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Augsburg

15.05.2015

Obdachlos mit einer ganzen Kinderschar

In Augsburg wird derzeit an vielen Ecken gebaut. Doch erschwinglicher Wohnraum ist rar.
Bild: Peter Fastl

 Die teuren Mieten und die wachsende Stadt setzen einen Verdrängungsprozess in Gang. An seinem unteren Ende: Flüchtlinge, psychisch Kranke, Behinderte, Alleinerziehende

Von Ute Krogull

Otto-Normalbürger stellt sich den typischen Obdachlosen oft so vor: etwas älter, Mann, schlecht rasiert, Suchtkarriere. Das Bild stimmt aber nur noch zum Teil. Durch den Verdrängungsprozess auf dem Augsburger Wohnungsmarkt sind neue Gruppen von Obdachlosigkeit bedroht: psychisch Kranke, Alleinerziehende, Menschen mit Behinderung, Strafentlassene, Arme, Asylbewerber. Zwar gäbe es in Augsburg noch billige bzw. leer stehende Wohnungen, die sie sich leisten können. Doch Vermieter sind oft nicht bereit, Wohnungen zur Verfügung zu stellen – aus Angst vor der Verwahrlosung oder ausbleibenden Mietzahlungen, so das Amt für soziale Leistungen (ASL) in einer Analyse der Situation.

Im Sozial- und Wohnungsausschuss des Stadtrates berichtete Robert Kern, zuständig für das städtische Wohnhilfeprojekt, dass auch immer mehr Familien mit Kindern betroffen seien. Darunter sind zum Beispiel Frauen, die vor ihren Männern ins Frauenhaus flohen und nun auf der Suche nach einer neuen Bleibe sind, aber auch legale Einwanderer aus den EU-Ländern Rumänien und Bulgarien, die zwar einen Job gefunden haben, aber keinen, mit dem sie eine Wohnung für ihre Familie finanzieren können. Wohnungen dieser Größe hat das Sozialamt jedoch kaum zur Verfügung.

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Probleme sieht Kern auch durch die aktuell 1400 Asylbewerber auf die Stadt zukommen. Sie dürfen nach der Anerkennung ihres Status bzw. nach einer bestimmten Zeit aus den bereitgestellten Unterkünften ausziehen. Die Organisation Tür an Tür versuchte, sie dabei mit Wohnungspaten zu unterstützen. Selbst das gestaltete sich schon schwierig, nun lief aber die Finanzierung für das Programm laut Kern aus. Die Folge: „Die Flüchtlinge von heute sind die Obdachlosen von morgen.“

Auch ASL-Leiter Wolfgang Leichs prognostiziert: „Wenn Wohnungsnot beschleunigt wird, trifft es die Schwächsten als Erste.“ Als langjähriger Mitarbeiter der Sozialverwaltung fühlt er sich an die ebenfalls prekären 80er Jahre erinnert, als die Stadt ein Wohnbüro zur Beratung einrichtete. Eine ähnliche Stelle steht jetzt wieder zur Debatte. Außerdem will die Stadt alle beteiligten Stellen zusammenholen – allein fühlt sie sich von dem Problem überfordert. Kern: „Wir werden überrollt.“

Noch gibt es keine Zahlen, auch dieser Bedarf muss erhoben werden. Klar ist aber, dass die schwierige Klientel Hilfe braucht, um „vermieterverträglich“ untergebracht zu werden. Es stehen Maßnahmen von Hausbesuchen zur Überprüfung des Wohnraums, Ausfallbürgschaften oder Anmietung durch die Stadt, Unterstützung bei Hilfsanträgen, Umgang mit Behörden und der Suche nach Handwerkern im Raum. Bereits jetzt unterstützen ehrenamtliche Sozialpaten Mieter, wenn diesen wegen Schulden Kündigung oder Sperrung von Strom und Gas droht. Für einige Gruppen sollen neue Wohnformen entwickelt, die Sozialarbeit muss eventuell ausgebaut werden, Wohnungslosenhilfe und Wohnungsbauwirtschaft sollen enger zusammenarbeiten.

Wie kürzlich bei der Debatte über den Mietspiegel berichtet, nimmt die Zahl der günstigen Wohnungen in Augsburg ab. Gab es früher 20 000 Sozialwohnungen, sind es nur noch 6000. Bei den anderen sind Fristen für die Mietpreisbindung abgelaufen. Garanten für günstigen Wohnraum sind außerdem die Wohnungsbaugesellschaften von Stadt und Landkreis sowie einige Genossenschaften, die insgesamt 20000 der rund 140000 Wohnungen, davon 1000000 Mietwohnungen, verwalten. Doch die Wartelisten sind lang. 2015 gab es laut WBG-Geschäftsführer Mark Dominik Hoppe 4400 Anfragen – nur 700 Einheiten wurden aber frei.

Staatliche Subventionen für sozialen Wohnungsbau gibt es nicht mehr in früherem Ausmaß und die Kostenmiete bei Neubauten beträgt mittlerweile 10 Euro. Laut Hoppe vermietet die WBG-Wohnungen gerade für durchschnittlich 5,86 – mehr als drei Euro unter dem Mittelwert auf dem freien Markt. Ein Abstand, den man nicht endlos vergrößern dürfe, weil er den Druck verstärkt. Die WBG soll nach Beschluss der Regierungskoalition in sechs Jahren 600 Wohnungen bauen. Robert Kern betont aber: „Man kann nicht immer nur an die WBG hinschimpfen.“ Deshalb sollen verstärkt etwa leer stehende Wohnraum genutzt werden; auch Anmietung von Räumen zur Untervermietung ist angedacht.

Die Stadt hat seit Jahren eine Notunterkunft in der Johannes-Rösle-Straße (Rosenauviertel), eine weitere betreibt das Diakonische Werk im Domviertel. Außerdem hat die Stadt über 80 Wohnungen, etwa im Bärenkeller, für Menschen in Notlagen. Davon standen früher viele leer, das hat sich geändert. Nun will Augsburg das Thema anpacken, allerdings in Absprache mit dem Umland.

Denn auch in Städten wie Gersthofen, Neusäß oder Königsbrunn gebe es dieses Problem, ist Sozialreferent Stefan Kiefer überzeugt. Augsburg will aber nicht einmal mehr den Effekt erzielen, Menschen aus dem Umland durch entsprechende Angebote in die Stadt zu ziehen, während die Nachbargemeinden die Hände in den Schoß legen. Nicht zu handeln sei aber ebenso wenig eine Option.

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