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Umweltprämie

08.03.2018

Diesel-Skandal: Was mit den alten Fahrzeugen passiert

Platzsparend geparkt - und reif für die finale Verwertung: ein Auto-Schrottplatz in unserer Region.
Bild: Ulrich Wagner

Hunderttausende Wagen sind in den letzten Monaten von deutschen Straßen verschwunden. Warum ein Schrotthändler genervt ist und welche Sorgen Autohändler haben.

Irgendwo müssen sie doch sein, all die Autos. Bei Ayo Olaletan sind sie jedenfalls nicht. Fast nicht. Ganze zwei Dieselfahrzeuge stehen auf seinem Schrottplatz im Augsburger Stadtteil Oberhausen – abseits der anderen Karossen. Sie stehen dort und warten darauf, geschlachtet, gepresst und verschrottet zu werden. Sie warten darauf zu sterben, wie Olaletan es nennt. „Dabei ist das doch eigentlich zu schade“, sagt er. Zu schade für den letzten Gang zum Autoverwerter.

Immer wieder blickt der Mann auf den schwarzen Alfa Romeo Kombi, Baujahr 2010. Kaum Kratzer oder Schrammen. Und StartStopp-Automatik hat er auch. Steht doch gut da, der Wagen, so auf den ersten Blick. Aber er ist halt ein Diesel, in der Systematik der derzeitigen Debatte ein alter Diesel. Wie so viele seiner Art landet er nun auf dem Schrottplatz – wegen der Umweltprämie. Allein 150.000 Autos der Volkswagen-Marken VW, Audi, Skoda und Seat haben zuletzt ein solches Ende genommen.

Wie viele Wagen auf welchem Schrottplatz landen, ist schwer zu sagen. Die Recherche gestaltet sich zäh. Die Branche ist verschwiegen. Viele Schrotthändler sagen am Telefon nur, keine Dieselfahrzeuge auf dem Hof zu haben, und legen gleich wieder auf. Diejenigen, die welche haben, wollen nicht mit der Zeitung reden. Nur Ayo Olaletan zeigt sich gesprächsbereit. Stellt sich die Frage: Landen wirklich alle alten Diesel beim Verwerter?

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Die großen Autokonzerne haben im vergangenen Sommer im Zuge des Diesel-Skandals Prämien ausgelobt. Wer seinen alten Selbstzünder hergibt und dafür beim Händler ein neues, umweltfreundlicheres Modell kauft, sollte finanziell belohnt werden. Nun erhalten Fahrer je nach Modell und Marke bis zu 10.000 Euro für ihr altes Auto. Zunächst sollte die Prämie bis Ende 2017 laufen. Fast alle Konzerne aber haben den Bonus verlängert – Volkswagen und Opel beispielsweise bis Ende März.

Gibt es keinen Nachweis, gibt es auch kein Geld

Diese Marken verlangen eine Verschrottung. Die Halter müssen sich von einem zertifizierten Autoverwerter bestätigen lassen, dass sie ihren Wagen abgemeldet und verschrottet haben lassen. Gibt es keinen Nachweis, gibt es kein Geld. Die Prämie – das bestätigen sowohl Volkswagen als auch Opel auf Nachfrage unserer Zeitung – fließt im Regelfall von den Herstellern direkt an die Kunden.

Der Handel mit Dieselfahrzeugen ist ja grundsätzlich schwierig geworden. Auf dem Hof von Helmut Spengler, Geschäftsführer von AAC Opel-Sigg und Haas in Augsburg, beispielsweise steht ein schwarzer Opel Corsa, 75 PS, Erstzulassung 2014, neben einem silberfarbenen Opel Astra, 110 PS, ein Jahr älter. „Manchen Kunden merkt man die Kaufzurückhaltung an, der Absatz ist ein wenig zurückgegangen“, sagt er. Derzeit sind 25 Prozent seines Bestandes Dieselfahrzeuge. Die Verunsicherung unter den Kunden hat auch Auswirkungen auf die Preise. Diese seien in den vergangenen Monaten gesunken, so Spengler. Seine Filialen bedienen überwiegend den Augsburger Markt. Er wisse aber, dass andere Großhändler ihre Dieselfahrzeuge nach Osteuropa verkaufen. „Irgendwo müssen sie ja hin, wenn sie keinen Abnehmer finden.“ Trotz der Diesel-Affäre bleibt Spengler ruhig: „Man darf nicht nervös werden, wenn ein Auto mal vier Wochen länger steht als sonst.“ Außerdem: „Vielfahrer werden weiterhin Diesel kaufen – schließlich profitieren sie aktuell von vielen Rabatten.“

Dass die Autos lange herumstehen, bevor mit ihnen etwas passiert, kennt auch Schrotthändler Ayo Olaletan. Für ihn ist das ein Problem: „Jeder Stellplatz auf meinem Hof kostet 30 Euro im Monat, viele Wagen stehen über ein Jahr herum. Dadurch ist mit diesen Autos nicht mehr viel verdient.“ Es braucht schon Zeit, bis ein Fahrzeug entgegengenommen, erfasst und trockengelegt ist. Im Schnitt kann der 53-Jährige 60 Prozent eines alten Diesels verwerten und weiterverkaufen. Das Wertvollste am Wagen sei der Motor. „Deshalb bringen Autos, die älter als 13 Jahre sind, kaum noch Geld.“ Vom schwarzen Alfa Romeo verspricht sich Olaletan 1000 bis 1500 Euro. Sind die Ersatzteile einmal ausgebaut, bietet er sie im Internet an. „Hin und wieder kommt auch ein Ersatzteile-Händler“, sagt er und zeigt auf einen Renault, der gerade auf den Hof fährt.

