder im Fußballverein.

Doch ein Verein steht nicht auf der Webseite der Kommune: die Neutestamentliche Gemeinde Mertingen „Leben in Christus“. Gemeldet ist sie in der Brunnengasse. Im Internet zeigt sich die Religionsgemeinschaft familiär und bezeichnet sich als Freikirche. Jeden ersten Samstag im Monat wird in einem Haus der Mitglieder Gottesdienst gefeiert. Doch ist das alles nur Tarnung? Nach Informationen unserer Redaktion produzieren die Mitglieder in Mertingen alternative Nachrichten – für „Klagemauer-TV“.

In den 90er Jahren kam die Gemeinde "Leben in Christus" nach Mertingen

Recherchen ergeben, dass die Gemeinde „Leben in Christus“ ihren Ursprung in der Freikirche „Christliches Zentrum Donauwörth“ hat. Ende der 90er Jahre zogen Mitglieder nach Mertingen um, kauften dort ein altes Gasthaus, eine Villa eines Schuhfabrikbesitzers und ein weiteres großes Anwesen. Albert Lohner war damals schon Bürgermeister in Mertingen. Den Zuzug hat er mitbekommen. Er beschreibt die rund 15 Anhänger als unauffällig, als höfliche und nette Bürger. Was aber hinter der Fassade stecke, wisse er nicht. Die Mitglieder kochten Lebensmittel ein. Sie glaubten an die bevorstehende Apokalypse. Doch die Welt ging nicht unter.

Es folgten Verwerfungen zwischen den Freikirchenführern und der Gemeinschaft. Schließlich kam es zur Trennung. Die Gemeindevorsteher setzten sich ins Ausland ab. Ein geistlicher Führer wurde gesucht. Ein Mann nahm die „Leben in Christus“-Mitglieder um die Jahrtausendwende auf: Ivo Sasek.

Wer sich Saseks OCG anschließt, dem bleibt kaum Freizeit. Die Anhänger arbeiten. Und nach der Arbeit arbeiten sie wieder – für die Sekte. Aufgaben werden hierarchisch weitergegeben. An der Spitze delegiert Sasek, darunter vier sogenannte Teamfrauen und dann die Vorsteher der verschiedenen Distrikte, wie etwa Mertingen. Sektenmitglieder bereiten Sendungen für „Klagemauer-TV“ vor, schreiben Artikel für ihre Zeitschrift „Stimme und Gegenstimme“, die auch in Mertingen gedruckt wird, sie durchleuchten Politiker im Internet, sammeln Daten, produzieren Filme oder nähen Kostüme – alles ohne Bezahlung. Die Anforderungen sind kaum zu erfüllen. Sektenexperte Stamm sagt: „Das führt zu Stress, das führt zu Burnout.“ Aussteiger, die er kennengelernt hat, hätten teilweise alles verloren. Ihr Umfeld, ihre Gesundheit, ihre Lebensfreude – sie drehen sich nur noch im Kreis. „Deren Leben ist die Hölle.“

Hugo Stamm gilt als einer der Erzfeinde von Sektenführer Sasek. Das zeigt sich auch in mehreren Videos auf „Klagemauer-TV“. Stamm ist dem Sektenführer im vergangenen Jahr bei einem Prozess am Regionalgericht in Chur begegnet. Sasek wurde Rassendiskriminierung vorgeworfen, da er der Holocaustleugnerin Sylvia Stolz 2012 eine Bühne geboten hatte. Sasek wurde freigesprochen.

Innerhalb Saseks Sekte werden kleinste Fehler dagegen knallhart bestraft. Die OCG bestimmt über alle wichtigen Lebensfragen, darüber, welcher Beruf ausgeübt werden oder welches Auto gekauft werden soll. Bei Verstößen gibt es Schläge und öffentliche Demütigungen vor anderen Mitgliedern. Abigail sagt: „Einmal hat mich eine Fremde geschlagen, da war ich noch ein Kind.“ An den Grund kann sie sich nicht erinnern. Kinder sind in der Sekte hilflos, wehrlos. Bei Distrikttreffen, die „Stubentage“ genannt werden, wurden Vergehen innerhalb der Sekte im großen Kreis diskutiert. Für Abigail war es, als ob ein Lehrer vor versammelter Klasse mit dem Finger auf ein Kind zeigt und sagt: Du hast eine Sechs geschrieben.

