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03.09.2018

Der Charme von Solarplatten und Stacheldraht

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5 Bilder
Der Weg führt vorbei an der BMW/Goodman-Halle und zu einem Soloarpark.
Bild: Carmen Janzen

Im ersten Ort die Wallfahrtskirche, im nächsten militärische Sicherheitszone. Die Kontraste auf dem Lechfeld sind groß.

Das Wichtigste gleich vorweg: Diese Wanderung muss man nicht gemacht haben, um eines Tages zufrieden auf sein Leben zurückzublicken. Der Charme übergroßer Industriehallen, einer mit Graffiti beschmierten B-17-Fußgängerbrücke und kilometerlangem Maschendrahtzaun entlang der Lechfeld-Kaserne hält sich in Grenzen. Und trotzdem bietet dieser Abschnitt entlang der Grenze des Augsburger Landes Kurioses, Schönes und vor allem viele Kontraste. Bereuen muss man die Tour nicht. Sie beginnt in Klosterlechfeld. Die wunderschön verschnörkelte Wallfahrtskirche und der Kalvarienberg direkt gegenüber sind immer einen Besuch wert. Der Weg geht weiter Richtung B17. Die Südlagerstraße führt auf die Fußgängerbrücke. Es ist wieder heiß, jetzt ist es auch noch laut und stinkt nach Abgas. Der Boden und das Geländer der Brücke sind beschmiert. Sicher eines der hässlicheren Highlights auf dem Weg zum Ziel. In Lagerlechfeld angekommen, ändert sich das Bild jedoch schnell. Nette Schrebergärten, hübsche Häuschen und ein witziges selbst gemaltes Straßenschild, das den Grenzgänger direkt in den „Löschzwerg-Weg“ führt. Was es damit auf sich hat, bleibt ein Geheimnis. Keiner da, der Fragen dazu beantworten könnte. Es beweist jedenfalls Humor.

Ein Stück weiter tut sich etwas. Lautes Lachen ist zu hören und an der Gartentüre steht ein Mann mit einer blauen Parkscheibe auf dem Flecktarn-Sonnenhut. Es ist Alois Kehrle. Er hat heute Geburtstag und Besuch von Nachbarn und Freunden. Was es mit der Parkscheibe auf sich hat, wird er später erzählen. Erst einmal aber hat die Grenzgängerin ein Problem: Einige Geburtstagsgäste glauben ihr kein Wort, wollen dass sie wieder geht. „Wer isch denn soooo blöd und wandert bei der Hitz‘ auf’m Lechfeld“, sagt eine Dame mehr entsetzt als fragend. Horst Kelch, Vorsitzender des Heimatvereins und Gast der Geburtstagsfeier, rettet die Situation. Er klärt alle auf, dass es diese ominöse Grenzgänger-Wanderserie in der Zeitung wirklich gibt, er sie sogar am Samstag im Blatt gesehen hat. Glück gehabt. Jetzt wird geplaudert. Alle entspannen sich. Der Hut mit Parkscheibe ist übrigens ein Geburtstagsgeschenk mit Symbolcharakter. Die Gemeinde Untermeitingen hat an der Straße vor Kehrles Haus ein Parkverbot erlassen. Dagegen hat der Lagerlechfelder geklagt und vor dem Verwaltungsgericht gewonnen. Den neuen Hut will der 63-Jährige auf der nächsten Bürgerversammlung tragen und der Gemeinde signalisieren: „Das Parkverbot könnt ihr Euch an den Hut stecken“, erzählt er. Im Garten wachsen viele Trauben, ein Riesenfass ist als Laube schick hergerichtet. Hübsch hier. Aber Kehrle hat mehr zu bieten. Er öffnet eine Tür im Haus und gewährt Einblick in seine Hobbys: Oldtimer, Motorräder, Cadillac-Sofas, eine Zapfsäule von BP, Modelleisenbahnen, Zündkerzen, ein Modellflugzeug und und und. Zwei Isettas stehen da mitten in einem Lagerlechfelder Einfamilienhaus neben dem BMW 501, weiter hinten ein Ford T von 1925 und ein Durant von 1928, vor dessen Reifen liegt ein mit Stöckelschuhen bekleidetes Damenbein einer Schaufenster-Puppe. Warum? Weiß Kehrle selbst nicht so recht. Seit 30 Jahren lebt er in Lagerlechfeld. Hergeführt hat ihn die Bundeswehr, ebenso wie Kelch. Wie die meisten hier im Ort.

An Graben sieht man, wie rasant das Lechfeld wächst

Die Reise geht weiter. Graben ist das nächste Ziel. Nur ein kurzer Abstecher. Die Zeit drängt. Neubauten, Rohbauten und Baukräne zieren die Silhouette des Ortes von dieser Seite. Das Lechfeld wächst rasant. Es geht weiter Richtung Gutshof. Der Weg führt an der Lechfeld–Kaserne vorbei, kilometerlang säumt ein Maschendrahtzaun den Weg, obendrauf drei Reihen Stacheldraht. Alle paar hundert Meter warnt ein Schild: „Militärischer Sicherheitsbereich. Unbefugtes Betreten verboten. Vorsicht Schusswaffengebrauch.“ Genau die Romantik, die man sich beim Abendspaziergang mit dem Liebsten wünscht.

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Am Gutshofgelände angekommen, zeugt nichts mehr vom damaligen Zweck der Siedlung. Sie ist zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges ein Selbstversorgerbetrieb für die Soldaten auf dem Lechfeld. Vom Gutshof aus werden sie mit Fleisch, Getreide, Obst und Salat versorgt. Der holprige Weg, die kleinen gelb verputzen Wohnhäuschen mit den braunfarbenen Fensterläden, der große Speicher: alles weg. Wurde vor gut zehn Jahren abgerissen. Heute steht hier die BMW-Godmann-Halle. Geht man den Feldweg weiter, erscheint ein großer Solarpark hinter feuerverzinktem Stabmattenzaun. Gleich dahinter hoppeln Feldhasen über die Wiese. Noch ein Stück weiter präsentiert sich zunächst noch hinter Büschen versteckt das Aldi-Logistikzentrum. Am Wegrand hat jemand einige Flaschen Altöl und ein bisschen Müll entsorgt. Auf der anderen Straßenseite der A30 stehen viele weitere Industriebauten. Schön geht anders. Aber in der Abendsonne auf dem Weg nach Kleinaitingen sieht sogar das Lidl-Logistikzentrum ganz hübsch aus. In Kleinaitingen angekommen wässert ein gut bebauchter älterer Herr oben ohne seinen Apfelbaum. Aber nein, in die Zeitung will er nicht. Es ist spät, es ist immer noch heiß und das Ziel nahe. Die letzte Abzweigung ist erreicht. Plötzlich tut sich eine Riesenpfütze auf. Der Blick nach oben offenbart eine überdimensionierte Dusche. Ein Waschplatz für Pferde, Traktoren oder Elefanten? Noch nie gesehen. Mit diesem Mysterium endet meine Wanderung. Die Recherche tags drauf ergibt die Antwort: Es ist eine Brause für schmutzige Lastwagen.

Und das Wichtigste noch einmal zum Schluss: Das Schönste am Augsburger Land ist der Blick nach innen, sind seine Orte. Nicht seine Grenzlinie in diesem Abschnitt.

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