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Analyse

13.01.2020

Eskalation statt Diskussion: Joe Kaeser und die Klimaschützer

Luisa Neubauer, Fridays-for-Future-Aktivistin, beantwortet nach einem Gespräch mit Siemens-Chef Kaeser nahe der Berliner Firmenzentrale Fragen von Journalisten.
Bild: Soeren Stache, dpa

Der Siemens-Chef setzt sich mit den Umweltaktivisten viel professioneller auseinander, als das in den 80er Jahren etwa in Bayern geschah. Damals polarisierte Franz Josef Strauß.

Deutschland ist reifer geworden. Umweltdebatten werden heute sachlicher als noch in den 80er Jahren ausgetragen. Damals eskalierte etwa der Konflikt um den Bau der atomaren Wiederaufbereitungsanlage im oberpfälzischen Wackersdorf – und dies zunächst einmal verbal. Das lag sicher auch daran, dass die politisch und wirtschaftlich Mächtigen die Umweltbewegten als „Langhaarige“ nicht ernst nahmen und sie ihren Hochmut spüren ließen.

Unvergessen ist die Einlassung des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß, eine Wiederaufbereitungsanlage sei so sicher wie eine „Fahrradspeichenfabrik“. Dumm nur, dass sich die Demonstranten schon am Bauzaun der WAA nicht sicher fühlten und mit Wasserwerfern und anderen Methoden der Staatsgewalt in die Schranken gewiesen wurden.

Entsprechend schaukelte sich auf beiden Seiten die Stimmung auf. Statt Diskussion entstand Eskalation. Das läuft heute oft anders ab, wie die Auseinandersetzung der Fridays-for-Future-Bewegung mit dem Siemens-Konzern und dessen Beteiligung an einem Kohleabbau-Projekt in Australien zeigt. In dem Fall vermeidet ein anderer Bayer, nämlich Siemens-Chef Joe Kaeser, alles, was ihn überheblich gegenüber jungen Protestierenden erscheinen ließe.

Joe Kaeser diskutiert gerne, ob mit Journalisten oder zuletzt Klimaschützern wie Luisa Neubauer. Dabei versucht er mit sachlichen Argumenten zu punkten, was ihm zuletzt aber bei einem umstrittenen Projekt, an dem Siemens beteiligt ist, nicht so recht gelang.
Bild: Ulrich Wagner

Würde Franz Josef Strauß heute leben, er wäre vielleicht in Versuchung geraten, einige frotzelnde Worte etwa über die 23-jährige Luisa Neubauer als „deutsches Gesicht“ von „Fridays for Future“ zu kreieren. Der leidenschaftliche Stichler hätte sich zum Beispiel über den Umstand, dass junge Klimaaktivisten eine auffällige Neigung zum Mützentragen erkennen lassen (und das auch in geschlossenen Räumen), lustig machen können. Kaeser erhebt sich nicht über die neuen Vertreter der Öko-Bewegung. Der 62-Jährige begegnet ihnen auffällig auf Augenhöhe, preist deren Professionalität und ernsthafte Anliegen. Der Manager versucht also zu schlichten, auch wenn ihm das trotz cleverer Manöver nur zum Teil gelungen ist.

Luisa Neubauer kritisiert unverdrossen Siemens-Entscheidungen

Denn seine Gegenspielerin, die Hamburgerin Luisa Neubauer, ist nicht minder clever. Der durchaus findige Kaeser-Trick, die Fridays-for-Future-Bewegung väterlich zu umarmen, indem er ihrer deutschen Spitzen-Repräsentantin einen Sitz im Aufsichtsrat der neuen Energiesparte angeboten hat, verfängt nicht. Luisa Neubauer entgegnete freundlich, aber kühl, sie kenne natürlich das Aktienrecht und wisse, dass sie als Siemens-Aufsichtsrätin nicht so unabhängig wie jetzt agieren könne. Deswegen erteilte die Frau Kaeser einen Korb und konfrontierte ihn mit dem Gegenvorschlag, doch einen Wissenschaftler in das Kontrollgremium aufzunehmen.

