Biberbach

16.05.2018

Alles auf drei Räder gesetzt

Auf den Radwegen rund um seinen Heimatort Biberbach bereitet sich Handbike-Fahrer Wolfgang Almer auf die deutschen Meisterschaften am Pfingstwochenende in Köln vor. Von dort aus will der querschnittsgelähmte Sportler den Weg zu den Paralympics nach Tokio einschlagen.
Bild: Oliver Reiser

Der querschnittsgelähmte Handbike-Fahrer Wolfgang Almer bereitet sich in seiner Heimat auf die Deutschen Meisterschaften vor. Doch seine Ziele liegen weiter entfernt

Wolfgang Almer hat schon mehrere sportliche Karrieeren hinter sich. Zunächst schwebte der 1,90 Meter große Modellathlet am Gleitschirm durch die Lüfte. Um seine Leidenschaft zum Beruf zu machen, zog er sogar nach Tirol. Er absolvierte die Ausbildung zum Fluglehrer und Tandempilot sowie als Rafting-Guide. Dann spezialisierte er sich auf Akrobatikfliegen. Bis sich am 2. Februar 2006 bei einer Figur der Schirm verdrehte. Almer stürzte ab. Direkt auf die völlig vereiste Streif. Mit dem Rettungshubschrauber wurde er von der berühmten Abfahrtsstrecke in Kitzbühel zu Tal geflogen. Die Diagnose war niederschmetternd: Inkomplette Querschnittslähmung. Der erste Lendenwirbel war völlig zertrümmert, Splitterteile in den Rückenmarkskanal eingedrungen. Für Wolfgang Almer begann nach Wochen im Krankenhaus und Monaten in der Reha das Leben im Rollstuhl.

Doch Wolfgang Almer wollte den Sport nicht aufgeben. Bereits zwei Jahre nach dem Unfall begann er mit dem Rollstuhlbasketball, stieg mit seinem Team aus Salzburg aus der 2. deutschen Bundesliga in die erste Liga auf, erhielt dann ein Angebot des Teams aus Zwickau, das zu den europäischen Topklubs gehörte. Ein Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule beendete auch diese Karriere.

Doch Wolfgang Almer entdeckte eine neue Leidenschaft: das Handbike. Im Frühsommer 2014 kaufte sich Wolfgang Almer ein gebrauchtes Gefährt für knapp 300 Euro. Als Senkrechtstarter raste er bei Europacup-Rennen und nationalen Meisterschaften an die Weltspitze, doch für eine Teilnahme an den Paralympics in Rio war das zu spät. Doch diesen Traum hat er nicht aufgegeben. Seitdem hat Almer sein Leben komplett dem Handbikesport verschrieben, trainiert nach einem strengen Plan unter Profibedingungen, hat seine Ernährung total auf vegetarische Kost umgestellt. „Den Begriff ’Profi’ finde ich nicht richtig, weil ein ’Profi’ von seinem Sport leben kann“, sagt Almer, der mehr trainiert, als jeder Fußballer und eine Pension vom österreichischen Staat bekommt. „Private Sponsoren aufzutreiben ist sehr schwer“, sagt er.

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Mittlerweile steht ein Handbike in der Garage seines Elternhauses, das in einer Manufaktur in Oberösterreich hergestellt wurde. Kostenpunkt 13000 Euro. Die Liegefläche hat er selbst mit Bauschaum auf seinen Rücken angepasst. Den Weg vom Haus zur Garage schafft er allein. „Inkomplette Querschnittslähmung bedeutet, dass noch eine Restfunktion vorhanden ist“, so Almer, der mit zähem Training an sich gearbeitet hat, sogar wieder in paar Schritte gehen kann. Geschickt verstaut er seine langen Beine in dem Gefährt mit drei Rädern. Drei verschiedene Vorder- und zwei Paar Hinterräder sind im Transporter immer dabei. „Handbike fahren ist auch eine Materialschlacht. Es reicht nicht nur zu trainieren.“ Unterstützung bekommt er dabei von seinem adviva-Team, das zumindest die Reifen stellt.

Saisonbeginn mit einen schmerzhaften Crash

Nachdem die Saison 2018 im ersten Rennen in Italien mit einem äußerst schmerzhaften Crash begann („Ich bin zu schnell in die Kurve, habe mich überschlagen und Blessuren an Händen, Ellenbogen und Knien davongetragen. Auch das Bike musste repariert werden.“) feierte Wolfgang Almer einen äußerst erfolgreichen Auftakt bei seinem ersten Weltcuprennen in Oostende (Belgien). Als bester Deutscher belegte er den fünften Platz, hat sich damit nun für die Nationalmannschaft qualifiziert. Dadurch hofft er, seinem angestrebten Ziel, den Paralympics 2020 in Tokio (Japan) näher zu kommen. Für diese Unterfangen hat er alles auf eine Karte, respektive auf drei Räder, gesetzt. „Wenn ich es dieses Jahr nicht ins Nationalteam schaffe, dann muss ich es lassen.“ Auch den Verein und den Trainer hat er gewechselt. Statt für das Union Raiffeisen Radteam Tirol fährt er nun für den GC Neudorf bei Hannover. Als Proband für eine Studie der Sporthochschule Köln wird er nun von Dr. Sebastian Zeller betreut. „Das Beste, was mir passieren konnte.“

Übers Internet kommt auch der Trainingsplan, den Wolfgang Almer im Hinblick auf die deutschen meisterschaften, die über Pfingsten in Köln stattfinden, in der Heimat absolviert. Vom Biberbacher Ortsteil Albertshofen startet er seine Runde über Meitingen, Kühlenthal, Donauwörth, Buttenwiesen, Wertingen und wieder zurück. Unterwegs ist er dabei überwiegend auf Radwegen. „Auf der Straße muss man sehr achtsam sein. Vor allem, wenn jetzt dann der Mais wieder höher steht.“ Damit er von den Autofahrern auf seinem tief gelegten Handbike gesehen wird, hat er am Heck eine hohe Fahne angebracht. Manchmal kurbelt er dabei über 150 Kilometer ab. Er will schließlich nichts unversucht klassen, sein Ziele zu erreichen.

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