Sasek und seine Sekte wurden immer wieder mit Gewaltvorwürfen konfrontiert. Er selbst befeuerte das ordentlich. Im Jahr 2000 veröffentlichte er das Buch: „Erziehe mit Vision!“ Darin schreibt er: Sind die Kinder „widerspenstig und böse oder entgegen der Ermahnung wild, unbändig und übermütig, so schone deine Rute nicht. Du gibst ihnen zwei, drei zünftige Streiche hinten drauf und schon ist der Wille wieder gereinigt, die Kammern des Leibes geputzt und die Narrheit vom Herzen des Knaben entfernt vor allem als Kind.“ Als Fußnote ist angeführt, dass Sasek unter einer Rute ein 50 Zentimeter langes und fünf Millimeter dickes „Bambusrütchen“ versteht.

Abigail brauchte einen Arzt, doch der Schulmedizin steht die OCG kritisch gegenüber

Beweise dafür, dass Kinder in der Sekte systematisch misshandelt werden, wie es bei den Zwölf Stämmen in Klosterzimmern der Fall war, gibt es nicht. Nach Auskunft der Augsburger Staatsanwaltschaft gibt es keine Ermittlungen gegen Mitglieder der Sekte in Mertingen. Sasek selbst äußerte sich auf Nachfrage unserer Redaktion bislang nicht – weder zur Frage, ob er Schläge tatsächlich für ein geeignetes Mittel der Erziehung hält, noch zu seinen Verbindungen zur AfD.

Wie die OCG tickt, zeigt Abigails Ausstieg. Es ist Winter 2017, die 21-Jährige ist ernsthaft krank. Trotzdem schleppt sie sich aus Angst vor Strafen zu einer OCG-Veranstaltung. „Krank zu sein bedeutet für die Sekte, dass etwas im Geiste nicht stimmt“, sagt Abigail. An den folgenden Tagen verschlechtert sich ihr Zustand, sie hat hohes Fieber, braucht einen Arzt. Doch die OCG stehe der Schulmedizin skeptisch gegenüber, erklärt sie. Unsicher versucht ihr Vater, seinen Distriktleiter um Rat zu fragen. Als er ihn nicht erreicht, probiert er es bei anderen Sektenanhängern – vergebens. Auf Abigails Bitte ruft er doch den Krankenwagen. Ein Glück für Abigail. Zum ersten Mal waren Menschen für sie da, sagt sie. „Ich lag im Krankenhaus und wollte nicht mehr zurück.“ Das war vor zwei Jahren. Den Kontakt zu ihrem Vater, der sich eher für die Sekte entschied als für seine Tochter, hat sie weitestgehend abgebrochen.

Abigail hat ihr „erstes Leben“ hinter sich gelassen. Sie baut sich ein neues auf, fernab der Sekte, mit einem Beruf und Freuden.

Am 2. Juni wird der hessische Regierungspräsident Walter Lübcke vor seinem Haus erschossen. Vier Monate später, am 9. Oktober, an dem Juden auf der ganzen Welt Jom Kippur feiern, geht gegen 12 Uhr auf der Online-Plattform Twitch ein Video live. Ein glatzköpfiger Mann, dessen Name bedeutungslos ist, sagt auf Englisch: „Ich glaube, den Holocaust hat es nie gegeben.“ Er will ein Massaker in einer Synagoge anrichten. Sein Versuch scheitert. Wütend ermordet er die Passantin Jana L. und Kevin S., der in einem Dönerimbiss sitzt. Der Attentäter von Halle gilt als „einsamer Wolf“, der sich im Internet radikalisiert haben soll.

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