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Stadel/Gessertshausen

06.11.2017

Leonhardiritt: Ein großer Tag für Ross und Reiter

Der traditionelle Leonhardiritt von Oberschöneberg nach  Stadel.
Bild: Marcus Merk

Prächtig geschmückt ziehen Pferde und Kutschen bei den Leonhardiritten nach Stadel und durch Gessertshausen. Viele Teilnehmer bereiten sich aufwendig vor.

An diesem Sonntag ist Kerstin freiwillig früh aufgestanden – schon um 6 Uhr, erzählt die Elfjährige. Zusammen mit ihrem Papa Robert Schmid hat sie die Pferde gewaschen, gestriegelt und ihre Mähnen geflochten. Denn an diesem Tag sollen Schorschi und Annette schön aussehen: Es ist Leonhardiritt in Stadel. Die Elfjährige aus Ettelried ist heuer zum ersten Mal dabei und darf auf der Kutsche mitfahren. Ihr Vater macht das schon seit mindestens 20 Jahren, erzählt er. Und nachmittags geht es auch noch zum Leonhardiritt nach Balzhausen.

Die Pferde von Familie Schmid ziehen den Wagen mit dem Modell der Leonhardskapelle. Die ist auch das Ziel der morgendlichen Prozession: Das Kreuz voran, ziehen mehr als 40 Pferde, sieben Kutschen und Wagen, die Aretsrieder Blaskapelle und einige Gläubige über die herbstlichen Felder von Oberschöneberg nach Stadel. Dort umrunden Ross und Reiter dreimal die Kapelle, die dem heiligen Leonhard geweiht ist. Seit Jahrhunderten wird er als Patron des Viehs verehrt, so entstanden die Pferde-Wallfahrten. Im Augsburger Land fanden gestern zwei statt: in Stadel und in Gessertshausen. Viele Reiter nehmen schon seit Jahren daran teil, sind also echte Stammgäste. So wie Monika Businger und ihre Tochter Julia aus Dinkelscherben. Sonst ritten sie auch immer in Gabelbachergreut mit, aber da musste die Wallfahrt ja heuer ausfallen, wegen Sturm Herwart.

Auch für Johanna Zott aus Ried gehören die Leonhardiritte zum Herbst dazu. Heuer ist sie auf dreien dabei: in Roßhaupten, Großaitingen und Stadel. Auf ihrer Kutsche dürfen die Ministranten mitfahren. Die Haflinger Heidi und Heike ziehen den Wagen. „Wir haben sie selbst gezüchtet, sie kennen das von klein auf“, erzählt Johanna Zott. Der Rummel mit den vielen Menschen stört die Tiere nicht. Im Gegenteil: „Die Musik gefällt ihnen.“ Frühmorgens hat sie die Pferde schick gemacht, Blumen und Bänder in den Schweif geflochten. Und natürlich hat sie auch die Kutsche, einen Jagdwagen aus dem 19. Jahrhundert, geschmückt.

In Gessertshausen finden die Pferdesegnung und der Umritt traditionell nach dem Patroziniumsgottesdienst statt. Besonders viele Pferde sind aus der Reitschule von Karin Gleich aus Weiherhof gekommen. Schon früher war der Leonhardiritt in Gessertshausen eine schöne Tradition, doch dann schlief sie ein. 2010 ließ man ihn wieder aufleben. Karin Gleich erzählt, dass sie der Umzug schon als Kind begeistert hat. „Schon damals stand ich mit großen Augen am Weg und sah zu.“ Heute reitet sie selbst mit. Die Kälte mache den Pferden nichts aus, beruhigt sie. Das lange Stehen und die ungewohnte Musik könnten für die Tiere aber schon aufregend sein. Gerade für junge Pferde sei das eine gute Übung: nicht sofort dem Instinkt zu folgen und wegzurennen. Das klappt an diesem Tag gut. Vier Ponys, neun Pferde, die Fahnenabordnungen der örtlichen Vereine und die Kutsche von Martin Mayer aus Kutzenhausen mit Bürgermeister Jürgen Mögele und dem neuen Pfarrer Ralf Putz ziehen über die Hauptstraße. Am Straßenrand stehen viele Zuschauer, darunter auch Annemarie Schmuck und ihr Ehemann. Sie sind zum ersten Mal zur Pferdesegnung auf den Kapellenberg gekommen und freuen sich nun über den tierischen Umzug.

Leonhard ist nicht nur Patron des Viehs, er hat auch den Menschen etwas zu sagen, betont Pfarrer Roland Wolff beim Gottesdienst an der Leonhardskapelle in Stadel. Denn von dem Heiligen ist überliefert, dass er sich um Gefangene gekümmert, sie von den Fesseln befreit und ihnen eine Aufgabe gegeben hat – „resozialisiert“ würde man heute sagen. Deshalb wird Leonhard mit Ketten dargestellt. Erst später hat man die auf das Vieh übertragen. „Auch der moderne Mensch kettet sich an Dinge“, sagt Pfarrer Wolff. Der heilige Leonhard könne als Fürsprecher helfen, die Menschen von den Fesseln des Egoismus und der Macht zu befreien.

Eine Bildergalerie von den Leonhardiritten in Stadel und Gessertshausen finden Sie hier.

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