Für die Commerzbank ist es ein tiefer Einschnitt. Das Institut schließt bis Ende 2022 fast die Hälfte ihrer Filialen, die Zahl der Zweigstellen soll von derzeit 790 auf 450 Standorte sinken. Grund dafür sei das durch die Digitalisierung veränderte Kundenverhalten: der am häufigsten genutzte Zugangskanal ist mittlerweile das Smartphone. Tendenz steigend. Bis Ende 2024 baut die Commerzbank deshalb netto 7.500 Vollzeitstellen ab.
Seit dieser Woche ist klar, welche Filialen in unserer Region betroffen sind. Allein die Niederlassung Augsburg schließt acht Standorte. Bei benachbarten Niederlassungen fallen ebenfalls Standorte weg, sodass in unserer Region insgesamt zehn Filialen verloren gehen. Verbleiben werden unter anderem die Hauptstelle Augsburg, die Filialen Memmingen, Kempten, Starnberg und Garmisch-Partenkirchen sowie im Bereich anderer Niederlassungen Nördlingen und Ingolstadt.
Was bedeutet das für Mitarbeiter und Kunden? Sicher ist, dass auf die betroffenen Mitarbeiter große Umstellungen zukommen. An Standorten, an denen es keine naheliegende Commerzbank-Filiale gibt, will die Bank mit Ihren Kunden künftig vor allem per Telefon, Videochat oder auf digitalem Weg in Kontakt treten. Ziel sei das optimale Zusammenspiel aller Kanäle wie Mobil, Online, Beratungscenter und persönlicher Beratung.
Trotz Stellenabbau hat die Commerzbank Alternativen für die Angestellten
„Wenn wir in Zukunft jeden dritten Mitarbeiter nicht mehr einsetzen können, ist dies ein grober Einschnitt für uns, das ist nicht trivial“, sagt der Bereichsvorstand für das Privat- und Unternehmerkundengeschäft für West- und Süddeutschland, Mario Peric, im Gespräch mit unserer Zeitung. „Wir verdanken unseren Erfolg sowohl unseren Kunden als auch unseren Mitarbeitern, sie haben die Bank in ihrer 151-jährigen Geschichte groß gemacht“, sagt er. Trotzdem werden nun viele Commerzbank-Beschäftige das Haus verlassen müssen. Peric geht davon aus, dass viele zum Beispiel Altersinstrumente oder Abfindungen in Anspruch nehmen. „Wir haben gute Freiwilligenprogramme; die Angebote starten ab dem 19. Juli“, sagt Peric. Die Commerzbank stehe finanziell gut da und habe Reserven aufgebaut, um sich die Programme leisten zu können.
Die von Filialschließungen betroffenen Mitarbeiter könnten sich aber auch entscheiden, ob sie in eine andere Filiale oder eines der neuen Beratungscenter wechseln wollen, aus denen heraus die Bank ihre Kunden in Zukunft per Telefon, E-Mail oder Video beraten will, erklärt der Bankfachmann. „Ich gehe davon aus, dass wir ohne betriebsbedingte Kündigungen auskommen können“, sagt Peric.
Betriebsbedingte Kündigungen wollen Commerzbank und Verdi vermeiden
Die Gewerkschaft Verdi und der Gesamtbetriebsrat hatten sich im Mai mit der Commerzbank auf einen Rahmensozialplan für die Beschäftigten geeinigt. Er sieht Instrumente vor, um den Beschäftigtenabbau abzufedern und betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. Im Ergebnis können Beschäftigte bis zum Geburtsjahrgang 1968 acht Jahre lang in Altersteilzeit oder für sieben Jahre in den Vorruhestand gehen, teilte Verdi damals mit. Für „Veränderungswillige“ sei eine Sprinterprämie von 60.000 Euro vorgesehen sowie eine interne Qualifizierung auf die neuen Aufgaben, hieß es in der Mitteilung. Daneben seien Abfindungsangebote möglich.
„Damit ist die Transfergesellschaft vom Tisch, betriebsbedingte Kündigungen de facto nicht mehr möglich und es wird jetzt wichtig darauf zu achten, dass nicht zu viele Beschäftigte zu schnell gehen wollen und wir die restliche Belegschaft nicht überlasten“, sagte damals Christoph Schmitz, Mitglied des Verdi-Bundesvorstandes.
„Wir bedauern es trotzdem, dass viele jüngere Mitarbeiter versetzt werden und nun längere Fahrzeiten zu anderen Filialen in Kauf nehmen müssen“, sagt Tina Scholze, Fachbereichsleiterin für Finanzdienstleistungen bei Verdi Bayern im Gespräch mit unserer Redaktion.
