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Buttenwiesen: Was damals geschah – eine Zeitreise ins Untere Zusamtal

Buttenwiesen

Was damals geschah – eine Zeitreise ins Untere Zusamtal

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    Nachdem die Pläne für eine Magnetschwebebahn wieder niedergelegt worden waren, war 1978 plötzlich Pfaffenhofen für den Bau von zwei Kernkraftwerken in der engeren Wahl.
    Nachdem die Pläne für eine Magnetschwebebahn wieder niedergelegt worden waren, war 1978 plötzlich Pfaffenhofen für den Bau von zwei Kernkraftwerken in der engeren Wahl. Foto: Wz-archiv
    Franz Käsinger (links) und Kurt Michl beim Filmabend in Buttenwiesen: „Standort gesucht – Reaktorstreit im Donauried“ heißt die Dokumentation, die den Widerstand gegen den Bau eines AKW schildert.
    Franz Käsinger (links) und Kurt Michl beim Filmabend in Buttenwiesen: „Standort gesucht – Reaktorstreit im Donauried“ heißt die Dokumentation, die den Widerstand gegen den Bau eines AKW schildert. Foto: Hertha Stauch

    „Mein Gott, das wäre alles weg, die ganze Landschaft!“ Noch heute fließt Kurt Michl dieser Seufzer über die Lippen, wenn er an damals denkt. Damals, als das Untere Zusamtal Widerstand gegen den Bau von zwei Atomreaktoren im Donauried leistete – und diese erfolgreich verhinderte. Heute, Jahrzehnte danach, steht Michl vor dem Publikum im Bürgersaal von Buttenwiesen, das ehemalige Kino, in dem die Kinofreunde im Rahmen der Kulturtage des Landkreises besondere Filme zeigen. Mit dabei ist Franz Käsinger, gefragter und bekannter Hobby-Filmer, der für die Kinofreunde in den Schatztruhen der Archive fündig wird. Beim ZDF stöbert Käsinger mit Hilfe des gemeindlichen Archivars Johannes Mordstein eine Doku aus dem Jahr 1980 auf, die schildert, was damals am Landstrich entlang der Zusam passiert war. Lydia Edin, Geschäftsleiterin des Vereins „DLG – Kultur und Wir“, der die Kulturtage ausrichtet, sorgt für die Aufführungsrechte, und los geht es beim Kino-Abend.

    Sofort fühlen sich die vorwiegend älteren Besucher und Besucherinnen beim Film „Standort gesucht: Reaktorstreit im Donauried“ zurückversetzt in die Zeit, als es turbulent herging rund um Buttenwiesen und seinen heutigen Ortsteilen. Landarzt Dr. Kurt Michl und Dr. Jochen Meyen, Präsident der „Schutzgemeinschaft Donauried“, leiteten den Widerstand gegen eine erneute Vereinnahmung des Donaurieds und damit eine der bedeutendsten offenen Kulturlandschaften im Lande. Einiges hatten die Zusamtaler schon abgewendet vom Ried – ein geplanter Bombenabwurfplatz und später eine Teststrecke für eine Magnetschwebebahn. Nun droht ein erneutes Debakel: die Stromversorger LEW und RWE wollen gleich hinter Pfaffenhofen zwei Kernreaktoren bauen. Die Bevölkerung ist im Aufruhr. Kernkraftgegner und -befürworter füllen bei Informationsveranstaltungen und Diskussionsrunden die Wirtshäuser, wo Kurt Michl, Heimatdichter Alois Sailer, die Liedermacher „Mehlprimeln“, Kommunalpolitiker, Unternehmer und Landwirte leidenschaftlich für ihre Sache kämpfen – die Mehrheit im Widerstand gegen das AKW. 

