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Augsburg

29.01.2019

Fahrradclub: "Stadt hat Angst, Autofahrern etwas zuzumuten"

Radfahren in der Stadt
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Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub fordert mehr Investitionen, um die Lage für Radler in Augsburg zu verbessern. Hier eine Situation in der Hermannstraße.
Bild: Silvio Wyszengrad

Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub fordert, die Lage für Radler zu verbessern. Gewünscht werden aber auch mehr Kontrollen, um Regeln durchzusetzen.

Die Stadt will mit dem Projekt Fahrradstadt 2020 bis kommendes Jahr 25 Prozent Fahrradanteil am Verkehr erreichen. Ist Augsburg auf einem guten Weg dorthin?

Arne Schäffler: Das vergangene Jahr hat erstmals Lichtblicke geliefert, dass es wirklich vorangeht: Da ist der zusätzliche Radverkehrsbeauftragte, da sind mehrere neue und schön breite Radwege, so in der Langenmantelstraße und Donauwörther Straße. Wir finden es auch gut, dass die Stadt für ihren eigenen Fuhrpark Abbiegeassistenten bei ihren Lkws anschaffen wird. Andererseits fragen wir uns schon, ob und wann auch die heißen Eisen angefasst werden: 2014, am Anfang des Projekts „Fahrradstadt 2020“ hat man einstimmig beschlossen, Augsburg durch sechs große Radwegeachsen zu erschließen. Uns ist aber bis heute kein Plan für deren Umsetzung bekannt.

Was wäre der Vorteil von solchen Fahrradachsen?

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Schäffler: Da wurde etwas geplant, was wir beim Autofahren völlig selbstverständlich erwarten: ein durchgehendes Wegenetz. Ich starte in einer kleinen Straße, die mündet in eine Hauptstraße, da komme ich zügig und sicher voran, und ich biege vor dem Ziel wieder ab in eine kleine Straße. Im Radverkehr ist ein zusammenhängendes Wegenetz die Voraussetzung, damit wirklich mehr Menschen aufs Fahrrad umsteigen. In Augsburg heißt das: Eine nördliche Radwegeachse entlang der Langemarck- und Donauwörther Straße, eine nordöstliche von der Grottenau runter durchs Jakobertor Richtung Lechhausen, eine östliche Richtung Friedberg, eine südliche durchs Univiertel nach Haunstetten und so weiter.

Aber in den vergangenen Jahren sind doch Abschnitte dieser Achsen umgesetzt worden, zuletzt etwa die Donauwörther Straße, die Sie ja auch loben.

Arne Schäffler, Vorstand beim Allgemeinen Deutschen Fahrradclub ADFC
Bild: Schäffler


Schäffler: Das ist richtig, aber entscheidend ist, dass das nicht Stückwerk bleibt. Es nützt kaum etwas, mal 500 Meter zu sanieren und die restlichen Straßenabschnitte mangelhaft und beengt zu lassen. Das ist in unserer Stadt leider oft der Fall. Eine Folge ist, dass Sie ständig zwischen Radweg, Schutzstreifen und Gehweg hin- und herwechseln müssen. So wie aktuell am Oberen und Mittleren Graben, also zwischen Vogeltor und Kreuzung Pilgerhausstraße. Dafür haben immer weniger Radler Verständnis.

So einfach ist es ja nicht. Baut die Stadt keine Radwege, regen sich die Radler auf, baut sie Radwege und streicht Parkplätze, regen sich die Autofahrer auf. In der Hermanstraße zeichnen sich schon solche Diskussionen ab.

Schäffler: Der Platz für Autofahrer kann nicht immer das Argument sein. Erst recht nicht, wenn man das Ziel „Fahrradstadt“ ernst nimmt. Da muss man schon zur Kenntnis nehmen, dass in der Hermannstraße viele Unfälle passieren, 2016 und 2017 jeweils neun mit verletzten Radfahrern. Diese hohe Zahl an Unfällen ist für uns die Folge schlechter Wegführung und fehlendem Raum für den Radverkehr. Immerhin scheint das die Stadt inzwischen ähnlich zu sehen. Denn Baureferent Merkle tut etwas für den Radverkehr: Konkret will er einen Fahrradstreifen einrichten, der an der Gögginger Brücke beginnt und bis zur Einmündung der Beethovenstraße reicht. Dort, also kurz vor dem Königsplatz, soll eine neue Alternativroute Richtung Schießgraben- und Hallstraße gepflastert werden. Das alles würde die Situation definitiv verbessern.

Glauben Sie, dass das so kommt? Die Diskussion über wegfallende Parkplätze wird kommen.

Schäffler: Wir werden sehen. Skepsis ist angebracht. Das sehen wir aktuell an der Bauleitplanung rund um die neue Straßenbahnlinie 5. Da scheint das Ziel schon zu sein, dass für den Autoverkehr alles beim Alten bleibt. Der Rest steht hintenan. Dahinter steht eine grundsätzliche Ängstlichkeit der Stadtregierung, den Autofahrern etwas zuzumuten. In der Karolinenstraße gibt es vor der Buchhandlung Pustet 16 Fahrradabstellplätze. Die sind völlig überlaufen – 40 wären angemessen. Was spräche dagegen, zwei Autostellplätze wegzunehmen, um 15 oder 20 Radstellplätze zu gewinnen? Aber die Stadtverwaltung zögert.

Wie fällt Ihre Bilanz nach sechs Jahren Fahrradstadt aus?

Schäffler: Fangen wir beim Geld an: Bisher wird nicht genug investiert. Das Planungsbüro Kaulen, das das Konzept für die Fahrradstadt entwickelt hat, kalkulierte einen Bedarf von sieben Millionen Euro pro Jahr. Nach heutigen Baupreisen sind das 10 Millionen - jedes Jahr. Im Etat 2019/2020 liegen wir bei 3,5 Millionen Euro pro Jahr, davor waren es nur 1 bis 1,5 Millionen jährlich. Diese Unterfinanzierung wird zur Folge haben, dass wir noch einen sehr langen Weg vor uns haben.

Wenn Sie ein paar Wünsche frei hätten – was würden Sie machen?

Schäffler: Für dieses und nächstes Jahr sind unter anderem die Asphaltierung des Flandernwegs oder ein Radweg an der Autobahn vorgesehen. Da setzt man an der falschen Stelle an. Wir würden die großen Fahrradachsen anpacken. Nehmen Sie die Ulmer Straße; die ist hochproblematisch für Radler, 33 Radfahrerunfälle gab es hier 2016 und 2017. Parallel würden wir die Fahrradabstellmöglichkeiten verbessern, in der Innenstadt, etwa an frequentierten Straßenbahnhaltestellen plus kleine Fahrradparkhäuser in den dicht bebauten Wohngebieten. Das bringt Lebensqualität für Tausende Mieter in älteren Mehrfamilienhäusern, wo diebstahlsichere Unterstellmöglichkeiten für Räder fehlen.

Die Zahl der Unfälle mit Radlern steigt tatsächlich seit Jahren. 2017 verzeichnete die Polizei 755 Radler, die in Unfälle verwickelt waren...

Schäffler: In der Tat, der Problemdruck steigt. Dabei ist es die oberste Aufgabe einer Stadt und eines Staates, seine Bürger zu schützen, nicht nur vor Kriminalität, sondern auch vor vermeidbaren Unfällen. Ein gewisses Maß an Unfällen wird es immer geben. Aber das, was wir in Augsburg haben, ist zu viel. Nehmen Sie die östliche Radwegeachse vom Staatstheater Richtung Lechhausen: 2017 gab es zwei Fahrradunfälle in der Grottenau, drei an der Kreuzung Karl- und Karolinenstraße und nochmals drei Radunfälle an der Kreuzung Pilgerhausstraße und Lauterlech. Echt gefährlich ist der Schmiedberg mit drei Radlerunfällen 2017 und vier Radlerunfällen 2016. Wir wollen, dass man angesichts dieser Unfallzahlen über Tempo 30 nachdenkt und, wo sich baulich etwas tun lässt, noch einmal die Bagger kommen und es besser machen.

Liegen die Unfallzahlen wirklich nur an der Infrastruktur? Nicht wenige Unfälle mit Radlerbeteiligung werden von Radlern selbst verursacht...

Schäffler: Natürlich fahren einige Fahrradfahrer mit hohem Risiko. So wie einige Autofahrer mit hohem Risiko fahren. Niemand würde sagen, dass 100 Prozent der Autounfälle durch die Infrastruktur bedingt sind. Und bei den Fahrradunfällen ist das nicht anders. Wir vom ADFC sagen: Will man gefährliches Fahrverhalten bekämpfen, muss die Polizei ran. Ohne Kontrolle und ohne Durchsetzung von Regeln wird’s nicht funktionieren. Deshalb finden wir es schade, dass Augsburgs Polizei derzeit den Radverkehr abgesehen von den Fußgängerzonen kaum kontrolliert. Da sind andere Großstädte weiter, in Berlin etwa haben sich Polizei-Fahrradstaffeln sehr bewährt. Mit klarem disziplinierendem Effekt. Polizisten auf Rädern sind gut darin, Radler dazu zu bringen, die Verkehrsregeln einzuhalten und zum Beispiel Fußgänger nicht zu gefährden. In München gibt es inzwischen kombinierte Kontrollen, wo Radfahrer und Fußgänger gleichzeitig angesprochen werden. Auch das ist eine gute Initiative für ein besseres Miteinander im Straßenverkehr.

Arne Schäffler lebt in Pfersee. Seit 20 Jahren ist er Mitglied im ADFC, seit 2018 auch Vorstandstandsmitglied.

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