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Was ist Heimat?

24.01.2018

Fast 50 Jahre in Wertingen prägen

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In Rize am Schwarzen Meer und den umliegenden Bergen (oben) sind Hamide und Orhan Akcay aufgewachsen. Seit fast 50 Jahren leben sie samt Kindern und deren Familien in Wertingen. Beide Orte gehören für sie zur Heimat.
Bild: Birgit Hassan

Die Firma Creaton holte das türkische Ehepaar einst in die Zusamstadt. Warum sie so lange blieben und was sie heute hindert, ganz zurück in ihr Geburtsland zu gehen

Es war ein langer Weg von Rize nach Wertingen. Von der türkischen Stadt am Schwarzen Meer in das „Städtle“ an der Zusam. 1200 Kilometer mit dem Bus von Rize nach Istanbul. Weitere 2000 Kilometer mit dem Zug bis Augsburg. Dort holte der damalige Creaton-Chef Hans Berchtold im Jahre 1971 seinen neuen Arbeiter Orhan Akcay persönlich mit dem Auto am Bahnhof ab. Nach dem ersten Tag körperlicher, sehr schwerer Arbeit wollte Orhan Akcay zurück. Doch er blieb. Frau und Kinder folgten. Damit hatte das Ehepaar die türkische Heimat verlassen, gleichzeitig eine neue in Deutschland gefunden. Einfach war es nicht, und ist es bis heute nicht.

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Der mittlerweile 76-jährige Orhan Akcay und seine Frau Hamide leben heute zur Hälfte in Deutschland, die andere Hälfte des Jahres in der Türkei. „In Wertingen vermissen wir das Meer und die Berge, in Rize sehne ich mich nach meinen Kindern und Enkelkindern“, sagt Hamide Akcay. Die 71-Jährige spricht ein gebrochenes Deutsch. Doch es reicht, um sich mit den Nachbarn zu unterhalten und denen, die an ihrem Haus mitten in Wertingen vorbeigehen. Viele davon kennt Hamide Akcay, und viele Wertinger kennen sie. Ein Jahr nachdem ihr Mann erstmals nach Wertingen gekommen war, folgte sie ihm nach, arbeitete selbst zehn Monate in dem Wertinger Dachziegelwerk. 27 Jahre war sie damals. Ihre Kinder – Ibrahim (5), Sevilay (4) und Ismail (1) – ließ sie bei der Schwiegermutter in der Türkei zurück. „Ich habe in der Zeit sehr geweint“, erinnert sie sich. Während die Mutter erzählt, fließen bei der jüngsten Tochter Sonay, die an diesem Nachmittag übersetzt, die Tränen. Sie wurde bereits in Wertingen geboren, wie ihre Schwester Ischilay. Alle fünf Geschwister sind heute verheiratet und leben in Wertingen, haben selbst wieder Kinder und Enkelkinder. „13 Enkelkinder und zwei Urenkel“, zählt Hamide Akcay stolz ihre Nachkommen auf.

Aufgewachsen in Rize, hatte Hamide Akcay die Sommer stets mit ihrer Mutter und Geschwistern in einer Berghütte, 90 Kilometer von der Stadt am Meer entfernt, verbracht. „Wie bei Heidi“, sagt Sonay lachend. „Vor dem Winter zogen sie hinunter ins Tal, weil die Hütte eingeschneit wurde.“ Die heute 37-jährige Sonay kennt wie ihre Geschwister die Hütte in den Bergen. Seit sie sich erinnern kann, packten sie alljährlich im Sommer ihren Ford-Bus von oben bis unten voll – mit Kindern und Kleidung, Schokolade und Kaffee. So machten sie sich auf den Weg in die Türkei. Drei Tage dauerte die Reise einfach. Auf dem Rückweg tauschten sie den Kaffee gegen türkischen Tee – eine Spezialität, die auf den Hängen rund um Rize wächst.

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Am Ende des Sommers ging’s zurück nach Wertingen, Jahr für Jahr. Aus Tagen und Wochen waren irgendwann Jahre und Jahrzehnte geworden. Wann und ob sie sich jemals konkret entschieden haben, in Deutschland zu bleiben, daran erinnern sich Hamide und Orhan Akcay beide nicht. Sie lebten sich einfach immer mehr ein, stießen auf freundliche und hilfsbereite Menschen und kauften schließlich ein Haus. Die Kinder besuchten deutsche Schulen, freundeten sich mit Wertinger Kindern an, spielten in deutschen Vereinen Fußball, absolvierten Ausbildungen, suchten sich Berufe und gründeten eigenen Familien.

Der Urlaub führte weiterhin in die Türkei, das Alltagsleben fand und findet in Deutschland statt. „Mit Wertingen verbinde ich meine Kindheitserinnerungen, das Leben hier bin ich gewohnt“, sagt Sonay Saffak. In der Türkei verbringt sie den Urlaub, liebt das Meer, das bunte Leben, das sich bis spätnachts auf den Straßen abspielt. Danach kehrt sie zurück an die Zusam, wo sie die übersichtliche Kleinstadt ebenso schätzt wie die Weiher, ruhigen Wälder und das Hasenbrünnele – „hier bin ich geboren“. Beides nennt die 37-Jährige Heimat und weigert sich, eine davon zu bevorzugen. „Das ist wie mit zwei Kindern, so unterschiedlich sie sind, du liebst sie beide.“

Nachdem sie selbst als letzte der Geschwister vor 13 Jahren geheiratet hatte, begannen die Eltern, ihre Zeiten in der Türkei auszuweiten. „Wenn sie dort sind, vermisse ich sie sehr“, gesteht die Tochter und fügt sogleich an: „Wir haben alle eigenen Familien und sind glücklich, wenn’s unseren Eltern gut geht.“ Immerhin hätten sich die Wege deutlich verkürzt. Heute setze sie sich ins Flugzeug und fliege in wenigen Stunden zwischen Deutschland und der Türkei hin und her. Telefonieren ist jederzeit übers Handy möglich. Und die Sprachen und das Essen vermischen sich immer mehr. An manchen Tagen stehen bei Sonay Saffak schwäbische Spätzle neben türkischen Hackfleischbällchen auf dem Tisch, die Schwarzwälder Kirschtorte neben dem süßen orientalischen Baklava. Wo ist die Heimat der Familie Akcay? Das Ehepaar erzählt: „Wenn wir in die Türkei kommen, sagen die Menschen, jetzt sind die Deutschen wieder da, und hier in Deutschland bleiben wir die Türken.“

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