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Kühbach/Altomünster

10.07.2010

Trinkwasser, Energie und Dünger aus der "Kläranlage der Zukunft"

Die Altomünsterer Kläranlage unweit des Ortsteils Unterzeitlbach könnte ein Vorbild für andere Kommunen sein. Dort läuft seit Dezember der Probebetrieb für die "Kläranlage der Zukunft" mit ersten vielversprechenden Ergebnissen. Foto: ech
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Die Altomünsterer Kläranlage unweit des Ortsteils Unterzeitlbach könnte ein Vorbild für andere Kommunen sein. Dort läuft seit Dezember der Probebetrieb für die "Kläranlage der Zukunft" mit ersten vielversprechenden Ergebnissen. Foto: ech
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Es ist ein europaweit einmaliges Pilotprojekt, die Macher selbst sprechen von der "Kläranlage der Zukunft" und es könnte Bürgern und Kommunen enorme Kosten sparen: Von Carmen Jung

Kühbach/ Altomünster. Es ist ein europaweit einmaliges Pilotprojekt, die Macher selbst sprechen von der "Kläranlage der Zukunft" und es könnte Bürgern und Kommunen enorme Kosten sparen:

Unter anderem mit Know-how aus dem Landkreis Aichach-Friedberg ließ die Marktgemeinde im Nachbarlandkreis Dachau im Dezember ihre wenige Jahre alte Kläranlage "ohne gravierende Umbauten" (Bürgermeister Konrad Wagner) aufpäppeln. Sie will die Leistung von 10 000 Einwohnerwerten auf bis zu 15 000 steigern, sodass sie sich den Bau einer weiteren zwei Millionen Euro teuren Anlage sparen könnte. Erste Ergebnisse des Probelaufes sind vielversprechend.

Einzigartiges Konzept kostet keine Millionen

Trinkwasser, Energie und Dünger aus der "Kläranlage der Zukunft"

Stefan Schneider machte jüngst den Kühbacher Gemeinderat hellhörig auf das Projekt ("Dieses Konzept ist einzigartig"). Dort steht bis 2017 ein Kläranlagenneubau an, vermutlich zusammen mit dem Nachbarn Inchenhofen. Und Schneider, selbst Mitglied des Gremiums, glaubt, dass nicht zwangsläufig Millionensummen investiert werden müssen, sondern "ein paar 100 000 Euro" reichen könnten. Kläranlagen könne man "so ertüchtigen, dass Trinkwasser rauskommt". Er verwies auf das Altomünsterer Projekt, bei dem er selbst beruflich die Hände im Spiel hat. Schneider ist Mitglied der Geschäftsleitung der Firma dataprofit (Sitz Friedberg, Außenstelle Altomünster), die eine Online-Überwachung von Kläranlagen von jedem Standort aus ermöglicht. Neben Reinhard Dietrich (ebenfalls Kühbach) gehört der Geschäftsleitung auch Andreas Kottermair aus Altomünster an. Der Umweltingenieur, der bei den Kommunen im Wittelsbacher Land kein Unbekannter ist, ist federführend beim Altomünsterer Projekt.

Auslöser waren die Kosten für eine neue Kläranlage, die Altomünster eigentlich jetzt für den Bereich Wollomoos und Thalhausen bauen müsste. Die machten Wagner Kopfzerbrechen. Er wandte sich an Kottermair und der arbeitete sich rein, wie er selbst sagt. Als Glücksgriff bezeichnet er die über einen Bekannten zustande gekommene Verbindung zur Luxemburger Shieergruppe, mit deren Hilfe man die Mikrobiologie "auf eine ganz andere Basis" habe stellen können. Schadstoffe würden nun viel schneller abgebaut, selbst bei kalten Temperaturen. Neubauten könnten wesentlich kleiner konzipiert, alte Anlagen nachgerüstet werden. Die Unterzeitlbacher Anlage soll so etwa ein Drittel mehr Abwasser reinigen. Der Probebetrieb - umgesetzt sind die belastungsgesteuerte Belüftung und die neue Mikrobiologie - läuft seit Mitte Dezember. "Die Werte, die jetzt rauskommen, sind so was von gut", freut sich Bürgermeister Wagner. "Aus ganz Deutschland" kommen inzwischen Anfragen und Besucher. Beispiel Nitrat: Der Wert im geklärten Wasser verbesserte sich von 10,6 Milligramm pro Liter auf 0,093, bei Phosphat von 0,86 auf 0,258. Ergebnisse, "die alle ins Staunen" brachten, so Kottermair.

"Ich bin von dem, was ich mache, überzeugt", so Kottermair. Deshalb übernahm er auch selbst die volle Verantwortung und ging finanziell in Vorausleistung für den Altomünsterer Probebetrieb. Das erleichterte dem Gemeinderat die Entscheidung und so war die Zustimmung des Wasserwirtschaftsamtes (WWA) München möglich. Sachgebietsleiter Hermann Lautenschlager gibt anfängliche Skepsis zu. Er begleite das Altomünsterer Projekt aber gerne und hat inzwischen veranlasst, dass ein Student seine Diplomarbeit darüber verfasst. Von einer Revolutionierung der Abwasserentsorgung aber will der Fachmann noch nicht sprechen. Ähnliche Hightech-Maßnahmen würden auch schon bei Großkläranlagen an der Isar angewandt. Für eine Anlage dieser Größenordnung sei das Konzept aber vollkommen neu. Den ersten Erfolg bezeichnet er als "ganz beeindruckend", auch sei er guter Dinge, "dass wir weiterkommen", so Lautenschlager, der den unternehmerischen Mut Kottermairs bewundert. Das WWA will die Ergebnisse ein Jahr lang beobachten und dann über die wasserrechtliche Erlaubnis entscheiden.

Sogar Antibiotika werden in der Anlage ausgefiltert

Abwartend vorsichtig ist Lautenschlager, was die Stufe II des Konzeptes anbelangt: Noch im Sommer ist der Einbau von zwei sich selbst reinigenden, patentierten Biofiltern geplant, die derzeit eine Firma aus dem Wittelsbacher Land entwickelt. Sie sollen sogar endokrine Stoffe wie Antibiotika und Hormone aus dem Wasser fischen - ein bislang praktisch ungelöstes Problem. "Wir wollen nicht nur sauberes, sondern sehr sauberes Wasser haben, Trinkwasserqualität", betont Kottermair.

Möglicherweise findet das Unterzeitlbacher Modell, das im Endausbau auch noch aus Klärschlamm Energie und Dünger gewinnen will, Nachahmer. Am 30. Juli treffen sich die Kreisbürgermeister. Auf der Tagesordnung steht die "Kläranlage der Zukunft". Von Carmen Jung

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