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Aichach

23.11.2016

Wiederentdeckter Film zu NSDAP-Parteitag: Vorführung in Aichach überfüllt

Während des Kreisparteitags der NSDAP vom 27. April bis 1. Mai 1938 in Aichach drehte Norbert Knabl, Lehrer aus Aichach und Leiter der Bezirksbildstelle, einen Film.
Bild: Film: Norbert Knabl, Repro: Nicole Simüller

Plus Über 500 Menschen wollten bei einer Vorführung den Film von 1938 über den NSDAP-Kreisparteitag in Aichach sehen. Weitere Termine sind geplant.

Dass viele Menschen den Film von 1938 über den NSDAP-Kreisparteitag in Aichach sehen wollen, war zu erwarten gewesen. Doch mit einem solchen Ansturm hatten Stadt und Stadtmuseum nicht gerechnet. Im völlig überfüllten Pfarrzentrum reichten am Montag die 400 Sitzplätze bei Weitem nicht. Die Besucher drängten sich stehend an den Wänden und an der Tür. Insgesamt waren wohl über 500 da.

Am Dienstag kündigte Christoph Lang, Stadtarchivar und Leiter des Stadtmuseums, auf Nachfrage weitere Vorführungen an. Wann und wo ist noch offen. Auch Vereine haben bei ihm angefragt. Lang ist bereit dazu. Allerdings werde er den Film stets nur nach einem einleitenden Vortrag zeigen, stellt er klar.

Am Montag teilten sich Lang, Prof. Günther Kronenbitter vom Lehrstuhl für europäische Ethnologie und Volkskunde der Uni Augsburg sowie Angelika Pilz die Einleitung. Pilz schrieb bei Kronenbitter eine Masterarbeit über den 25-minütigen, tonlosen Film von 1938.

Bürgermeister Klaus Habermann dankte der Uni Augsburg für die wissenschaftliche Begleitung und unterstrich: „Es war für uns von Anfang an klar, dass wir diesen Film nicht verstecken.“ Ausdrücklich dankte er der Familie des Filmers Norbert Knabl, die die in Vergessenheit geratenen Filmrollen der Stadt übergeben hatte.

Nationalsozialisten fassten nach Machtergreifung Fuß in Aichach

Lang erläuterte, dass die Nationalsozialisten im Bezirk Aichach, dem Vorläufer des Altlandkreises, lange keinen Fuß fassten konnten. Das änderte sich mit der Machtergreifung. Im März 1933 wurden erste Kommunisten in sogenannte Schutzhaft genommen. Der Stadtrat wurde aufgelöst. Das Bezirksamt schrieb im Sommer von zunehmendem Misstrauen der Menschen untereinander. Wer die Ideologie der Nationalsozialisten nicht teilte, musste Repressalien fürchten.

Dieses Misstrauen spielte laut Kronenbitter eine große Rolle, ebenso die Selbstinszenierung der Nationalsozialisten. Sie sei beim Kreisparteitag Hand in Hand gegangen mit Sport, Trachten und Volksfeststimmung. Ein Tennisturnier nahe dem heutigen Pfarrzentrum ist genauso zu sehen wie Turnübungen vor dem Heim der Hitlerjugend, dem späteren BCA-Heim, oder ein Marsch des SS-Totenkopfverbands aus dem Konzentrationslager Dachau mit geschulterten Gewehren.

Angesichts der im Film enthaltenen paramilitärischen Übungen sprach Kronenbitter von einer „paramilitärischen Durchdringung des Volkes im Dritten Reich“. Er rief dazu auf, an das Schicksal derer zu denken, die nicht mitmachten oder die nicht aus dem Krieg zurückkamen. Stadtarchivar Lang zufolge kehrten 250 Aichacher nicht heim.

Autorin von Masterarbeit: Kreisparteitage mit bewusst regionalem Anstrich

Wie Angelika Pilz erklärte, hatten Kreisparteitage den Zweck, „Parteiführung, Parteibasis und Bevölkerung zu einer Volksgemeinschaft zusammenzuführen“. Bewusst sei ihnen ein regionaler Charakter gegeben worden. Sie seien populär gewesen. Viele Menschen seien aber über Schulen und Organisationen verpflichtet worden zu kommen.

Pilz, die sich sehr gezielt auf den Abend in Aichach vorbereitet hatte, arbeitete die Unterschiede zwischen Inszenierung und Wirklichkeit kenntnisreich heraus. Der Parteitag der Kreise Aichach, Dachau und Schrobenhausen sollte als Gemeinschaftsleistung der Bevölkerung propagiert werden. Wie Pilz verdeutlichte, folgte aber etwa der Fahnenschmuck einem exakten Plan. Er legte sogar fest, wo wie viele Zweige hängen sollten.

Neben Ausstellungen im Bezirksamt und im Knabenschulhaus gab es unter anderem Freilichtvorführungen von Propagandafilmen und parteiinterne Tagungen. Beim Generalappell mit fast 10000 Leuten auf dem Exerzierplatz, dem heutigen Volksfestplatz, wurde ein Staatsakt aus Berlin mit einer Rede Adolf Hitlers live übertragen.

Film macht die Zuschauer im Aichacher Pfarrzentrum nachdenklich

Die Zuhörer, unter ihnen Altbürgermeister Heinrich Hutzler, viele Stadträte, Altlandrat Christian Knauer sowie die Bürgermeister aus Kühbach und Inchenhofen, Hans Lotterschmid und Karl Metzger, verfolgten die Vorträge und den Film interessiert. Zum Ende der Ausführungen von Angelika Pilz wurde das Murmeln lauter – vor allem unter denen, die stehen mussten. Als sie ankündigte, dass nun der Film zu sehen sei, johlten einige Zuhörer höhnisch, um ihr Missfallen über den in ihren Augen zu langen Vortrag zu äußern. Pilz blieb nicht einmal Zeit für abschließende Worte.

Als der Film begann, kehrte rasch wieder aufmerksame und zum Teil nachdenkliche Stille ein. Nur ab und zu gab es Gelächter, als beispielsweise ein Koch mit einem halben Schlachttier über der Schulter auf dem Weg zur Gauküche zu sehen war, wo auswärtige Gäste verpflegt wurden. Besondere Aufmerksamkeit herrschte, wenn Lang erklärte, welche Plätze der Film gerade zeigte.

Angesichts der fortgeschrittenen Zeit wurde der zweite Film von 1938 schneller als geplant abgehandelt. Der achtminütige Streifen zeigte die Erhebung des Parteistützpunkts Unterbernbach zur Ortsgruppe, zu der auch Inchenhofen, Sainbach und Oberbachern gehörten. Unterbernbach war laut Lang „einer der frühesten Stützpunkte der NSDAP im Bezirk Aichach“. Bis dahin gab es nur in Aichach, Altomünster, Aindling und Pöttmes Ortsgruppen. 1938 kamen acht Weitere hinzu. Die Veranstaltung fand in Inchenhofen statt. Auch hier warf der Zweite Weltkrieg seine Schatten voraus: HJ-Jungen sind bei einer Sanitätsübung auf einem fingierten Schlachtfeld zu sehen.

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