Schachzug folgt auf Schachzug, eine konstruktive Idee jagt die andere in dem interessanten Diskurs eines Mannes, der sich als einer der mächtigsten Manager der Welt im Winter seiner Karriere befindet, und einer Frau, für die noch alles im Leben möglich erscheint. Dabei mutet Kaesers Idee, Luisa Neubauer als seine schärfste Kritikerin in den Aufsichtsrat zu holen, an, als hätte Strauß damals den Wackersdorf-Rebellen und Sozialdemokraten Hans Schuierer in sein Kabinett befördert, was er als Sturkopf natürlich nicht mal in Erwägung gezogen hat.

Doch dem Siemens-Chef nützt alle Diskussions- und Integrationswilligkeit nichts. Luisa Neubauer kritisiert unverdrossen das Festhalten Kaesers an der Entscheidung, Signalanlagen für eine Bahn zu liefern, die Kohle aus einem Abbaugebiet in Australien zu einem Hafen bringt. Die Fridays-for-Future-Bewegung teilte dazu mit: „Die Entscheidung macht die Bestrebungen von Kaeser, den Siemens-Konzern zukunftsgerichtet wirken zu lassen, vollständig zunichte.“ Mit dem „Ja“ zum katastrophalsten Kohleminen-Projekt der Welt trete er die nachhaltigen Bestrebungen seines Unternehmens in die Tonne. Nun folgt ein Satz, der dem Manager sicher wehtut, hält er sich doch zugute, seine Entscheidungen auch an moralischen Kriterien zu orientieren. Die Umwelt-Aktivisten ermahnen ihn aber: „In Zeiten der Klimakrise müssen gerade auch Konzerne Wort halten und ihre Versprechen zum Klimaschutz einhalten.“ Dazu gehöre eben auch, sich nicht am Bau eines Wahnsinns-Projekts zu beteiligen, das im Alleingang das weltweite 1,5-Grad-Ziel gefährde. Nun werden Fridays-for-Future-Anhänger die Siemens-Hauptversammlung am 5. Februar zu Protesten nutzen. Mitglieder der Organisation haben ein Gespür dafür, wie sich Themen am besten öffentlichkeitswirksam spielen und die Sympathiewerte der eigenen Organisation erhöhen lassen. Auch das haben sie dem umweltbewegten Teil ihrer Elterngeneration zumindest in den 80er Jahren voraus.

Noch weitere kritische Projekte von Siemens?

Folglich suchten sich die Klima-Jungaktivisten bewusst das Australien-Geschäft aus, auch wenn es mit rund 18 Millionen Euro ein für Siemens vergleichbar kleines Volumen besitzt. Doch selbst als Unterlieferant eines Kohleabbau-Programms lässt sich der Konzern leicht attackieren. Schließlich geht es um ein Land, das mit seinen apokalyptisch wirkenden Bränden zu einem Symbol der Klimakatastrophe geworden ist. Da sammelt Kaeser, der sich für Vertragstreue statt Vertragsbruch entschieden hat, also an der Lieferung der Signalanlagen festhält, kaum Pluspunkte.

Noch kann der Manager froh sein, wenn die Klimaschützer nicht weitere problematische Projekte ausmachen, bei denen sie Siemens in die Umwelt-Sünderecke stellen können. Das Unternehmen verkauft zwar immer mehr Technologie, mit der sich der CO2-Ausstoß bei der Energieerzeugung verringern lässt, doch nach wie vor bietet es Turbinen für Kohlekraftwerke an. Eine derartige Anlage entsteht im chinesischen Pingshan – und das auch mit Siemens-Technik, wie ein Firmensprecher einräumt.

Man darf gespannt sein, wann Luisa Neubauer auch in dieser CO2-Wunde zu bohren beginnt.

Lesen Sie dazu den Kommentar: Siemens steht am Klima-Pranger und ist selbst schuld daran

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14.01.2020

Joe Kaeser agiert professioneller als Franz Josef Strauß?
Ich würde eher sagen, sein Handeln ist verlogener: Er führt Gespräche mit Umweltaktivisten, obgleich von vornherein feststeht, dass er deren Forderungen nicht annähernd erfüllen kann (z. B. "Vertragstreue"). Und dann auch noch der Versuch, sie mit einem Aufsichtsratsposten zu "kaufen".

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