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Paralympics
01.09.2021

Paralympics in Tokio: Was macht ein Land zur Goldnation?

Die deutschen Rollstuhl-Basketballerinnen spielen in Tokio um eine Paralympics-Medaille.
Foto: Marcus Brandt, dpa

Vergleicht man die Staaten der Welt nach Goldmedaillengewinnern pro Kopf, stehen die Niederlande und Australien ganz oben. Was machen diese Länder besser?

Nach dem Spiel rollt Carina de Rooij durch die Mixed Zone, wo Journalisten auf Athleten treffen, und klatscht sich souverän mit ihren Kolleginnen ab. Das unaufgeregte Verhalten erklärt: Hier ist nichts Besonderes passiert. Mit 109:18 haben die holländischen Rollstuhlbasketballerinnen gegen Algerien gewonnen, haushoch und erwartbar. „Wir hätten schon gerne Gold“, sagt de Rooij, als könnte sie es sich aussuchen. 2018 wurden die Niederländerinnen Weltmeister, 2016 in Rio holten sie Bronze. Sofern nichts Unerwartetes geschieht, werden sie in Tokio wohl Gold holen. Sie gelten als Maß der Dinge.

Auf Athletinnen und Athleten aus den Niederlanden trifft das relativ häufig zu. Nicht nur im Rollstuhlbasketball muss, wer Gold gewinnen will, zuerst an ihnen vorbeikommen. Auch im Rollstuhltennis, Radfahren, Schwimmen und der Leichtathletik steht auf dem Siegertreppchen auffallend häufig jemand in einem orangefarbenen Trainingsanzug. In Tokio hat Holland nach der ersten Wettkampfwoche schon wieder 13-mal Gold geholt und 29 Medaillen insgesamt. Deutlich besser als Deutschland, obwohl Hollands Bevölkerung nur ein gutes Fünftel der deutschen ausmacht.

Die Niederlande gehören zu den Hochburgen des Parasports

Die Niederlande gehören zu den Hochburgen des Parasports. Insgesamt haben zwar große Länder wie die USA, Großbritannien und Deutschland über die Jahrzehnte deutlich mehr Medaillen gewonnen. Berücksichtigt man aber die Bevölkerungsgröße, steht Holland gemeinsam mit den skandinavischen Ländern im historischen Medaillenspiegel ganz oben. Allesamt westliche Industriestaaten.

Aber was machen diese Länder besser als zum Beispiel Deutschland, das im Pro-Kopf-Vergleich nur auf Platz 20 landet, oder die USA (Platz 38) und Gastgeberland Japan (Platz 50)? Die Rollstuhlbasketballerin Carina de Rooij glaubt, das Erfolgsgeheimnis ihres Landes sei das Betonen von Inklusion, also der Idee, dass nicht nur legale Chancen, sondern auch tatsächliche Teilhabe entscheidend ist. „In Holland kriegt jedes Kind mit einer Behinderung einen Rollstuhl oder eine Prothese, oder was es auch braucht, vom lokalen Bezirk bezahlt.“

Rollstühle und Prothesen sind teuer, kosten mehrere tausend Euro. Aber dem holländischen Staat ist es das wert. „In Deutschland können Kinder mittlerweile auch über ihre Krankenkasse Sportprothesen erhalten“, sagt der deutsche Weitspringer Markus Rehm. Seit einem Sportunfall als 14-Jähriger ist Rehm am rechten Bein amputiert, kann heute mit seiner Prothese weiter springen als jeder andere Mensch. „In meiner Kindheit gab es aber viel weniger Unterstützung. Ich habe als 19-Jähriger durch Zufall zur Leichtathletik gefunden und dann durch meinen Verein meine erste Prothese erhalten.“

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Dass Holland in dieser Sache besser dasteht als Deutschland, ist mit Blick auf die politischen Strukturen nicht weiter verwunderlich. Politologen ordnen Holland in Bezug auf Gesundheitspolitik oft als „sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat“ ein, also ein System, das – wie die skandinavischen Länder – auf die Prinzipien Solidarität und Universalismus setzt.

Mit Blick auf den Behindertensport ist die Idee aktiver Inklusion noch anderswo entscheidend

Mit Blick auf den Behindertensport ist die Idee aktiver Inklusion noch anderswo entscheidend. „In Holland sind sie viel besser als wir, Jugendliche zum Sport zu holen“, sagt Markus Rehm. Und Heinrich Popow, der 2012 Gold für Deutschland im Sprint gewann und sich heute in der Sportförderung engagiert, glaubt, den Grund zu kennen: „Das größte Problem ist der Austausch der Daten. Es gibt jede Menge Jugendliche, die gern Parasport treiben würden. Aber die werden nicht aufgeklärt und informiert. Die Krankenkassen dürfen die Leute nicht vermitteln.“ In Leverkusen, dem größten Stützpunkt für Parasport, suche man händeringend nach Nachwuchs.

Hat man die Athleten dann gefunden, können diese in den erfolgreichsten Ländern auch häufig besser trainieren. „Wir haben Zugang zu denselben Anlagen wie nicht behinderte Athleten“, sagt die Rollstuhlbasketballerin Carina de Rooij. „Es ist bei uns noch nie ein Problem gewesen, gute Hallenzeiten zu kriegen. Wir können zweimal am Tag trainieren.“ Aus deutscher Sicht sagt Markus Rehm dazu: „Selbstverständlich ist das leider nicht.“ Zudem mangele es an geschultem Personal. „Es wissen viele Trainer nicht, wie man mit Parasportlern trainieren muss“, so Rehm.

Was man dagegen wohl schon weiß: dass die Frage des Lebensunterhalts entscheidend ist. Die Deutsche Katrin Müller-Rottgardt, die als sehbehinderte Sprinterin schon Weltmeisterin geworden ist und nun in Tokio eine Medaille anpeilt, berichtet von großen Unterschieden. „Andere Länder sind da schon lange viel weiter als Deutschland. Großbritannien und sogar Brasilien haben großzügigere Programme als wir. Aber es verbessert sich jetzt auch bei uns.“ Müller-Rottgardt ist im Fördersystem der Bundeswehr, das für Parasportler erst seit 2013 besteht.

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