Newsticker

Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro hat sich mit Corona infiziert
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Vergewaltigungsverdacht: Paar nach sechs Monaten U-Haft freigesprochen

Augsburg

15.05.2017

Vergewaltigungsverdacht: Paar nach sechs Monaten U-Haft freigesprochen

Ein Paar saß über fünf Monate in U-Haft. Vor Gericht gab es einen Freispruch.
Bild: Alexander Kaya

Ein Mann behauptete, er sei von einem homosexuellen Paar vergewaltigt worden. Zwei Verdächtige wurden eingesperrt. Im Prozess folgt die Wende.

Sie wollten noch nicht nach Hause, als die Party in einem Augsburger Club morgens um fünf Uhr zu Ende ging. Stattdessen entschied sich eine Gruppe von homosexuellen Männern, in der Wohnung eines schwulen Paares noch weiter zu feiern. Die Wohnungsparty hatte für die beiden Bewohner, 35 und 33 Jahre alt, massive Folgen. Sie saßen ein halbes Jahr in Untersuchungshaft. Sie wurden verdächtigt, einen anderen Mann aus der Gruppe in ihrem Schlafzimmer brutal vergewaltigt zu haben. Nun kamen die beiden Männer wieder frei.

Was genau in den frühen Morgenstunden des 18. Septembers 2016 geschehen ist, ließ sich in einem Prozess vor der ersten Strafkammer des Landgerichts nicht mehr klären. Eine ausschweifende Party, so viel steht fest, muss es wohl gewesen sein. Es wurde eine Menge Alkohol getrunken. Und fest steht auch, dass ein Mann nach der Party in der Wohnung in einem Lechhauser Gewerbegebiet eine Anzeige bei der Polizei erstattete und angab, das Opfer einer Vergewaltigung zu sein. Die Kriminalpolizei begann zu ermitteln. Ende Oktober wurde das homosexuelle Paar, das im Jahr 2013 geheiratet hat, dann unter dringendem Tatverdacht verhaftet. Es folgten die Anklage und nun der Prozess.

Massive Vorwürfe gegen das Paar

In der Anklageschrift hieß es, der Jüngere der Angeklagten habe das Opfer ins Schlafzimmer gelockt, wo der ältere Angeklagte schon im Bett lag. Das Paar habe begonnen, sich zu berühren und das Opfer aufgefordert, dabei mitzumachen. Als der Mann aus dem Zimmer habe flüchten wollen, hätten die Angeklagten ihn zurückgehalten. Einer habe mit auch einem Baseballschläger gedroht. Dann habe das Paar mit ihrem Opfer verschiedene Sexpraktiken ausgeübt. Dabei hätten sie denn Mann an Händen und Füßen festgehalten, damit er nicht flüchten oder sich wehren könne.

Vergewaltigungsverdacht: Paar nach sechs Monaten U-Haft freigesprochen

Es ist ein massiver Vorwurf, der in der Anklage geschildert wird. Bei einer Verurteilung hätten beide Angeklagten wohl mit Haftstrafen von über fünf Jahren rechnen müssen. Doch das vermeintliche Opfer, der Mann trat auch als Nebenkläger im Prozess auf, verstrickte sich bei seiner Aussage vor Gericht in Widersprüche. So gab er etwa an, er seit zuvor noch nie in der Wohnung des Paares gewesen und habe sich nur flüchtig gekannt. Tatsächlich aber kannte er die Wohnung schon. Ungewöhnlich auch: Nach der vermeintlichen Tat schlief er im Alkoholrausch ein und ließ sich erst im Lauf des Nachmittags dort abholen.

Am Ende waren für alle Beteiligten die Zweifel zu groß. Staatsanwältin Birgit Milzarek plädierte auf Freispruch, ebenso die Verteidiger Michael Weiss und Silvia Wunderle. Möglicherweise habe es Missverständnisse gegeben, sagte der Vorsitzende Richter Claus Pätzel. Für den Betroffenen habe es sich womöglich angefühlt wie eine Vergewaltigung, für die beiden Angeklagten dagegen wie normaler Sex. Es sei „zu wenig kommuniziert“ worden, was man will – und was nicht. Dass sich das vermeintliche Opfer sich beim Sex nicht gewehrt hatte, wurde in der Anklageschrift mit der Bedrohung durch den Baseballschläger begründet.

Richter fehlen die Belege

Doch mehrere Aussagen in dem Prozess ergaben, dass einer der Angeklagten spärlich bekleidet mit dem Schläger getanzt hatte. Man sich auch gegenseitig „geneckt“, so die Einschätzung des Gerichts. Ausreichend Belege für eine Verurteilung wegen einer Vergewaltigung gebe es jedenfalls nicht, sagte Richter Claus Pätzel.

Mehrere weitere Gäste der morgendlichen Party, darunter ein Zahnarzt, hatten in dem Prozess aussagen müssen. Allerdings war ihre Erinnerung daran teils sehr lückenhaft. Richter Pätzel kommentierte dies launig mit den Worten, er hoffe, sein eigener Zahnarzt habe mehr Erinnerungsvermögen – sonst ziehe er am Ende noch die falschen Zähne.

Die Männer wurden noch im Gerichtssaal freigelassen und fielen sich sofort in die Arme. Nun müssen sie schauen, wie sie beruflich wieder Anschluss finden – der Ältere ist seit über 15 Jahren Maurer, der Jüngere arbeitete bis zur Verhaftung als Hotelfachmann. Für die Untersuchungshaft bekommen die Männer eine Entschädigung.

Es ist ein überschaubarer Betrag. Bei einem Satz von 25 Euro pro Tag kann jeder von ihnen mit einigen Tausend Euro rechnen.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren