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Region Augsburg

29.11.2019

Experten sehen 365-Euro-Ticket im Nahverkehr kritisch

Für das Jahr 2019 gehen die Stadtwerke von 64 Millionen Fahrgästen aus.
Bild: S. Wyszengrad (Archiv)

Plus Tarifverbund, Stadtwerke und Bahnunternehmen diskutieren über Änderungen der Tarifreform. Ihr Credo: Der Preis entscheidet nicht allein, ob ÖPNV attraktiv ist.

Ein 365-Euro-Ticket ohne Zeitbeschränkung, wie es SPD und Grüne fordern, wird im Verkehrs- und Tarifverbund (AVV) kritisch gesehen. "Wenn dadurch zu Spitzenzeiten mehr Fahrgäste kommen, müsste man vorher mehr Kapazitäten schaffen", so Interims-AVV-Geschäftsführer Andreas Mayr am Freitag bei einer von der Stadt organisierten Expertenanhörung.

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Heute würde man eine Reform wohl anders konzipieren

Verkehrsfachleute, Fahrgastverbände und Politiker diskutierten über Änderungen der Tarifreform von 2018. Die war zum einen Teil auf heftige Kritik bei Fahrgästen gestoßen. Zum anderen, so Bürgermeisterin Eva Weber (CSU), habe sich die Welt weitergedreht. Angesichts von Stickoxid- und CO2-Debatte sowie der besseren Förderung des Freistaats würde man heute eine Reform wohl anders konzipieren. Darüber wurde diskutiert:

Das 365-Euro-Abo wird im Wahlkampf eine Rolle spielen

Das 365-Euro-Ticket wird – weil es ein griffiger Begriff ist – im Kommunalwahlkampf wohl eine Rolle spielen. Die Augsburger CSU hat sich dazu bisher nicht klar positioniert. Von den Fachleuten auf dem Podium, die allesamt den heutigen Nahverkehr in Augsburg und der Region gestalten, gab es ablehnende Signale. In Wien, das häufig als Vorbild genannt wird, sei der Anteil des öffentlichen Nahverkehrs am Gesamtverkehr mit 40 Prozent hoch (Augsburg: 17 Prozent), doch das sei auch schon vor Einführung des 365-Euro-Abos der Fall gewesen, so AVV-Chef Mayr. "Wien hat vorher investiert und ausgebaut, die Fahrgastzahlen erhöht und dann die Preise gesenkt."
Auch bei den Bahnunternehmen gibt es Bedenken. Ein 365-Euro-Abo, das auch in der Hauptverkehrszeit gültig ist (bisher gibt es das Angebot im AVV ab 9 Uhr), bringe Einnahmeverluste, so Bastian Goßner vom Bahnunternehmen Go Ahead, das ab 2022 das Fuggerexpress-Netz übernehmen wird. "Und wenn wir neue Fahrgäste anziehen, die Kapazitäten aber nicht haben, enttäuschen wir Stammkunden und neue Kunden."
Ohne Widerspruch blieben die Ausführungen nicht. "Wenn man alles Bestehende nur verteidigt, kommen wir nicht weiter", so CSU-Stadtrat Max Weinkamm. Für Kreisrätin Magdalena Federlin (Grüne; Aichach-Friedberg) ist es eine "etwas luxuriöse Sichtweise", dass der Fahrpreis keinen Einfluss auf die Attraktivität hat. Ein 365-Euro-Abo sei angesichts der Bartarife sehr wohl interessant. Ihre Partei-Kollegin Silvia Daßler (Landkreis Augsburg) sagte, dass man sich eben Gedanken machen müsse, wie man Kapazitäten erhöht, statt die Diskussion abzuwürgen. "Bei einer Tarifreform, die nicht mehr kosten darf, hat man halt die Diskussionen, die wir jetzt führen. Jede Verbesserung kostet Geld."

Experten sehen 365-Euro-Ticket im Nahverkehr kritisch

Für Gelegenheitsfahrgäste wurde es durch die Tarifreform deutlich teurer

In Augsburg sorgte der Wegfall der inneren Zone 10 bei einem Teil der Gelegenheitsfahrgäste für den doppelten Fahrpreis – und entsprechenden Ärger. Stadtrat Weinkamm sagte, dass dieser Punkt immer noch an vielen Augsburgern nage. "Sie beschweren sich nicht mehr, aber sie ärgern sich." Das neu eingeführte Kurzstreckenticket kompensiere die Zonenstreichung nicht, selbst bei Besorgungen innerhalb des Stadtteils. "Und jedes Mal werden die Leute daran erinnert, dass sie Preisstufe 2 statt 1 zahlen müssen", so Weinkamm. Zur Frage, inwieweit sich bei diesem Thema etwas ändern könnte, schwiegen die Fachleute auf dem Podium.

Kritik am Wegfall des Seniorenabos

Roland Lösch vom Seniorenbeirat bekräftigte die Kritik am Wegfall des Seniorenabos, das durch das 9-Uhr-Abo ersetzt wurde. Es ist zwar günstiger, gilt aber erst ab 9 Uhr. "Viele Senioren müssen aber früher unterwegs sein, etwa zu Arztterminen." Die Volkshochschule verzeichne in den Kursen am frühen Vormittag weniger Teilnehmer im Seniorenalter. Florian Freund, SPD-Fraktionschef in Augsburg, sagte, dass man sich "mit einer anderen Regelung viel Ärger hätte sparen können".
Sabine Beck von der Regierung von Schwaben, der Tarife zur Genehmigung vorgelegt werden müssen, sagte, dass Senioren im Schnitt nicht schlechter gestellt seien als vorher. Durch die Ersparnis gegenüber dem alten Seniorenabo könne man mehrere Fahrten mit der Streifenkarte vor 9 Uhr bewältigen, ohne mehr zu zahlen. "Für die Masse ist es kein Verlust, auch wenn manche vielleicht das Gefühl haben."

Wie geht es weiter beim AVV?

Der AVV will kommendes Jahr eine Bestandsaufnahme mit möglichen Änderungsvorschlägen erarbeiten. Die Stadt Augsburg hat ein eigenes Beratungsunternehmen engagiert, das speziell die Augsburger Befindlichkeiten unter die Lupe nehmen soll.
In puncto Fahrgäste und Abo-Abschlüsse war die Tarifreform laut AVV und Stadtwerken ein Erfolg. Man rechne im laufenden Jahr mit einem Allzeitrekord von 64 Millionen Stadtwerke-Fahrgästen, so Geschäftsführer Walter Casazza. Besonders das 9-Uhr-Abo habe sich gut verkauft. Auch der AVV verzeichnet für die ganze Regionähnliche Entwicklungen.
Casazza kündigte für Gelegenheitsfahrgäste ein sogenanntes "Be in, be out"-Modell an. Ein Smart-phone registriert die Fahrten eines Fahrgastes und berechnet am Ende den für ihn günstigsten Preis. Patrick Pönisch, Marketingleiter von DB Regio Bayern, sagte, man müsse sich auch über neue Aboformen Gedanken machen. "In Zukunft wird der Pendler, der täglich von A nach B fährt, wohl seltener." Telearbeit im Zuge der steigenden Digitalisierung spiele dabei eine Rolle. Möglicherweise seien flexiblere Abomodelle – etwa drei freie Fahrten pro Woche – nötig.
 

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01.12.2019

Wie oft fahren denn diese Experten mit den öffis?
Wie sind sie denn angereist? Kam da einer mit der bahn?

Permalink
30.11.2019

>> Patrick Pönisch, Marketingleiter von DB Regio Bayern, sagte, man müsse sich auch über neue Aboformen Gedanken machen. "In Zukunft wird der Pendler, der täglich von A nach B fährt, wohl seltener." Telearbeit im Zuge der steigenden Digitalisierung spiele dabei eine Rolle. Möglicherweise seien flexiblere Abomodelle – etwa drei freie Fahrten pro Woche – nötig. <<

Na endlich mal jemand, der in die verstaubten Stuben von swa und avv diesen Gedanken reinbläst!

Aber auch der Aspekt Teilzeitarbeit wird vom 365 Euro Ticket abgedeckt - weil es einfach günstiger ist und man vielleicht schon deswegen bei 3 Tagen Arbeit ein Abo kauft.

Permalink
30.11.2019

So wie Frau Beck, laut ihrem Artikel, sagt, muss sie wohl nur mit dem Auto unterwegs sein und Geld spielt dabei keine Rolle.
So ist halt das Denken der Bürokraten/innen.

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