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Geburtshilfe

03.11.2017

Beruf Hebamme: „Idealismus gehört dazu“

Auf der Veranstaltung der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen ging es um den Beruf der Hebamme.
Bild: Symbolfoto: Uli Deck/dpa

Bei einer Diskussion der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen stehen die Berufsbedingungen im Fokus. Daraus ergeben sich auch für werdende Mütter Probleme.

Weil es nicht mehr genug Hebammen gab, ist seit Ende 2016 der Kreißsaal im Krankenhaus in Schrobenhausen geschlossen. Immer mehr Hebammen würden aus der Geburtshilfe aussteigen, berichtete Christina Steinocher, Kreissprecherin der Hebammen in Augsburg. Unter dem Motto „Geburt ohne Hebamme – Frauen haben keine Wahl?!“ diskutierte sie am Montagabend zusammen mit Berufskolleginnen bei einer Veranstaltung der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (ASF) Aichach über Berufsbedingungen und die sich daraus ergebenden Probleme für Frauen.

Eine Geburt ohne Betreuung durch eine Hebamme war vor einigen Jahren noch unvorstellbar. Das weiß Landtagsabgeordnete Simone Strohmayr (SPD) aus eigener Erfahrung. Als das erste ihrer drei Kinder 1992 auf die Welt kam, „war es völlig normal, dass man bei der Vorbetreuung und der Geburt nur eine Hebamme hatte“. Bei der Geburt ihrer jüngsten Tochter vor wenigen Jahren sei sie dagegen fast nur ärztlich betreut worden.

Theoretisch haben Frauen während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett Anspruch auf die Betreuung durch eine Hebamme. Praktisch sei es aber so, dass viele Frauen bereits nach der Geburt ohne Hebamme dastehen, so die ASF-Vorsitzende Kristina Kolb-Djoka. „Hintergrund ist, dass der Hebammenberuf unter den aktuellen Bedingungen nicht mehr attraktiv erscheint.“

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Die aktuelle Situation mache es nicht leicht, bestätigte Pia Huber, Zweite Kreissprecherin in Augsburg, und fasste es so zusammen: „Hebammen wurden früher verbrannt, heute verheizt.“ Früher habe jede Geburtshelferin nur eine bestimmte Kapazität an Frauen übernommen. Die abnehmende Zahl an Hebammen führt jedoch dazu, dass die Verbliebenen dem Andrang kaum gewachsen sind. Und das bei steigenden Geburtszahlen.

Sie habe schon jetzt Wochenbettanfragen für April, sagt Huber. Eine Zuhörerin, die als freiberufliche Hebamme in Aichach arbeitet und nur noch Vor- und Nachsorge macht, erzählte Ähnliches. „Ich bin bis April komplett ausgebucht.“ Als psychisch belastend empfindet sie für sich, dass sie viele werdende Mütter abweisen muss beziehungsweise Anfragen schon gar nicht mehr beantwortet: „Um kein Burn-out zu kriegen, habe ich die Klappe geschlossen.“ Das sei nicht ihre Vorstellung vom Beruf einer Hebamme gewesen, betonte die Zuhörerin.

„Sehr schön“ sei die Geburtshilfe am Aichacher Krankenhaus, berichtete Dagmar Schmaus. Sie ist eine von sechs Beleghebammen und zwei Belegärzten, die dort arbeiten. „Wir sind nur ein kleines Haus“, sagte Schmaus. Jährlich kommen hier rund 350 Kinder zur Welt. Der Verdienst sei allerdings nicht so lukrativ wie in einem großen Haus. Wenn man zurückrechne, was man als Freiberufler zum Beispiel für die Berufshaftpflicht zahle, dann sei es im Grunde ein Arbeitsplatz, der sich nicht rechne, so Dagmar Schmaus. „Es gehört meiner Meinung nach ein gesunder Idealismus dazu, Geburtshilfe aus einer Hand anzubieten.“

Gerade für die freiberuflich arbeitenden Beleghebammen sei der Beruf zunehmend unwirtschaftlich geworden, sagte Steinocher. Als Grund nannte sie die geringe Grundvergütung und die überproportional angestiegenen beruflichen Kosten. Daran ändere auch die kürzlich beschlossene Honorarerhöhung nichts, sagte die Kreissprecherin und verweist auf die hohen Versicherungsprämien, die Freiberufler zahlen müssen. Laut dem Bayerischen Hebammen-Landesverband stiegen die Prämien von 357,90 D-Mark (1999), rund 180 Euro, auf rund 6800 Euro (2016) an. Dazu kommt, dass Hebammen mit ihrem Privatvermögen haften, wenn die Deckungssumme ihrer Haftpflichtversicherung aufgebraucht ist.

Eine Lösung wäre ein Haftungsfond, sagte Huber. Weitere Verbesserungsvorschläge waren eine Vergütungsmöglichkeit für die Rufbereitschaft der Hebammen zu finden, berufliche Einschränkungen zu lockern und mehr über die Spätfolgen eines Kaiserschnittes zu forschen. „Bevor man ein Haus schließt, sollte man prüfen, ob man die Versorgung anders sicherstellen kann“, sagte Pia Huber. Steinocher ergänzte: „Wir haben keinen Hebammenmangel. Aber wir brauchen gewisse Arbeitsbedingungen, um sie wieder in Arbeit zu bringen.“

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