    Keinen Zentimeter Land für das Reaktorgebäude hergeben

    Der ZDF-Film von Christof Schade schildert eindrucksvoll und unverkennbar im Stil der 80er Jahre die Sorge der Menschen. Das Besondere: Grundbesitzer und Landwirte schließen sich dem Widerstand an, bereit, keinen Zentimeter Land für das Reaktorgelände herzugeben. Der Bauernverband ganz vorne dabei, marschiert von Hof zu Hof, um den Grundbesitzern per Handschlag das Versprechen abzunehmen, keinen Acker zu verkaufen. Gelächter im Kinosaal: So also wurde das damals gemacht! Es kommt noch mehr im Film: Ein Riesen-Transparent hängt an der Kirche - „Wer verkauft, verrät die Heimat!“ Pfarrer Hieber nimmt bei der Predigt im „Zusamdom“ von Pfaffenhofen kein Blatt vor den Mund. Die Vereine marschieren beim Protestzug gegen das AKW auf, die Feuerwehr kündigt an, ihren Dienst zu suspendieren, wenn die Reaktoren gebaut werden. Landrat Dr. Anton Dietrich sucht im Festzelt zu retten, was zu retten ist, um die Bevölkerung nicht noch mehr zu erregen: Einerseits verspricht er sich wirtschaftlichen Aufschwung vom AKW, andererseits… Letztlich schließt er sich dem Widerstand an. Das geht so bis 1984, RWE und LEW ziehen ihr Bauvorhaben zurück mit der Begründung, dass der Strombedarf sich nicht so entwickelt, wie gedacht. 

    „Wir haben wahnsinnig viel Glück gehabt“, resümiert Kurt Michl im Kinosaal. Entscheidend war, „dass die Bevölkerung, Landwirtschaft und Naturschutz Seite an Seite gekämpft haben, Unternehmer und Bürgermeister von Aislingen bis Mertingen hinter uns standen“. 

    Lydia Hefele schafft mit ihren Super-8-Filmen ein wertvolles Zeitdokument

    Cut – nächster Film. Eine kesse junge Frau aus Pfaffenhofen arbeitet am Landratsamt im Nachkriegs-Wertingen. In der Freizeit ist Lydia Hefele leidenschaftlich gerne mit der Kamera in ihrer Heimat unterwegs und dreht Super-8-Filme. Sie vertont die Streifen mit original Blasmusik, Kirchenorgeln und ihrer hellen Sprech-Stimme, in der ihr schwäbischer Akzent immer wieder durchschlägt. Reizvoll und amüsant zugleich erlebt das Publikum den Zeitgeist der Nachkriegsjahre und die damit einhergehende Kultur in den Dörfern. Lydia scheut sich nicht und ist den „Platzhirschen“ auf der Spur, die in den Wirtshäusern bei einer Runde Weizen kartl´n und diskutieren. Sie beobachtet die Bauern bei der Ernte, zeigt die Frauen, die überall helfend zur Hand gehen – in den Vereinsküchen, im Festzelt, im Rathaus, wo sie die Tische für den Gemeinderat decken. Eine adrette Dame hat sich eine Stelle als Kassiererin am Bankschalter erobert – anderweitig hingegen dominiert in dieser Zeit die männliche Seite. Die Kirche, der sonntägliche Gottesdienst, das Wort des Pfarrers: Der Film zeichnet das damalige Gesellschaftsbild ohne Vorbehalte und dürfte damit nicht nur eine Erinnerung, sondern ein wertvolles Zeitdokument sein.

    Und da ist auch die Liebe zu ihrer Heimat, die Lydia mit ihren Schwenks auf die barocken Kirchtürme, die wertvolle Innenausstattung, auf die schwäbischen Häuserreihen und Dorfplätze ausdrückt. Und der Stolz und die Freude, die sie erfasst, als das Freibad in Wertingen gebaut wird, das Landratsamt neu entsteht im damaligen „Landkreis Wertingen“, das Bähnle, das von Wertingen über Buttenwiesen bis nach Mertingen rauscht und der „Freizeitpark“, der auf dem jetzigen Surteco-Gelände für Furore sorgt. Lydia, die exzellente Beobachterin mit journalistischem Gespür, wäre in heutiger Zeit vielleicht eine engagierte Reporterin geworden oder hätte in der Film- und Medienbranche studiert. Aus Altersgründen muss sie dem Kinoabend fernbleiben, ihr Sohn sitzt im Publikum. 

    Ihr Sohn sitzt im Publikum und applaudiert mit Enthusiasmus

    Das applaudiert ihr mit Enthusiasmus und damit auch dem „Filmemacher“ Franz Käsinger, der das Super-8-Format digitalisiert hat sowie Heinz Gerhards, dem Vorsitzenden von „DLG - Kultur und Wir“ und seiner Mitarbeiterin Lydia Edin. Der Blick auf die Vergangenheit war erkenntnisreich und wohltuend ohne zu verklären, was damals geschah. 

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