Sterbende Autos - „das ist doch eigentlich zu schade“: Schrotthändler Ayo Olaletan aus Augsburg.
Bild: Ulrich Wagner

Das Geschäft ist seit Beginn der Diesel-Affäre noch härter geworden

Von der Umweltprämie, sagt der Mann, habe er bislang nur minimal profitiert. Zu umkämpft sei der Markt. „Manchmal kommen Leute zu mir, geben ihren alten Diesel ab und wollen noch Geld dafür. Sie verlangen 1000 Euro und wollen damit doppelt profitieren“, sagt Olaletan. Er gestikuliert wild mit den Armen, seine Stimme wird lauter. Das Geschäft, es ist seit der Diesel-Affäre noch härter geworden. Der Schrotthändler findet, dass die Stadt und der Staat in die Pflicht genommen werden müssen. Sie müssten Regeln aufstellen, „damit die Leute verstehen, dass sie kein Geld vom Autoverwerter bekommen“.

Bleibt die Frage, wer überhaupt von der Prämie profitiert. Die Umwelt etwa – der Bonus heißt ja „Umweltprämie“? Nur bedingt, sagt der umweltpolitische Sprecher des ADAC, Alexander Kreipl: „Eine strengere Auslegung am Stickoxidausstoß wäre wünschenswert gewesen, da die ersten Euro-6-Diesel nicht unbedingt besser sind als Euro-5-Fahrzeuge. Außerdem wäre eine Koppelung an den Kauf alternativer Antriebsformen wie Erdgas- oder Elektrofahrzeuge zielführend gewesen.“ Auch der Automobil-Experte Ferdinand Dudenhöffer, Professor an der Universität Duisburg-Essen, sieht die Folgen für die Umwelt eher kritisch: „Verschrottungsaktionen von 500.000 Schmutzdieseln wären lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein, die gerade mal vier Prozent der alten Diesel von der Straße nehmen würden.“ 12,4 Millionen deutsche Diesel gehören den Euro-Klassen eins bis vier an.

Wenn schon nicht die Umwelt profitiert, dann wenigstens die Verbraucher? Sie sind es ja, die von den Herstellern getäuscht worden sind. „Volkswagen und seine Marken haben es mit der Prämie geschafft, in einer schwierigen Zeit Verkäufe von Neuwagen anzustoßen. Das war sicher erfolgreich“, bilanziert Dudenhöffer. Davon haben die Hersteller was, nicht aber die Verbraucher. Auch sonst fällt sein Fazit nüchtern aus: „Die Umweltprämien sind Verkaufsprämien. Umwelt steht eigentlich nur drauf. Drin steckt Neuwagenverkauf.“

Beliebte Ziele sind Osteuropa und Afrika

Zumal manche Hersteller ihren Bonus anders geregelt haben – zum Beispiel Mercedes und BMW. Bei deren Umtauschprämie bekommen Kunden Geld, wenn sie ihren alten Diesel zurückgeben. Das klingt zunächst nicht anders als bei der Umweltprämie. Doch die Umtauschprämie ermöglicht beispielsweise BMW-Händlern, die Gebrauchtwagen, die in Deutschland keinen Abnehmer mehr finden, weiterzuverkaufen. Beliebte Ziele sind Osteuropa und Afrika. Die Wirtschaftswoche berichtet unter Berufung auf das Statistische Bundesamt, dass die Zahl der ins Ausland ausgeführten gebrauchten Diesel 2017 um 18 Prozent auf rund 233000 gestiegen ist. Die Ukraine etwa hat in etwa doppelt so viele Diesel-Gebrauchtwagen importiert wie im Vorjahr.

Bei der Umweltprämie ist ein Weiterverkauf von ausrangierten Autos untersagt. Nicht gut, sagt Schrotthändler Olaletan. Der Mann mit den afrikanischen Wurzeln findet es viel sinnvoller, wenn andere Staaten von solchen Fahrzeugen profitieren: „In Ländern aus der Dritten Welt ist die Umwelt viel grüner. Die könnte den Stickoxid-Ausstoß besser ausgleichen. Die Leute dort brauchen Autos, um sich fortzubewegen.“ Eine sehr eigene Sicht auf die Dinge. Eine, die Umweltexperten so wahrscheinlich nicht teilen würden.

Glaubt man dem Restwert-Experten Maarten Baljet vom Marktforschungsinstitut BF Forecasts, ist die Zeit der Diesel vorerst abgelaufen. „Es wird immer schwieriger für den Diesel. Es gibt weniger Interessenten, einige Autos im Kleinwagensegment gibt es schon gar nicht mehr als Diesel“, hat er festgestellt. „Wir vermuten, dass er in mehreren Segmenten nach und nach vom Markt verschwindet.“

Und wann verschwindet der schwarze Alfa Romeo vom Hof? Acht Wochen steht er nun schon bei der Autoverwertung von Ayo Olaletan. Macht Kosten von 60 Euro für den Schrotthändler. Wann genau der Alfa „sterben“ wird, wie er das nennt – wer weiß das schon?

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