Mehrere Standorte in Schwaben und Oberbayern schließen
Einschneidend wird das Sparprogramm der Commerzbank auch für einige Kunden in der Region sein. Die Filialen in Donauwörth, Füssen, Göggingen, Kaufbeuren, Landsberg am Lech, Weilheim, Isny und Geretsried schließen im Bereich der großen Niederlassung Augsburg, die rund 90.000 Kunden betreut. Das ist mehr als jeder zweite Standort. Im Bereich benachbarter Niederlassungen machen auch die Standorte Günzburg und Lindau zu.
Die Folge ist, dass viele Kunden in diesen Städten für eine persönliche Beratung bis zur nächsten Filiale weitere Wege fahren müssen. „Wir richten unser Filialnetz nach der Kundennachfrage aus und können daher Filialen nicht mehr halten, in die zu wenig Kunden kommen“, erklärt Peric die Einschnitte. Die Commerzbank habe analysiert, wie viele Kunden wo, welche Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Dann habe man entschieden, welche Standorte bleiben und welche aufgegeben werden, berichtet er.
Die Corona-Epidemie habe den Umbruch im Bankwesen beschleunigt, sagt Peric. „Corona hat digitalen Bank-Lösungen nochmals einen Schub gegeben“, erklärt er. Kunden, die dem Telefon- oder Online-Banking anfangs skeptisch gegenüberstanden, hätten angesichts zeitweise geschlossener Filialen gemerkt, dass sie ihre Bankgeschäfte schnell, einfach und bequem auf diese Weise erledigen können. Die Commerzbank-App werde heute 1,8 Millionen Mal im Monat aufgerufen, 83 Prozent der Wertpapiersparpläne online abgeschlossen und jede vierte digitale Wertpapierorder per Smartphone aufgegeben, berichtet Peric. Daueraufträge und anderes mehr werden häufig online erledigt. Überweisungen bereits zu mehr als 90 Prozent digital. Das sind alles Kundenkontakte, die wir früher in den Filialen hatten“, sagt er. „Das ist eine Entwicklung, die keiner ignorieren kann.“
Ziel der Commerzbank: "die digitale Beratungsbank für Deutschland"
Lange hielt die Commerzbank an ihrem Filialnetz fest, während andere Institute wie die Deutsche Bank oder die Hypovereinsbank bereits viele Zweigstellen geschlossen haben. Jetzt soll es auch bei der Commerzbank sehr schnell gehen: Die ersten 240 Filialen schließen noch dieses Jahr, weitere 100 bis Ende 2022. Als Alternative richtet die Commerzbank Beratungscenter ein, in denen Kunden künftig per Telefon, Chat oder Video einen Ansprechpartner finden sollen. Die Bank starte erstmal mit drei Centern – in Düsseldorf, Berlin und Quickborn, berichtet Peric. „Wir gehen stark davon aus, dass die Beratungscenter von den Kunden angenommen werden. Dort finden unsere Kunden ebenso kompetente Ansprechpartner wie in unseren Filialen“, sagt Peric. Er könne sich vorstellen, dass in Zukunft auch in Süddeutschland ein Center öffnet.
Der Gewerkschaft Verdi zufolge soll es statt drei bundesweit perspektivisch zwölf Beratungscenter geben. Diese "werden nicht in tariflose Töchter ausgelagert, sondern bleiben Bestandteil der Commerzbank", teilte Verdi im Mai mit.
Verbliebene Standorte der Commerzbank sollen modernisiert werden
Anfangs seien die Beratungscenter rein telefonisch erreichbar, ab kommendem Jahr aber auch per E-Mail und Video, berichtet Commerzbank-Fachmann Peric. Die Bank investiere 1,8 Milliarden Euro in digitale Lösungen. „Unser Ziel ist es, die digitale Beratungsbank für Deutschland zu sein“, erklärt Peric die Strategie des Instituts, an dem der Bund seit der Finanzkrise 2008/09 als größter Einzelaktionär beteiligt ist.
450 Filialen bundesweit bleiben erhalten. Bereichsvorstand Peric geht davon aus, dass Kunden vor allem für ihre Altersvorsorge, Vermögensanlage und komplexere Baufinanzierung weiterhin die Filiale aufsuchen werden. Die Bank will deshalb auch in ihre verbliebenen Standorte investieren. So wird eine moderne Filiale der neuen Generation bald in München im Traditionshaus am Promenadeplatz öffnen. Die Filiale erhält ein neues Design, die früheren Schalter fallen weg, die Filialen sollen zur Begegnungsstätte werden, die man gerne aufsuche.
„Auch wenn viele Kunden ihre Filiale um die Ecke verlieren, werden wir um jeden Kunden kämpfen“, so Peric. Die neue Strategie sei nötig gewesen, um die Bank in eine eigenständige und erfolgreiche Zukunft führen zu können.
Wie lange nun Sicherheit herrscht? Das Programm sei bis 2024 angelegt, berichtet die Commerzbank. Dann muss man wieder sehen, wie sich der Bankenmarkt entwickelt.
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